Gewaltwelle mit Messerattacken erreicht polnische Schulen

Eine Grundschule im Zentrum Polens wurde am Donnerstag (8.10.2026) zum Ort eines schrecklichen Verbrechens. Im Dorf Leszczydol-Nowiny nordöstlich von Warschau betrat kurz nach neun Uhr ein 15-Jähriger das Schulgebäude und stach der Hausmeisterin mit einem Messer in den Hals. Die 37-jährige Mutter von zwei Kindern starb trotz Belebungsversuchen am Ort des Geschehens. Der Schulleiter überwältigte mit Hilfe einer Lehrerin den Angreifer. Beide wurden dabei selbst verletzt. Der Täter war kein Unbekannter - er stammt aus dem Dorf und hatte erst im Juni die Grundschule absolviert.

Wie kurz nach dem Attentat bekannt wurde, trug der Angreifer einen Helm mit einer Kamera, mit der er den Überfall filmen konnte. Er wurde auf dem Schulgelände festgenommen und in eine Polizeiwache gebracht. Er soll drei Messer bei sich gehabt haben.

Polen galt bisher im Vergleich zu Westeuropa und Amerika als ein sicheres Land. Doch die Messerattacke vom Donnerstag war nicht die einzige in jüngster Zeit. Mehrere Vorfälle der vergangenen Tage stellen Polens Ruf als Land mit sicheren Schulen nun in Frage.

Luftbild eines Gebäudes, das eine Grundschule ist. Vor dem Gebäude ist ein schwarzer Kleinbus sowie ein Polizeiwagen zu sehen, hinter dem Gebäude liegt ein Sportplatz
Luftbild der Grundschule im polnischen Dorf Leszczydol-Nowiny nach dem tödlichen MesserangriffBild: Wojtek Radwanski/AFP

Am Mittwoch war es zu einem Messerangriff in einer Berufsschule im Ort Ostroleka, im Nordosten des Landes, gekommen. Ein 19-Jähriger verletzte dort mit einem "scharfen Gegenstand" - Medien berichteten von einer Machete - neun Personen: Lehrer, Schüler sowie während seiner anschließenden Flucht aus der Schule zwei Passanten. Im Rucksack hatte er eine selbstgebaute Bombe, die aber nicht explodierte. Nach der Tat versuchte sich der Attentäter selbst zu verletzen. Die Polizei nahm ihn kurz darauf am Stadtrand fest.

Am selben Tag wurde ein 17-Jähriger in Sierpc in Zentralpolen festgenommen. Er soll einen Anschlag an seiner Schule geplant haben. Weil er vorher ankündigte, er werde den anderen "etwas Böses antun", warnten die Mitschüler den Lehrer, der wiederum die Polizei alarmierte. Bei der Durchsuchung wurden in seiner Wohnung zwei Messer sichergestellt. Im Internet erkundigte er sich, wie man ein Attentat in der Schule durchführt. 

Premier Tusk reagiert auf "schwarze Serie"

Die "schwarze Serie", so die Zeitung Rzeczpospolita, rief am Donnerstag den polnischen Regierungschef Donald Tusk auf den Plan. Auf einer ad hoc einberufenen Konferenz, an der Polizeichef Marek Boron sowie Innenminister Marcin Kierwinski und Digitalminister Krzysztof Gawkowski teilnahmen, lobte der Premier den Heldenmut der Lehrer und kündigte schärfere Schutzmaßnahmen an. Ab sofort soll die Polizei ihre Präsenz nicht nur rund um die Schulen verstärken, sondern auch mindestens einmal am Tag auf dem Schulgelände patrouillieren.

Ein Mann in Anzug (Donald Tusk) hinter Mikrofonen
Der polnische Ministerpräsident Donald TuskBild: Lisi Niesner/REUTERS

"Das ist ein Warnzeichen. Polen war bisher ein sehr sicheres Land, was die Terrorgefahr an den Schulen betrifft. Mit großer Sorge verfolgten wir die Dramen an den Schulen in anderen Ländern, vor allem in Amerika", sagte Tusk. "Wir haben es zum ersten Mal mit einem minderjährigen Mörder zu tun, der einen Helm mit einer Kamera trug. Er hatte vor, seine Messerattacke zu filmen", so der Regierungschef. Er warnte vor Nachahmungstätern, die durch die Gewaltwelle im Internet zu weiteren Attacken ermuntert werden könnten. 

