Darum gehts
- Ein Dark-Romance-Roman mit einer sexuellen Beziehung zwischen einem Lehrer und seiner minderjährigen Schülerin löst auf Booktok eine Debatte aus.
- Kritiker werfen dem Genre vor, sexuelle Gewalt oder Missbrauch teilweise zu romantisieren und fordern klare Grenzen sowie Altersfreigaben.
- Eine Booktokerin betont, entscheidend sei nicht das Thema eines Buches, sondern ob problematische Inhalte kritisch eingeordnet oder verherrlicht werden.
- Eine Psychologin warnt, dass vor allem junge Menschen problematische Beziehungsdynamiken idealisieren könnten. Sie fordert klare Triggerwarnungen.
Mafia-Bosse, Entführer oder gewalttätige Männer als Liebespartner: Was für die einen verstörend klingt, gehört für Millionen Leserinnen und Leser zu ihrem Lieblingsgenre. Doch genau das sorgt derzeit für hitzige Diskussionen.
Darf ein Roman Gewalt, Stalking oder Machtmissbrauch als Liebesgeschichte erzählen? Während Fans Dark Romance als reine Fiktion verteidigen, fordern Kritiker klare Grenzen – insbesondere dann, wenn problematische Inhalte romantisiert werden.
Wo liegt die Grenze?
Genau darüber wird derzeit auf Booktok intensiv diskutiert. Ausgelöst wurde die Debatte unter anderem durch einen Roman einer deutschen Autorin, der aktuell auch juristisch für Diskussionen sorgt.
Liest du Dark-Romance-Bücher?
Ja, ich bin ein Fan.
Ja, aber ich finde es schon grenzwertig.
Ich habe es mal probiert, aber das ist mir zu viel.
Nein, aber ich bin interessiert.
Nein – das ist ganz sicher nichts für mich!
Ich will nur die Resultate sehen.
Für viele Nutzerinnen und Nutzer geht es deshalb längst nicht mehr nur um dieses eine Buch, sondern um die grundsätzliche Frage, welche Grenzen das Genre haben sollte.
Was ist Booktok?
«Ich möchte das Genre nicht verurteilen»
Eine, die sich an der Debatte beteiligt, ist die Booktokerin Jenny. Ihr Video zum Thema wurde knapp 193'000 Mal angesehen und löste zahlreiche Diskussionen aus. Dabei gehe es ihr ausdrücklich nicht darum, einzelne Autorinnen oder Autoren anzugreifen. «Es geht nicht um eine Abrechnung mit dem Genre Dark Romance», sagt sie.
Sie selbst lese Dark-Romance-Bücher gerne. Trotzdem gebe es für sie klare Grenzen. «Meine persönliche Grenze ist dort erreicht, wo aus meiner Sicht strafrechtlich relevante oder gesellschaftlich besonders sensible Themen romantisiert oder verherrlicht werden.» Dazu gehörten insbesondere die Romantisierung sexueller Übergriffe oder sexuelle Inhalte mit Minderjährigen.
«Nicht das Thema entscheidet – sondern der Umgang damit»
Für Jenny ist deshalb nicht ausschlaggebend, welche Themen ein Buch behandelt. «Dark Romance darf sich meiner Meinung nach auch mit Stalking oder Gewalt befassen. Entscheidend ist nicht das Thema, sondern die Art, wie damit umgegangen wird.»
«Wichtig ist, dass solche Inhalte kritisch eingeordnet und nicht romantisiert oder verharmlost werden.» Sie könne deshalb durchaus verstehen, weshalb einzelne Bücher derzeit kontrovers diskutiert würden. Gleichzeitig warnt sie davor, das gesamte Genre zu verurteilen.
«Problematisch wird es, wenn Gewalt romantisiert wird»
Rebecca Humpert, Psychologin, sieht nicht grundsätzlich problematisch, wenn Bücher Gewalt oder toxische Beziehungen thematisieren. Entscheidend sei vielmehr, wie diese dargestellt würden. «Gewalt kann durchaus Teil einer Geschichte sein», sagt sie.
Das sagt Orell Füssli
Kritisch werde es erst dann, wenn ungesunde Beziehungsmuster romantisiert würden – etwa wenn ein gewalttätiger Mafia-Boss trotz Folter, Mord oder Gewaltandrohungen als besonders begehrenswerter Liebespartner inszeniert werde.
Sie habe Kommentare zu einem bekannten Dark-Romance-Buch gelesen, in denen junge Frauen schrieben, sie wünschten sich einen Partner wie den männlichen Protagonisten. «Das hat mich schockiert», sagt Humpert. Solche Reaktionen zeigten, dass problematische Dynamiken teilweise idealisiert würden.
Triggerwarnungen seien wichtig
Grundsätzlich könnten Erwachsene Realität und Fiktion gut voneinander unterscheiden. «Kritischer wird es bei Kindern und jüngeren Jugendlichen, deren Gehirn noch nicht vollständig entwickelt ist», sagt Humpert. Ihnen falle es schwerer, problematische Inhalte richtig einzuordnen.
Gerade deshalb seien Triggerwarnungen wichtig. «Themen wie Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt, Grooming oder Kindesmissbrauch können bei Betroffenen Flashbacks oder sogar Retraumatisierungen auslösen», erklärt die Psychologin.
Solche Inhalte sollten deshalb klar gekennzeichnet werden – idealerweise direkt zu Beginn des Buches oder zumindest über ausführliche Content Notes. «Dark-Romance-Bücher ohne Triggerwarnungen halte ich persönlich für unverantwortlich», sagt Humpert.
Liest du Dark Romance? Wenn ja, wieso? Und wenn nein, wieso nicht? Und: Welche Inhalte sind für dich noch Teil des Genres – und wann geht dir eine Geschichte zu weit? Schreib uns deine Meinung unten ins Formular.

Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.