Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens: Der bedeutende deutsche Historiker Michael Stürmer ist tot

Michael Stürmer hat deutsche und europäische Geschichte stets im grösseren Zusammenhang gesehen. Und er nahm als Berater von Bundeskanzler Kohl auch politisch Einfluss. Nun ist er im Alter von 87 Jahren verstorben.

Ulrich Schlie16.07.2026, 13.20 Uhr

5 Leseminuten


Unstillbare intellektuelle Neugier: Michael Stürmer in einer Aufnahme aus dem Jahr 2008.

Unstillbare intellektuelle Neugier: Michael Stürmer in einer Aufnahme aus dem Jahr 2008.

Christian Thiel / Imago

Die Geschichte, so zitierte Michael Stürmer gerne den Basler Historiker Jacob Burckhardt, mache nicht klug für ein andermal, sondern weise für immer. Skepsis gegenüber den Lehren der Geschichte ist berechtigt; sie ist Erbe der Aufklärung und Lebenserfahrung des 20. Jahrhunderts zugleich. Wenn die Geschichte überhaupt etwas lehrt, dann vor allem aus dem Erlebnisbereich der Lebenden. Für den Historiker Michael Stürmer, der am 29. September 1938 in Kassel geboren wurde, umfasste dieser Erlebnisbereich die Geschichte der Bundesrepublik von Anfang an.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Verlust, Zerstörung, Gespür für die Brüchigkeit des Bodens der Zivilisation, zugleich Bildungshunger, Improvisationsfähigkeit und Leistungsorientierung in einer von den materiellen und psychologischen Beschädigungen des Zweiten Weltkriegs traumatisierten Gesellschaft waren für Michael Stürmer prägende Erfahrungen in frühen Jahren. Die stupende Leistungsbereitschaft, die schier unstillbare intellektuelle Neugier, die materielle Bezogenheit – auch sehr konkret später die Bemühungen des passionierten Möbelrestaurators, Beschädigtes wieder ganz zu machen –, dies sind die lebenslang nachwirkenden Erfahrungen gewesen.

Das «ruhelose Reich» im Blick

Nach Industriepraktikum und Wehrdienst folgte das Studium der Geschichte, Politik und Soziologie in Marburg, Berlin und London. Die Dissertation im Jahr 1966 über «Koalition und Opposition in der Weimarer Republik» und die Habilitation 1971 über Regierung und Reichstag in der «Bismarckzeit» weisen bereits auf spätere Werke hin und zeigen die methodische Verbindung von verfassungsrechtlichen und politikwissenschaftlichen Ansätzen.

Im Oktober 1973 folgte Michael Stürmer dem Ruf auf den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die wissenschaftlichen Themen jener Jahre konzentrierten sich nun auf das alte Handwerk und die höfische Kultur des 17. und 18. Jahrhunderts, als England den Massstab der Lebenskultur angab, englische Möbel, englisches Silber, englische Uhren und englische Industrie auf dem Kontinent vordrangen.

Stürmers Blick auf den Verfall des Kunstmarkts am Ende des Ancien Régime war dabei immer auch zugleich Analyse der sozialen und politischen Krise jener Zeit, als nur noch Auktionen und Lotterien halfen, die ungewollten Luxusgüter auf den Markt zu werfen. Sozialgeschichte, Verfassungsgeschichte, Kulturgeschichte oder moderne Politikgeschichte: Michael Stürmer hat deutsche und europäische Geschichte stets im grösseren Zusammenhang gesehen und gedacht.

In Erlangen gewannen die Themen «Nation und Europa» an Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen deutscher Frage und europäischem Gleichgewicht blieb für die nun folgenden Jahrzehnte bestimmend. Sie finden sich bereits in seiner grossen Gesamtdarstellung der Zeit des Deutschen Kaiserreichs, dem 1983 publizierten «Ruhelosen Reich», einer glanzvollen Geschichte des kaiserlichen Deutschland. Mit dieser Studie hatte sich Michael Stürmer in die allererste Reihe der deutschen Geschichtswissenschaft geschrieben.

Folgenreich war ein paar Jahre zuvor die Begegnung mit dem damaligen Vorsitzenden der CDU Deutschlands, Helmut Kohl, anlässlich eines Kolloquiums gewesen. Bald darauf wurde Michael Stürmer zum deutschlandpolitischen Ratgeber und Redenschreiber des Oppositionsführers im Deutschen Bundestag und, seit Oktober 1982, amtierenden deutschen Bundeskanzlers.

Galionsfigur im Historikerstreit

Auch geschichtspolitisch hat Michael Stürmer in den 1980er Jahren mehr als andere Einfluss genommen: als Mitglied des Gründungsbeirates des Deutschen Historischen Museums in Berlin und des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, als vielschreibender Publizist – auch in der NZZ – und gefragter Festredner. Es konnte dabei nicht ausbleiben, dass Michael Stürmer auch Widerspruch hervorrief.

