Homophobie und Islamismus: Der Druck auf sexuelle Minderheiten in islamischen Ländern wächst
Mit dem Anschlag auf den Berliner CSD stellt sich auch die Frage nach dem Schwulenhass im Islam. Denn das Erstarken des fundamentalistischen Islams bedroht queere Menschen zunehmend auch dort, wo traditionell Liberalität praktiziert wurde.
Susanne Schröter10.08.2026, 09.08 Uhr
7 Leseminuten
Aktualisiert
Feiernde in Istanbul im Jahr 2018 abseits des Stadtzentrums, nachdem die Pride Parade– nach offiziellen Angaben aus Sicherheitsgründen – verboten worden war.
Valeria Ferraro / SOPA via Getty
Der Islamist Abdullah Al Haj Hasan, der im Jahr 2020 in Dresden ein schwules Paar mit dem Messer angriff und einen der Männer ermordete, hielt Homosexuelle für Feinde Gottes. Ähnliches dürfen wir auch bei Abdul Ballout vermuten, der einen Wagen in den diesjährigen CSD-Umzug fuhr und anschliessend Menschen mit einer Machete attackierte. Zweifellos wähnten sich die beiden Jihadisten im Einklang mit den Normen ihrer Religion. Doch wie repräsentativ ist die Homophobie der Attentäter? Wie stehen Muslime zu dem, was wir heute «queer» nennen?
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Wenn wir uns die muslimische Landkarte Deutschlands anschauen, fällt auf, dass die Vertreter der grossen Verbände betonten, der Anschlag habe nichts mit dem Islam zu tun. Dafür wurden sie unter anderem vom grünen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Cem Özdemir scharf kritisiert. Die Verbände müssten sich stärker mit Homophobie auseinandersetzen, forderte er.
Weitverbreitete Ablehnung
Man darf bezweifeln, dass solche Aufforderungen gut aufgenommen werden, denn das Führungspersonal des organisierten Islams hat sich in der Vergangenheit nicht im von Özdemir gewünschten Sinne geäussert. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat betrachtet Homosexualität als unvereinbar mit den göttlichen Geboten, und Burhan Kesici, der Vorsitzende des Islamrates, sprach von «Abnormitäten», als er zu einem Projekt der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee befragt wurde. Die Moschee wirbt unter dem Slogan «Liebe ist halal» für die Akzeptanz queerer Lebensentwürfe. Der Projektleiter Tugay Sarac, der Aufklärungsarbeit an Berliner Schulen betreibt, berichtet von einer weitverbreiteten Ablehnung von Homosexuellen in muslimischen Communitys. Dass man sogar als nichtmuslimischer Lehrer von muslimischen Schülern gemobbt werden kann, wenn man seine Homosexualität nicht versteckt, erlebte ein Berliner Grundschullehrer, der seinen Fall veröffentlichte.
Was bedeutet das für den Islam und die islamisch geprägte Welt? Wer religiöse Quellen bemüht, verweist häufig auf den Koran, wo die Geschichte von Lot erzählt wird, welcher der Bevölkerung der Stadt Sodom vorwarf, «aus Lust mit Männern statt mit Frauen verkehrt» zu haben. Gott zerstörte die Stadt schliesslich. Eine bestimmte Bestrafung lässt sich daraus jedoch nicht zwangsläufig ableiten, anders als aus den Überlieferungen und dem islamischen Recht, in dem Auspeitschungen, Inhaftierungen oder sogar die Todesstrafe als Massnahme legitimiert werden.
Allerdings sind die Rechtsauslegung und die Rechtspraxis in heutigen islamischen Ländern im höchsten Masse verschieden. In Saudiarabien und in Iran droht ebenso die Todesstrafe wie im Norden Nigerias, in Jemen und in Somalia. In Katar kann eine Gefängnisstrafe von bis zu sieben Jahren verhängt werden, in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde die Todesstrafe nach einer Reform des Strafgesetzes durch Geldstrafen oder Haft ersetzt. In Indonesien, in der Türkei und in Jordanien ist Homosexualität legal, in anderen Ländern wird sie geduldet, wenn sie nicht öffentlich ist. CSD-Umzüge sind, mit einer zeitlich begrenzten Ausnahme in der Türkei, in keinem islamisch geprägten Land möglich.
