Freddie Mercury: So war seine Zeit in München

Herr Bardola, in Ihrem Buch „Mercury in München“ behaupten Sie, die Jahre von 1979 bis 1985, die der Queen-Frontmann dort verbrachte, seien die besten seines Lebens gewesen. Hat er das auch selbst so gesehen?

Es gibt mehrere Aussagen von ihm, wie wohl er sich in München gefühlt hat. Das bestätigen auch ihm nahestehende Menschen. Mary Austin, seine langjährige Partnerin, sagt ganz aktuell anlässlich eines sehr empfehlenswerten neuen Buchs von ihr, Freddie sei am freiesten gewesen, als er es auf die Spitze getrieben hat. Und das war zweifellos in München. Es waren seine dekadentesten, aber auch mit seine kreativsten Jahre. Außerdem sagt Mary Austin in dem „Guardian“-Interview: Wo immer Freddies Sexualität weithin akzeptiert wurde, sei er glücklich gewesen. Auch das war in München der Fall. Hinzu kommt: Das waren die unbeschwerten Jahre, die Jahre vor seiner Aids-Diagnose, die ab 1986 öffentlich diskutiert wurde, die er aber wohl schon 1985 bekam.

München war damals mehr als heute die Stadt der Strizzis.

Auch das hat ihn definitiv gereizt. Er selbst stellte sich gerne als Bad Guy dar – die Soloplatte von ihm aus der Zeit heißt ja auch „Mr. Bad Guy“. Der Bad Guy fühlt sich wohl im halbseidenen Milieu, durchaus auch nahe der Kriminalität. Er war ja abhängig von Kokain. Damit gerätst du sehr schnell in die Nähe gefährlicher Leute.

Seine sehr gute Freundin, die Schauspielerin Barbara Valentin, galt als entscheidendes Element in der Lieferkette. Einmal soll sie sogar Koks in ihrer Vagina geschmuggelt haben.

In der Tat. Sie war der Puffer zwischen Freddie und den Dealern. Aber natürlich noch viel, viel mehr.

Es gibt immer wieder Spekulationen über den wahren Charakter dieser Beziehung. Wie ist da der Forschungsstand?

Sie hatten ohne Zweifel eine Liebesbeziehung. Auf seinem in München entstandenen Soloalbum bedankt Freddie sich bei seinen Bandkollegen Brian May, John Deacon und Roger Taylor dafür, dass sie sich komplett rausgehalten hätten, und bei Barbara Valentin „for big tits and misconduct“. Minki Reichardt, Barbara Valentins Tochter, sagte in einem Interview: Sie hatten Sex. Valentin war eine Erscheinung – und in München bekannter als er. Das war ihm sehr recht. Er konnte sich buchstäblich hinter ihr verstecken, wenn sie zum Beispiel im Luxusgeschäft Bettenrid nach neuer Wäsche geschaut haben. Sie inspirierte ihn auch zu mehreren Songs. Und er fühlte sich ihr bis zum Schluss sehr verbunden. Es gibt ein Foto von seiner vorletzten Geburtstagsparty in London, da ist Mary Austin an Freddies rechter Seite und Barbara Valentin an Freddies linker, der Herzensseite. Drumherum nur Männer.

Der Autor Nicola Bardola, geboren in Zürich, ist wie Freddy Mercury Wahlmünchener.
Der Autor Nicola Bardola, geboren in Zürich, ist wie Freddy Mercury Wahlmünchener.Ueli Frey

München steht ja nicht nur für „Leben und leben lassen“, sondern auch für politische Rigidität, gerade im Umgang mit HIV-Patienten. Hat Mercury das wahrgenommen?

Für alles Einengende hatte er keinen Sinn. Aber natürlich hat er mitbekommen, dass es Leute in der CSU gab, die HIV-Patienten kasernieren wollten. Das war aber schon zu einer Zeit, als er sich nach London in die Garden Lodge, ein Landhaus mitten in der Stadt, zurückgezogen hatte und kurzzeitig glaubte, er könne, wenn er fortan lebte wie eine Nonne, das Schicksal noch wenden.

Er hätte doch auch in München eine ruhige Ecke finden können. In Solln oder Bogenhausen ...

Er war hin- und hergerissen. Er plante ursprünglich, in München zu bleiben, er wollte Deutsch lernen, hat sich Wörterbücher besorgt, bat wohl auch immer wieder seine Umgebung, mit ihm Deutsch zu sprechen. Aber München war für ihn eben vor allem das Glockenbachviertel – und gerade dort breitete sich die Gefahr ab 1985 immer mehr aus.

Mercury hatte ja eine Schwäche für Lederoutfits – schloss das auch die bayerische Hirschlederne ein?

