Chief Staatssäckel Officer: Der Staat zahlt für Resilienz

Unternehmen stellen Produkte her, die Menschen brauchen oder wollen, auf jeden Fall: kaufen. Das ist der Normalfall in einer Marktwirtschaft. Aber die Zeiten sind nicht normal. Heute werden Unternehmen schon dafür bezahlt, dass sie ihre Fabriken nicht schließen. Dass sie also Produkte weiter herstellen können, die vielleicht einmal gebraucht werden könnten. Etwa dann, wenn internationale Lieferanten nicht mehr liefern.

Beispiele? Der französische Pharmakonzern Sanofi baut in Frankfurt eine Insulinproduktion, obwohl sich die bestehende Fabrik nach eigenen Angaben nicht rechnet. Damit in der EU auch im Krisenfall Insulin zur Verfügung steht, geben Bund, Land und Stadt dem Unternehmen 400 Millionen Euro dazu. Steuergeld, damit die neue Vorhaltefabrik nicht nach Frankreich zieht. Für den hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein (CDU) ein Beleg dafür, dass „wir es in Deutschland noch können“. Weitere Beispiele: Energieversorger werden für Reservekraftwerke bezahlt, die in der Dunkelflaute einspringen können, auch wenn sie nie Strom produzieren. Ähnliche Überlegung gibt es für die Rüstungsindustrie, die dafür honoriert werden soll, dass sie Kapazitäten für die Drohnenproduktion freihält.

Geht es um Arzneimittel, Rüstung und Nahrungsmittel ist das Verständnis groß. Aber die Wertschöpfungsketten sind lang. Um Medizin herzustellen, braucht es Chemie. Die Landwirtschaft ist auf Dünger angewiesen, die Hersteller von Panzern und Schiffen auf Stahl. Mit Verweis auf die Resilienz können Unternehmen heute so manche Fördertöpfe öffnen. Aus dem Chief Executive Officer wird mehr und mehr ein Chief Staatssäckel Officer.

Die EU prüft gerade, welche Chemikalien in Europa dauerhaft produziert werden müssen, um sie im Zweifel mit Subventionen zu halten. Man darf auf das Hauen und Stechen gespannt sein, wenn die Entscheidungen fallen, welche Fabrik in welchem Land unbedingt gehalten werden muss.

Auf die berechtige Frage, was dauerhaft noch in Deutschland oder Europa produziert werden soll, scheint es nur eine Antwort zu geben: alles. Autos, Raketen, Künstliche Intelligenz, Rechenzentren. Warum nicht auch Rasenmäher? Für Unternehmen brechen neue Zeiten an. Sie müssen nicht mehr Kunden überzeugen, sondern den Staat.