Der ukrainische Handballverband (UHF) fürchtet um seinen Fortbestand und fordert mehr Unterstützung vom Weltverband IHF und der europäischen Vereinigung EHF. „Nach fünf Jahren Krieg, zahlreichen Hindernissen und einer zunehmend kritischen finanziellen und logistischen Situation ist unsere Existenz bedroht“, sagte UHF-Generalsekretär Alexander Gladun am Mittwoch der F.A.Z.
Als Reaktion auf die bedrohliche Lage hatte die UHF zunächst alle Mannschaften außer dem Frauen-Nationalteam vom internationalen Spielbetrieb abgemeldet. Es tritt Anfang Dezember bei der Europameisterschaft in Katowice an.
Damit auch die Männerauswahl sichtbar bleibt und Einnahmen nicht verloren gehen, hat der Verband entschieden, sie am 4. November in Island zur EM-Qualifikation antreten zu lassen. Die Reise- und Hotelkosten werden mehr als 50.000 Euro betragen, weil die Spieler aus vielen Ländern anreisen, in der Slowakei versammeln und von dort aus nach Island reisen. 50.000 Euro sind die Summe, die die EHF ausschüttet – für den Fall der Qualifikation.
„Ich laufe wie ein Bettler herum“, sagt der Generalsekretär
In einem Brief an den Weltverbandspräsidenten Hassan Moustafa hat Gladun die erbärmliche Situation des ukrainischen Handballs geschildert. „Ich laufe seit fünf Jahren wie ein Bettler herum“, sagt Gladun, der in Oberammergau lebt und dort an einer privaten Schule Sport unterrichtet. „Ich bin es leid. Wir sind mürbe. Wir sind eine Föderation mit großer Handballtradition und finden doch kein Gehör.“
Es geht ihm weniger um Geld als um strukturelle Hilfe und Anerkennung. Oft werden die Ukrainer mit warmen Worten abgespeist. „Ohne die Unterstützung der Verbände aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Ungarn, Rumänien, der Slowakei und den baltischen Ländern gebe es uns nicht mehr.“ Dabei seien die Grenzformalitäten bei der Ausreise von Spielerinnen aus der Westukraine über die Grenze nach Ungarn, Polen oder die Slowakei nicht zumutbar: „Das dauert bis zu 15 Stunden, minimal fünf.“
Europa stellt sich in Russland-Frage gegen Weltverband
Als besonders bitter empfindet der Funktionär, dessen Vater und Schwester in Kiew leben, die Zulassung der weiblichen U-16-Teams aus Russland und Belarus für die an diesem Donnerstag beginnende Weltmeisterschaft in Tunesien: „Das ist die Belohnung für das, was sie getan haben.“
Der Weltverband (IHF) verweist in einem Brief an den ukrainischen Verband darauf, in seiner Registrierung den Empfehlungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu folgen. Die EHF ist gegen eine Teilnahme Russlands und Belarus und kritisiert den Weltverband für sein Vorgehen: „Wir müssen anerkennen, dass die IHF im Rat ohne Konsultation der EHF und gegen die Stimmen der EHF-Vertreter entschieden hat, Russland und Belarus vollumfänglich wieder für ihre Bewerbe zuzulassen.“
Das bringt die EHF in Verlegenheit: „Die Auswirkungen dieses Beschlusses für den europäischen Handball hat die Exekutive diskutiert und beschlossen, dass eine Registrierung für zukünftige Nationalteam-Wettbewerbe prinzipiell möglich ist. Allerdings behält sich die EHF das Recht vor, je nach Lage (d. h. Entscheidungen des Sportgerichtshofs) über eine Teilnahme zu entscheiden.“
Gleichzeitig werde die Zusammenarbeit mit der Ukraine verstärkt, um ihre Präsenz bei Handballwettbewerben in Europa und weltweit zu sichern, verspricht die EHF. Davon hat Sascha Gladun bisher wenig bemerkt.