Doppelmoral bei homoerotischer Liebe
Die Geschichte der islamisch geprägten Welt ist vor allem durch eine auffällige Diskrepanz zwischen Norm und tatsächlichem Verhalten geprägt. Von mehreren Rechtsgelehrten ist überliefert, dass sie das homosexuelle Begehren deshalb zu unterbinden suchten, weil es als allgegenwärtig angenommen wurde.
Khaled El-Rouayheb, der in Harvard islamische Geschichte lehrt, weist darauf hin, dass diejenigen, die Homosexualität in ihren Texten verdammten, gleichzeitig als Autoren homoerotischer Poesie hervortraten. Arabische, persische und osmanische Dichter beschrieben die Schönheit junger, noch bartloser Knaben, und sowohl Hafis, der Goethe zu seinem «West-östlichen Divan» inspirierte, als auch der Mystiker Rumi transzendierten die homoerotische Liebe zur Metapher einer Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen.
Meist war die Sache jedoch profaner. Überliefert ist insbesondere die Homosexualität in der höfischen Kultur und bei volkstümlichen Unterhaltungen. Beispielsweise im Osmanischen Reich, wo Kasebaz genannte junge Tänzer die Besucher von Tavernen erfreuten und junge, nichtmuslimische Köçek in Frauenkleidern auf Hochzeiten tanzten.
Ob man daraus schliessen kann, dass der islamische Orient der männlichen Homosexualität grundsätzlich tolerant gegenüberstand und ihre heute weitverbreitete Verurteilung lediglich ein europäischer Import ist, wie es der Arabist Thomas Bauer von der Universität Münster behauptet, ist jedoch fraglich.
Auch im europäischen Mittelalter existierte eine weitverbreitete homoerotische Lyrik, teilweise sogar eine explizite homosexuelle Subkultur, beispielsweise in Florenz. Dort wurden homosexuelle Beziehungen ab dem 15. Jahrhundert strafrechtlich verfolgt, weshalb wir durch Gerichtsakten davon wissen. In anderen europäischen Städten, beispielsweise in London oder Amsterdam, existierten explizite homosexuelle Subkulturen.
Die Ambivalenz zwischen einem religiös begründeten Normensystem und einer mehr oder weniger akzeptierten gesellschaftlichen Praxis lässt sich im Okzident ebenso nachweisen wie im Orient.
In beiden Welten wird die Altersdifferenz der homosexuellen Partner idealisiert. Der Jüngling wird zum begehrenswerten Objekt eines älteren Mannes, wobei die Attribute des Männlichen, insbesondere der Bartwuchs, noch nicht vorhanden sein sollen. Die Forschung geht nur selten darauf ein, dass diese Beziehungen in islamischen Ländern auch im Zusammenhang mit der Kultur der Ehre und der Tabuisierung von Frauen verstanden werden können. Doch dies ist evident.
Erschaffung eines «dritten Geschlechts» für Männer
In vielen Gesellschaften existiert das Dilemma, dass von jungen Männern erwartet wird, sich als viril und sexuell aktiv zu zeigen, gleichzeitig jedoch Mädchen und Frauen zu meiden. Die Lösung besteht in der Erschaffung einer Kategorie des «dritten Geschlechts», oft mit eigener Bezeichnung und spezifischen Vorgaben für Kleidung, Verhalten und Handlungsspielräume.
Stets betrifft es biologische Männer, die sich Attribute des Weiblichen aneignen und mit Männern Sexualverkehr haben können, ohne dass dies die heteronormative Ordnung beeinträchtigt.
