Stand: 08.08.2026, 18:54 Uhr
Kommentare
Eine neue Studie zeigt, wie sich die Nutzung sozialer Medien auf die Leistungen von Kindern und Jugendlichen auswirkt.
Hamburg – Viele Menschen verbringen täglich Stunden am Handy – ein Großteil der Zeit geht dabei auf das Konto von Social Media. Auch Jugendliche und bereits Kinder haben Apps wie Instagram, Snapchat und TikTok auf ihren Geräten installiert. In einer aktuellen Studie, die im August 2026 veröffentlicht wurde, konnten Forscherinnen und Forscher zeigen, inwieweit sich die Nutzung von sozialen Medien auf die schulischen Leistungen von Jugendlichen auswirkt – und welches Alter dabei besonders kritisch ist.

Die Forschenden um Marco Gui von der Universität Milano-Bicocca haben die Social-Media-Gewohnheiten von 5.227 italienischen Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen sieben und 16 Jahren untersucht und mit standardisierten Testergebnissen verglichen. Ein deutliches Ergebnis der Analyse: Schülerinnen und Schüler, die in der 6. und 7. Klasse, das heißt mit elf bis zwölf Jahren, ihren ersten Account auf einer Social-Media-Plattform anlegten, schnitten in Mathematik und Italienisch signifikant schlechter ab als Gleichaltrige, die erst in der 9. Klasse soziale Medien nutzten.
Studie: Monatelanger Rückstand bei Schülern, die soziale Medien nutzen
Der Rückstand der Jugendlichen mit früherer Social-Media-Nutzung gegenüber ihren Mitschülerinnen und Mitschülern entspricht laut den Forschenden etwa sechs Monaten Lernzeit – sie hängen also rund ein halbes Schuljahr hinterher. Während die Testergebnisse in Mathe und der Muttersprache Italienisch vergleichsweise schlechter waren, wurde in der Fremdsprache Englisch kein negativer Effekt festgestellt. Die Forschergruppe vermutet, dass dies möglicherweise daran liegt, dass viele Online-Inhalte auf Englisch sind und sich den Jugendlichen dadurch eine Sprachpraxis bietet.
Als einen der stärksten Einflussfaktoren für den Leistungsrückstand identifizierten die Forschenden, wie oft die Kinder ihr Smartphone tagsüber, aber auch nachts zur Hand nehmen. „Wir vermuten, dass einer der Mechanismen der permanente Alarmzustand ist, den Social Media auf Smartphones im Leben von Minderjährigen erzeugt. Das ständige Bedürfnis, Nachrichten zu checken, zu sehen, ob in der Online-Welt etwas passiert“, sagt Gui dem Guardian. Die Kinder seien weniger präsent in der echten Welt. „Aus kognitiver Sicht könnte es bedeuten, weniger in etwas vertieft zu sein, das Zeit braucht, wie etwa Hausaufgaben.“
Professor für Schulpädagogik: Soziale Medien brauchen Regulierung
Immer wieder wird auch in Deutschland über ein Smartphoneverbot diskutiert. So gibt es Forderungen, dass Jugendliche erst ab 14 beziehungsweise 16 Jahren einen Social-Media-Account erstellen dürfen. Australien hat 2025 als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt. Auch mehrere Länder der EU wollen nachziehen. So wird in Frankreich ab September die Nutzung von Social Media für unter 15-Jährige verboten. Dass solche Regelungen nötig sind, zeigen auch die Studiendaten: In Italien, wo die eigenständige Nutzung digitaler Plattformen erst ab 14 Jahren erlaubt ist, warteten dennoch nur 16,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler bis zur 9. Klasse mit der Anmeldung.
In einigen Ländern wie etwa Schweden wird die Digitalisierung im Klassenraum reduziert: Viele Schulen stellen vom Tablet wieder auf analoge Lernmaterialien wie Bücher und Hefte um. „In vielen Ländern und Schulen zeigt sich inzwischen, dass eine starke Digitalisierung nicht die erhofften Wirkungen bringt“, sagt Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Smartphones und soziale Medien benötigen klare Regulierung.“
Auch Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule, warnt vor einer zu frühen Nutzung von digitalen Medien. „Ein eigenes Tablet oder Smartphone im Kindergarten- oder Grundschulalter ist keine gute Idee“, sagt sie der FR. Viele Eltern würden bei ihren Kindern das „AADDA-Syndrom“ erleben – „Alle anderen dürfen das aber“. Deshalb fällt es vielen nicht leicht, ihren Kindern erst im Teenageralter Zugang zu einem eigenen Gerät und sozialen Medien zu erlauben. Es könne jedoch helfen, „wenn Eltern sich zusammenschließen, um die Anschaffung von Smartphones zu verzögern.“ (Quellen: Gui et al.: Longitudinal effect of early social media use on standardized learning outcomes during school career (2026), Guardian, eigene Recherche)