Sein Assistent Peter Freestone sagt, dass ihm die Waden der Bayern mit Lederhosen sehr gut gefallen haben. Auch das Karnevaleske an den Trachten. Fasching in München mochte er sehr. „They do know how to boogie“, sagte er über die Münchner, weil die an Fasching sechs Tage durchfeierten.

In der Münchener Zeit ließ er sich seinen markanten Schnauzer wachsen. War das ein Akt der kulturellen Aneignung?

Bayern könnte eine Inspirationsquelle gewesen sein, außerdem Lastwagenfahrer, für die er ein Faible hatte. Und dann natürlich New York, Village People.

Wenn man nach Ihrem Buch geht, hat Mercury in München ständig gefeiert. Wann hat er überhaupt gearbeitet?

Bei Genies wie ihm sind Arbeit und Pläsir nicht so klar zu trennen. Nicht umsonst haben Queen den berühmten Rockclub Sugar Shack als „Office“ bezeichnet, wo sie tatsächlich auch neue Sounds ausprobiert haben. Einmal sind sie mitten in der Nacht aus dem „Sugar Shack“ aufgebrochen, um in die Musicland-Studios von Giorgio Moroder zu gehen und da „Dragon Attack“ zu komponieren. In München ging ihnen vieles leicht von der Hand. Sie waren beflügelt vom enormen Erfolg der allerersten Münchner Platte „The Game“, ihrer ersten und einzigen Nummer-eins-Platte in den USA. „Crazy Little Thing Called Love“ soll Freddie in 20 Minuten in der Badewanne geschrieben haben. Er hat den Song sogar eingespielt, bevor Brian May kam und daran rumtüfteln konnte.

Nicola Bardola lebt seit mehr als 40 Jahren in München, hat Freddy Mercury aber nie getroffen – zu seinem Bedauern.
Nicola Bardola lebt seit mehr als 40 Jahren in München, hat Freddy Mercury aber nie getroffen – zu seinem Bedauern.Bild Markus Naegele

Gitarrist May steht im Ruf, der Pedant der Band zu sein. Er war ja auch der Einzige, der München ein bisschen kritisch gesehen hat.

May, aber auch Roger Taylor waren München gegenüber am ehesten skeptisch. May hatte den Alpenföhn im Verdacht, die geheimnisvoll-gefährliche Stimmung zu erzeugen. Er hatte auch Probleme mit dem Arabella-Hochhaus, wo im Keller die Musicland-Studios waren – und wo sich Leute in Suizidabsicht vom Dach gestürzt haben. Es gibt aber auch positive München-Zitate von May. Jeder von Queen fand seine schönen Seiten an München, seien es schöne Geliebte oder, wie im Fall von Roger Taylor, außerdem schöne BMWs.

Mercurys Aktionskreis in München war fußläufig erschließbar. Ist er denn auch mal rausgekommen, an den Starnberger See, gar nach Franken?

Barbara Valentin hat mit ihm durchaus Exkursionen gemacht. Es gibt Berichte, dass Freddie sich in Verkleidung das Schloss Neuschwanstein angeschaut hat. Ludwig II. hat ihn interessiert, klar: schwuler König mit Hang zur Extravaganz.

Dass München heute nicht mehr ist wie damals, hat das auch mit dem Abgang von Magneten wie Mercury zu tun?

Mit Sicherheit. Und mit der Schließung etwa der Musicland-Studios – da, wo sie früher waren, ist heute ein Fahrradkeller. Es kommen aber sicher auch andere Effekte dazu. Dietmar Holzapfel, Betreiber des Lokals „Deutsche Eiche“, wo Freddie oft war, hat das mal schön erklärt. Dass die Schwulen sich heute nicht in abgesonderten Bars treffen müssen, ist zwar gut, aber es ist dadurch auch etwas verloren gegangen.

Mercury hat die HIV-Diagnose längere Zeit verdrängt. Könnte er in München andere Leute angesteckt haben?

Die Gefahr besteht. Ich habe bei meinen Recherchen fürs Buch immer mal wieder vorwurfsvolle Töne gehört, etwa von Freunden, die überlebt haben.

Mercury wäre an diesem Samstag 80 geworden. Wenn er noch leben würde – wie, glauben Sie, sähe das aus?

Reinhold Mack, der legendäre Produzent, quasi das fünfte Mitglied von Queen, sagte einmal über Freddie, dass er zumindest bisexuell war und nicht viel gefehlt hätte, dass er eine Familie gegründet hätte. Er mochte das Konzept von Familie sehr, er konnte stundenlang Weihnachtsbäume dekorieren, und wer weiß, vielleicht wäre er ein wundervoller, womöglich in München lebender Vater geworden. Gewiss würde er weiter Songs komponieren und live performen.