In Oman heissen sie Xanith, schminken sich stark, bemühen sich um effeminierte Bewegungen und sprechen mit hoher Stimmlage. Sie gehen mit Männern sexuelle Beziehungen ein, die sich selbst als heterosexuell verstehen. Die Ethnologin Unni Wikan, die das Phänomen in den 1970er Jahren erforscht hat, dokumentiert die omanische Gesellschaft als repressiv und patriarchalisch. Es herrschten eine strenge Geschlechtertrennung und eine eindeutige Zuordnung sexueller Praktiken als weiblich oder männlich. «Der Mann dringt ein, die Frau empfängt», schreibt sie, «der Mann ist aktiv, die Frau passiv».
Verhalten und nicht Anatomie ist die Basis für die omanische Konzeptualisierung von Geschlecht. Xanith übernehmen dabei idealiter den weiblich definierten Part und werden penetriert, während ihre Partner den penetrierenden Teil übernehmen und deshalb unangefochten als männlich und heterosexuell gelten.
Die Existenz der Xanith als drittes Geschlecht stellt weder die herrschenden Geschlechterhierarchien noch die sexuelle Zwangsordnung infrage. Da Xanith auch als Substitute für die nicht ohne Gefahr für Leib und Leben erreichbaren jungen Frauen figurieren, stabilisieren sie sogar die rigide sexuelle Ordnung, die sie durch ihre Existenz gleichzeitig implizit negieren.
Dank Gott zum femininen Idealbild
Ähnlich ist es bei den pakistanischen Hijras, die im Punjab Khusra und in Belutschistan Bugga genannt werden. Sie werden mit männlichen Geschlechtsorganen geboren, sagen aber, dass Gott sie mit einer weiblichen Seele ausgestattet habe. Sie bemühen sich, einem femininen Idealbild zu entsprechen, und legen Wert auf ihr Äusseres. In früheren Zeiten liessen sie sich kastrieren, heute werden, wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind, moderne medizinische Operationen und die Einnahme von Östrogenen angewendet.
Hijras verdienen ihren Lebensunterhalt mit rituellen Tanzperformances bei Hochzeiten oder Geburten von Jungen, aber auch in der Prostitution. In Pakistan, einem islamischen Staat, der von patriarchalischen Moralvorstellungen und einem fundamentalistischen Islam geprägt ist, besitzen sie eine ambivalente Stellung. Formell sind sie als drittes Geschlecht anerkannt, können dies auch in Ausweispapieren eintragen lassen und spielen im Volksislam eine Rolle.
Im gelebten Alltag, so der Ethnologe Ali Awan, erführen Hijras allerdings vielfältige Diskriminierungen. Teilweise würden ihnen öffentliche Verkehrsmittel, medizinische Behandlungen oder Dienstleistungen von Banken verweigert. Beleidigungen und Gewalt seien an der Tagesordnung.
Ein drittes Beispiel sind die indonesischen Waria. Der Begriff ist eine Kombination aus Wanita (Frau) und Pria (Mann) und umfasst recht unterschiedliche lokale Phänomene meist biologisch männlicher Personen, die weibliche Erscheinungen und Tätigkeitsprofile adaptieren. In einigen Lokalgesellschaften übernehmen sie rituelle Funktionen, oft verdienen sie ihren Lebensunterhalt mit Schönheitssalons, in der Unterhaltungsbranche oder als Prostituierte. Ihr Status ist ambivalent.
Waria gelten als autochthones drittes Geschlecht und werden als besondere, von Gott erschaffene Spezies anerkannt. Darauf verweisen auch liberale muslimische Theologen, die in der klassischen islamischen Jurisprudenz Legitimationen gesucht und diese in den Kategorien Mukhannat und Khuntha gefunden haben. Sie bezeichnen einerseits eine angeborene weibliche Identität bei biologischen Männern, andererseits Intersexualität.
Transidentität und Homosexualität in Iran
Solche Argumente werden sogar in Iran beherzigt, wo Menschen mit einer Transidentität nicht nur geduldet werden, sondern auch eine staatliche Förderung operativer Massnahmen erhalten. Sie gelten theologisch als «schuldlos». Im Gegensatz dazu wird Homosexualität als Vergehen gegen Gott mit drakonischen Strafen, oft sogar der Hinrichtung, geahndet.
