Fordert "Renaissance des Eseltums": Setz mit Großem Staatspreis geehrt

Festakt

Fordert "Renaissance des Eseltums": Setz mit Großem Staatspreis geehrt

Kulturminister Babler lobt, "Literatur verändert nicht die Welt, aber unseren Blick auf sie"

Ein Mann mit Brille, langen Haaren und Vollbart steht an einem Rednerpult. Er trägt einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und hält seine Hände auf der Brust. Vor ihm befinden sich ein Mikrofon, ein Glas Wasser und Unterlagen. Im Hintergrund ist eine weiße Wand mit einem Schriftzug sichtbar.
Clemens J. Setz am Mittwoch bei der Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises.

Wien - Der aus Graz stammende und in Wien lebende Schriftsteller Clemens J. Setz (43) ist am Mittwoch mit dem Großen Österreichischen Staatspreis 2026 ausgezeichnet und in den Kunstsenat aufgenommen worden. Er erfülle mit seinen Werken eine wichtige Aufgabe von Literatur, meinte Kulturminister Andreas Babler (SPÖ), der die Urkunde überreichte: "Literatur verändert nicht die Welt, aber unseren Blick auf sie."

Im ehemaliger Kassensaal der Länderbank in der Wiener Innenstadt gestaltete das Trio Harri Stojka, Claudius Jelinek und Uli Permanschlager mit Stücken von Django Reinhardt, John Lennon und Paul McCartney, Harri Stojka und Werner Müller die Preisverleihung zu einer beschwingten Musik-Session, die von kurzen Reden unterbrochen wurde.

Schriftstellerkollegin Anna Baar, 2022 mit dem Großen Staatspreis ausgezeichnet und mit ihrem jüngsten Roman "Amseln" im Rennen um den Österreichischen Buchpreis, betonte namens des Kunstsenats, dass das Betreten von Neuland, das Experiment, der Mut zu Neuem die Staatspreisträger kennzeichne. Babler erinnerte daran, dass der Vorschlag für den jeweiligen Preisträger, der jährlich in Rotation auf den Gebieten Architektur, Musik, Bildende Kunst oder Literatur vergeben wird, aus den Reihen des 21-köpfigen Kunstsenats selbst komme und der mit 30.000 Euro dotierte Preis die höchste künstlerische Auszeichnung der Republik darstelle.

Man beißt die Hand

"Es gibt mittlerweile nicht mehr viele Preise, die Clemens Setz nicht gewonnen hat", meinte Laudator Sebastian Fasthuber und nannte den Preisträger einen "radikalen Verbinder": "Dieser Autor bringt Welten zusammen." Ausgehend von einigen Erzählungen aus seinem neuen Buch "Mein Leben als Noiseband" konstatierte er, der Autor erzeuge bei seinen Leserinnen und Lesern einen "Zustand von extremer Wachheit, Aufmerksamkeit und Klarheit" und erzähle Geschichten über die uralten Themen der Literatur wie Liebe, Tod, Beziehungen und Einsamkeit auf neue Weise. Er habe bei seiner Setz-Lektüre erstaunlich viele Bezüge zum Tennis festgestellt, ohne zu wissen, ob der Autor diesem Sport tatsächlich verbunden sei. "Er hat sich den literarischen Spieltrieb bewahrt" und pflege seine Obsessionen, meine Fasthuber und schloss: "Auf viele schöne Spiele!"

Clemens J. Setz zeigte sich vor allem wegen der Anwesenheit von Harri Stojka nervös ("Ein Wunschtraum!") und analysierte seine eigene Doppelrolle: Als neuer "Mitarbeiter" der Universität für Angewandte Kunst habe er in der Früh ein Mail mit einem Aufruf erhalten, morgen gegen die Kürzungen der Uni-Budgets zu demonstrieren, und nun stehe er hier und erhalte einen Preis der Republik. Die Künstler "kritisieren und profitieren, die Hand, die einen füttert, beißt man ständig – und das schafft zurecht Zweifel an unserer Glaubwürdigkeit". Das komme ihm eigentlich gelegen, denn er habe schon befürchtet, dass man ihm als Staatspreisträger "in Zukunft alles glaubt. Das war nicht so ausgemacht!" So müsse er sich etwa in letzter Zeit ständig über KI äußern. "Die Leute glauben alles, was ich sag', obwohl ich keine Ahnung davon hab'. Was muss ich machen, damit man mir nicht mehr glaubt?"

Setz erzählte von einem Roman des israelischen Literaturnobelpreisträgers Samuel Agnon, in dem ein Hund auf seine Weise Fragen stellt: Er beißt. Und er berichtete von einem Rat seines Vorbilds, des Literaten Josef Winkler: "Es muss zu einer Renaissance des Eseltums kommen." Denn diese Tiere seien wahre Meister der Beharrlichkeit. "Wer die Esel nicht kennt, braucht eigentlich nicht zum Dichten anfangen. Ich wünsche mir eine Renaissance des Eseltums für mich und uns alle", sagte der neue Staatspreisträger. Seine Auszeichnung erfülle ihn "mit großer Dankbarkeit und einer Goldenen Stimmung wahrscheinlich für den Rest meines Lebens".

Früh ausgezeichnet

Clemens J. Setz wurde am 15. November 1982 in Graz geboren. Er studierte zunächst Mathematik und Germanistik auf Lehramt, brach das Studium aber später zugunsten seiner literarischen Karriere ab. Sein erster Roman Söhne und Planeten erschien 2007 im Residenz Verlag, 2008 erhielt er im Rahmen des Bachmann-Preises den Ernst-Willner-Preis. Für den 2009 erschienenen Roman Die Frequenzen bekam er im Jahr darauf den Bremer Literaturpreis.

Mit Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes wechselte Setz 2011 zum Suhrkamp Verlag und erhielt für den Roman den Hauptpreis der Leipziger Buchmesse, später den Kleist-Preis. Es folgten gefeierte Romane wie Indigo (2012), Die Stunde zwischen Frau und Gitarre (2015) oder Bot: Gespräche ohne Autor (2018). 2021 wurde ihm der Georg-Büchner-Preis zugesprochen. Für seinen Roman Monde vor der Landung erhielt er 2023 den Österreichischen Buchpreis. (APA, 22.10.2026)

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.