Wie ein Vulkanausbruch erschütterte 1986 der sogenannte Historikerstreit die intellektuellen Debatten Westdeutschlands, als der Philosoph Jürgen Habermas in der «Zeit» unter dem Titel «Eine Art Schadensabwicklung» zum Frontalangriff gegen eine von ihm als «konservativ» bezeichnete Historikerschaft ansetzte, Instrumentalisierung von Geschichte in parteipolitischer Absicht unterstellte und dabei auch Michael Stürmer ins Visier nahm. Durch den Historikerstreit jedenfalls war Michael Stürmer zur politischen Galionsfigur geworden.

Im April 1988 wechselte er von der Universität Erlangen an die Spitze des Forschungsinstituts der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen. Es war die Zeit, als die DDR ihrem Ende entgegenging und Gorbatschows Reformkurs die revolutionären Umbrüche des Jahres 1989 und damit auch die Wiedervereinigung Deutschlands möglich machte.

Jetzt ging es darum, Deutschlands neue Lage und die daraus folgenden grösseren internationalen Aufgaben zu bestimmen und die deutsche Öffentlichkeit auf eine neue Rolle vorzubereiten. Mit dem Essay «Grenzen der Macht» hat Michael Stürmer 1992 eine Standortbestimmung vorgenommen, bei der die historischen Bezüge des wiedervereinigten Deutschlands stark betont werden.

Die 1990er Jahre waren geprägt durch die bittere Erfahrung, dass die europäischen Staaten sich auf dem Balkan als unfähig erwiesen, den im Zusammenhang mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens verlorenen Frieden wiederherzustellen. Die Auflösung der Sowjetunion und der damit einhergehende Zerfall der Hegemonie Russlands über die einstigen Satellitenstaaten in Ostmittel- und Osteuropa wurde zur Hochzeit der Politikberatung.

Michael Stürmer zählte zu den Mahnern, die die Stimme gegen ein zu weitgehendes roll back erhoben, und er hat, bei aller Klarheit der Analyse der weit gespannten geopolitischen Ziele des russischen Riesenreichs, immer auch um Verständnis für die russischen Interessen und vor allem die Notwendigkeit eines strategischen Ausgleichs zwischen dem Westen und Russland geworben.

Welche Brücke trägt?

Nach dem Rückzug von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Jahr 1998 kehrte Michael Stürmer an die Universität Erlangen-Nürnberg zurück und trat als Chefkorrespondent in die Dienste des Axel-Springer-Verlages. Die Monografien, die jetzt entstanden, stehen im engen Zusammenhang mit seiner publizistischen Tätigkeit: «Die Kunst des Gleichgewichts: Europa in einer Welt ohne Mitte», «Welt ohne Weltordnung: Wer wird die Welt erben?» und «Russland. Das Land, das aus der Kälte kommt».

Michael Stürmer hat dabei das Element der Neugier zur Grundlage seines Werks gemacht. Er hat es insbesondere verstanden, die in den Institutionen im Rechtssystem, in den sozialen und politischen Bewegungen gegenwärtige Vergangenheit zu erfassen, und er hat Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens begriffen.

Was bleibt noch von der Vergangenheit? Welche Brücke trägt noch? Welche Massstäbe taugen, um die Verkettungen von damals und heute zu begreifen – so lauteten seine wiederkehrenden Fragen. Geschichte als Wissenschaft und Geschichte als Lebensmacht sollten eine Einheit bilden. Michael Stürmer hat in seinem vielschichtigen Werk die Relevanz von Geschichte und den lebensweltlichen Zusammenhang zwischen Geschichte und Politik bewiesen.

Seit der Pandemie ist Michael Stürmers öffentliche Stimme verstummt. Seine letzten Jahre waren von schwerer Krankheit geprägt, die er zurückgezogen in seinem Haus im oberbayrischen Isartal geduldig ertragen hat. Am Montag ist er 87-jährig verstorben.

Ulrich Schlie ist Historiker und Henry-Kissinger-Professor für Sicherheits- und Strategieforschung an der Universität Bonn.

Passend zum Artikel

Der Krieg war vorbei, Deutschland lag in Trümmern: Am 20. November 1945 begann in Nürnberg der Hauptkriegsverbrecherprozess. Die Voraussetzungen, um die Wahrheit über das Naziregime zu erfahren, waren schlecht.

Die Wahlerfolge der AfD führen zu besorgten Fragen. Haben die Deutschen die Lehren der Geschichte vergessen? Wiederholt sich das Szenario, das zum Untergang der Weimarer Republik geführt hat? Die Antwort ist Nein: Berlin ist nicht Weimar.

Helmut Kohl ist tot. Der Alt-Kanzler starb am Freitagmorgen in seinem Haus in Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren. Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler. Er setzte die Wiedervereinigung Deutschlands durch.