Sowohl in Pakistan als auch in Indonesien und in Oman sind dritte Geschlechter dem Volksislam zuzuordnen. Die moderne Queer-Bewegung lehnen sie meist ab, weil sie sich in eigenen traditionellen Kontexten verorten, aber auch, weil sie queerer Aktivismus ins Visier islamistischer Hardliner bringt. Letztere sind vielleicht die grösste Gefahr für ihren Fortbestand, denn trotz den Versuchen liberaler Theologen, queere Existenzberechtigung religiös zu legitimieren, stehen sexuelle Minderheiten stark unter Druck.
In Oman wurde Homosexualität 1974 offiziell verboten, und seit 2018 wird jedwedes Verhalten strafrechtlich geahndet, das die Grenzen des Heteronormativen überschreitet. In Pakistan und in Indonesien werden Waria und Hijras von Islamisten attackiert, die sie als Beleidigung einer gottgewollten Lebensweise verurteilen.
Diyanet lehnt Homosexualität strikte ab
Die neue Revitalisierung eines fundamentalistischen Islams bedroht sexuelle Minderheiten selbst in Staaten, die in der Vergangenheit eine gewisse Liberalität praktizierten, wie in der Türkei. Die Istanbuler Pride-Märsche, die zwischen 2003 und 2014 Tausende von Menschen auf die Strassen brachten, werden mittlerweile vonseiten des Staates behindert und teilweise sogar verboten. Das passt zur strikten Ablehnung von Homosexualität durch die türkische Religionsbehörde Diyanet, die mit dem islamischen Dachverband Ditib in Deutschland ihre grösste aussenpolitische Dépendance unterhält. Und hier schliesst sich der Kreis zur von Tugay Sarac beklagten Ablehnung queeren Lebens durch viele Muslime in Deutschland.
Susanne Schröter ist emeritierte Professorin für Ethnologie; sie leitete bis 2025 das ehemalige Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt. Zuletzt von ihr erschienen: Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht. Herder-Verlag, Freiburg 2024.
4 Kommentare
David Hofmüller
vor 17 Minuten
1 Empfehlung
Bitte nicht „Feinde Gottes“, „Feinde Allahs“ wäre wohl treffender. Sonst ein sehr guter Artikel. Danke
Beat Schaub
vor 1 Stunde
2 Empfehlungen
Konservative, werdet endlich liberal! Beim Thema Frauenbadi wird aus einem konkreten Konflikt ein Anti-Woke-Kulturkampf: Biologie, Schutzräume, Grenzen der Selbstidentifikation, «Paralleluniversum», «Absurdistan». Beim Islam und bei Homosexualität stehen dagegen individuelle Freiheit und Minderheitenschutz im Vordergrund. Der westliche Kulturkonservative verteidigt traditionelle Geschlechtergrenzen – Realismus. Der religiöse Konservative verteidigt traditionelle Sexualnormen – Fundamentalismus. Besonders hübsch wird diese Volte bei Susanne Schröter. Ihr Buch von 2024 heisst "Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht". Darin widmet sie dem Thema sogar einen Abschnitt mit dem Titel «Trans-Chic und Queer-Feminismus». Heute warnt sie vor dem fundamentalistischen Islam, weil dieser queere und homosexuelle Minderheiten unter Druck setzt. Liberalismus scheint also durchaus attraktiv zu sein – sofern gerade der richtige Kulturkampfgegner vor einem steht. Natürlich sind Frauenbadi, Transidentität und Homosexualität nicht dasselbe. Aber genau deshalb braucht es einen konsequenten liberalen Massstab. Gleiche Freiheit, gleiche Rechte, gleiche Massstäbe. Für Transmenschen, für Homosexuelle, für Muslim*innen und auch für jene, die mit all dem persönlich nichts anfangen können. Ich will nicht weniger Liberalismus, sondern mehr davon. Konservative, werdet endlich liberal!
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