Frankfurter Holocaust-Überlebende Edith Erbrich: „Haltet die Augen und Ohren offen, damit so etwas nicht mehr passiert.“

Stand: 17.08.2026, 18:22 Uhr

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Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Frannkfurt an Holocaust-Überlebende Edith Erbrich

Zeitzeugin Edith Erbrich (88). © Christoph Boeckheler

Die 88-Jährige überlebte als Siebenjährige das KZ Theresienstadt. Seitdem sie in Rente ist, erzählt sie ihre Geschichte öffentlich. An diesem Montag erhielt sie die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt.

Eigentlich sollte Edith als Siebenjährige nach Auschwitz deportiert und dort vergast werden. So der Plan der Nazis. Das erfuhr die heute 88-Jährige, die das KZ Theresienstadt überlebte, später aus den Akten. An diesem Montagmittag wartet Edith Erbrich mit ihren rot gefärbten Haaren auf einem der Ledersessel im Römer. Wenig später wird sie von Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) die Ehrenplakette der Stadt erhalten. „Das ist eine große Ehre“, sagt sie. Erbrich sieht jünger aus, strahlt eine besondere Lebensenergie aus. Als Edith Bär wird sie im Oktober 1937 in Frankfurt als Tochter eines Juden und einer Katholikin geboren. Sie ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeug:innen des Holocaust.

Deportiert von der Großmarkthalle aus

Hat sie Angst vor der Zukunft, wenn es keine Zeitzeug:innen mehr gibt? Sie sagt: „Ich habe so viele Aufnahmen meiner Erinnerungen hinterlassen. Es wird weitergehen, auch wenn es natürlich etwas anderes ist, wenn jemand erzählt, der den Holocaust selbst erlebt hat. Aber irgendwann sterben wir alle aus. Es ist schon sehr lange her.“ Ihre Erinnerungen sind aber bis heute sehr lebendig. Ihre Geschichte hat sie immer wieder vor Schüler:innen erzählt und auch in ihrem Buch „Ich hab’ das Lachen nicht verlernt“ niedergeschrieben. Erbrich, die in Langen lebt, hat auch das Bundesverdienstkreuz und den Hessischen Verdienstorden verliehen bekommen. Erst 1997, als sie in Rente ging, habe sie angefangen, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen. „Ich wollte das nicht während meines Berufslebens machen, ich wollte kein Mitleid von Kollegen.“ Zudem habe sie lange gedacht: „Meine Geschichte interessiert keinen Menschen.“

Ihre Kindheit im Krieg habe sie früh „härter gemacht“. Als sogenannte „Halbjüdin“ von den Nationalsozialisten gedemütigt, darf sie nicht zur Schule gehen, muss den „Judenstern“ tragen. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, am 14. Februar 1945, muss die Siebenjährige dann mit Vater, Mutter und der vier Jahre älteren Schwester vom Wohnhaus in der Uhlandstraße zur Großmarkthalle laufen.

Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau

Denn an diesem Tag geht von dort ein Transport in das Konzentrationslager Theresienstadt. Die schwangere Mutter will mit. Das wird ihr verwehrt, weil sie für die Nazis eine „Arierin“ ist. Als Edith mit Vater und ihrer Schwester eingepfercht im Viehwaggon steht, wird die Schiebetür kurz wieder geöffnet: Ein SS-Mann ruft, man solle die Kinder hochhalten, die Mutter wolle sie noch mal sehen. Dieses Erlebnis ist unterhalb des zur Gedenkstätte gehörenden Stegs festgehalten, der nach Erbrich benannt worden ist. Sie hatte sich dafür eingesetzt, dass an der Großmarkthalle, dort, wo jetzt die EZB ist, ein Mahnmal zur Erinnerung an die Deportationen geschaffen wurde. Im KZ Theresienstadt musste sie als Kind einmal den ganzen Tag mit der Zahnbürste den Boden putzen. Alle drei Familienmitglieder überleben.

In der Nacht der Befreiung durch die Rote Armee war sie im KZ Theresienstadt wegen der Schießereien aufgewacht. Eine Frau habe gerufen, dass sie frei seien. „Frei, wir konnten mit dem Wort nichts anfangen“, so hatte Erbrich es mal in einem Interview mit der FR formuliert. Von den 11.000 deportierten Frankfurter Jüdinnen und Juden hatten nur 179 überlebt. Als die Familie nach Frankfurt zurückkommt, hat die Mutter einen kleinen Bruder geboren. Später macht Erbrich eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau in der Finanzbuchhaltung, wechselt dann zu den Stadtwerken. Sie heiratet „einen christlichen Mann“. „Kinder habe ich keine gehabt. Leider“, sagt Erbrich. Ihre Schwester sei vergangenes Jahr mit 92 Jahren gestorben. „Sie hatte Demenz, aber bis zum Schluss, hat sie unser Zeichen gekonnt, das wir schon als Kinder gemacht haben, als wir uns die Hand gegeben haben“, sagt sie. Sie fehle ihr sehr: „Sie war meine Schwester, meine Freundin, meine Mutter, sie war alles für mich.“ Mit ihrem Bruder habe sie den Kontakt abgebrochen, nachdem er gesagt habe, „dass er mit dieser ganzen Sache“ (ihrer Familiengeschichte) „nichts zu tun haben möchte“. Das habe sie nicht akzeptieren können.

Was sagt sie zum aktuellen Rechtsruck? „Bitte haltet die Augen und Ohren offen, damit so etwas nicht mehr passiert. Denn nachher kommt wieder: ‚Wir haben von all dem nichts gewusst.‘“ Wenn sie diesen Satz hört, werde sie sehr wütend.