Laut der polnischen Polizei kann man beim Vorfall vom Donnerstag nicht ausschließen, dass es um eine "Challenge" als Tatmotiv ging, obwohl im Moment keine Beweise für eine Verbindung zwischen den Taten vorliegen. Bei so genannten Challenges - das englische Wort bedeutet eigentlich Herausforderung - stellen sich jugendliche User über Social-Media-Plattformen wie TikTok, YouTube oder Instagram Aufgaben und dokumentieren im Netz ihre Erfüllung.

Wie Tusk betonte, habe die Regierung aktuell keine Instrumente, um strafrechtsrelevante Inhalte im Netz, etwa Anstiftung zur Gewalt oder Menschenhandel sowie Hasssprache, schnell zu entfernen. Präsident Karol Nawrocki hatte im Januar 2026 ein entsprechendes Gesetz mit einem Veto blockiert. Er begründete seine Entscheidung mit dem Schutz der Meinungsfreiheit. Nawrockis Veto hat die Umsetzung des EU-Gesetzes über digitale Dienste in Polen verhindert.

Polizeiautos, Rettungswagen und Feuerwehrwagen auf einer Straße vor einem Gebäude rechts im Bild, das von Bäumen verdeckt ist
Rettungskräfte im polnischen Ort Ostroleka nach einem Messerangriff am 7.10.2026Bild: Moja Ostroleka/REUTERS

Wie die Tageszeitung Rzeczpospolita berichtet, soll es in sozialen Medien Informationen über einen "blutigen Freitag" gegeben haben. Dieser Tag sollte der Höhepunkt angeblicher Challenges zwischen den beteiligten Jugendlichen sein. Eine 18-jährige Schülerin namens Nikola sagte dem TV-Sender Polsat News am Donnerstag, die jugendlichen Gewalttäter hätten in einer geschlossenen Facebook-Gruppe zusammengearbeitet. "Es gibt Gerüchte, dass es morgen angeblich einen Höhepunkt geben soll", sagte das Mädchen. Ihr Bruder besucht die Schule in Leszczydol-Nowiny, wo es am Morgen zur Messerattacke gekommen war. "Wir prüfen alle Informationen", sagte die Sprecherin der polnischen Polizei, Katarzyna Kucharska, dazu.

Angst vor Nachahmungstätern

Aus Angst vor Nachahmungstätern sollten am Freitag alle Grundschulen in der Gemeinde Wyszkow, zu der das Dorf Leszczydol-Nowiny gehört, geschlossen bleiben. Auch in einigen anderen Regionen Zentralpolens wurde der Unterricht eingestellt. Digitalminister Gawkowski versuchte am Freitagmorgen seine Landsleute zu beruhigen. "Es gibt keine gesamtpolnische Challenge. Das ist eine Desinformation", sagte er dem Fernsehsender TVN. 

Nach den jüngsten Messerattacken hat die polnische Polizei 10.000 Schulen und Bildungseinrichtungen kontrolliert und im Zusammenhang mit im Netz verbreiteten Drohungen 10 Personen festgenommen, darunter drei Jugendliche im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die in sozialen Medien zur Tötung anderer Personen aufgerufen hatten, meldete die Polnische Nachrichtenagentur PAP.

Eine Menschenmenge, bei der die meisten von hinten zu sehen sind, steht auf einer Straße, links und rechts Bäume
Menschen vor der Grundschule im polnischen Dorf Leszczydol-Nowiny am 8.10.2026Bild: Wojciech Olkusnik/Eastnews/IMAGO

Die Zeitung Rzeczpospolita erinnerte am Donnerstag an ein Interview, das der Chef des Inlandsgeheimdienstes ABW, Rafal Syrysko, der Zeitung bereits im Mai gegeben hatte. Er hatte damals vor der wachsenden Radikalisierung Jugendlicher gewarnt. "Die Radikalisierung der Jugendlichen erfolgt hauptsächlich durch dass Internet - durch soziale Plattformen, Foren oder Räume, die mit der Welt der Games verbunden sind, wo die Anonymität sehr groß ist. Die Geheimdienste sind außerstande, das ganze Netz zu kontrollieren", so Syrysko.

Die Regierungskoalition nutzte die Debatte über die Sicherheit an Schulen, um das Gesetz über die digitale Sicherheit erneut zur Abstimmung im Parlament zu bringen. Am Donnerstagabend wurde das Gesetz, das eine schnelle Löschung krimineller Inhalte im Netz ermöglicht, im Sejm mit großer Mehrheit beschlossen. Ob Präsident Nawrocki diesmal unterzeichnet, ist offen.