HSG, Militär, Schnupftabak: Peter Spuhler setzt in seinen Firmen Stadler und Rieter auf Schweizer – obwohl die Musik in Amerika und Asien spielt

HSG, Militär, Schnupftabak: Peter Spuhler will in Asien und Amerika wachsen – setzt in seinen Firmen aber voll auf Schweizer

Stadler Rail und Rieter bekommen neue CEO. Beide sind Schweizer und haben in St. Gallen studiert – wie die meisten ihrer Kollegen in der Konzernleitung. Experten halten diese Monokultur für riskant.

04.10.2026, 05.30 Uhr

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Elf Freunde müsst ihr sein: In der Stadler-Konzernleitung sitzen acht Schweizer, sechs von ihnen haben ein Diplom der Universität St. Gallen (HSG).

Elf Freunde müsst ihr sein: In der Stadler-Konzernleitung sitzen acht Schweizer, sechs von ihnen haben ein Diplom der Universität St. Gallen (HSG).

PD

Ein Weinkeller in Salgesch, mitten in den Reben im Wallis: Kadermänner von Stadler Rail haben sich um den Firmenpatron Peter Spuhler versammelt. Die Stimmung ist kameradschaftlich, wie im Trainingslager eines Sportvereins. Die wenigen Frauen vor Ort sind dafür verantwortlich, dass die Gläser gefüllt sind. Es wird geprostet, einige schnupfen Tabak. Zu feiern gibt es die Einweihung des ersten Flirt-Evo-Zugs von Stadler für das regionale Bahnunternehmen Regionalps.

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Am Anlass im Januar 2025 nahmen auch Mitglieder der Stadler-Konzernleitung teil. Ob Philipp Brunner, der diese Woche zum neuen CEO ernannt wurde, dabei war, ist Beobachtern nicht mehr präsent – nicht wegen des Weines, sondern weil sich das Spitzenpersonal beim Thurgauer Bahnunternehmen von aussen betrachtet kaum unterscheiden lässt. Das Konzernleitungsfoto im jüngsten Jahresbericht spricht für sich: elf Männer mit Anzug und Kurzhaarschnitt.

Stadler ist ein internationales Unternehmen. Der grösste Teil des Umsatzes von 6,1 Milliarden Franken wird im Ausland erzielt. Auch zwei Drittel der weltweit 18 000 Angestellten arbeiten ausserhalb der Schweiz. In der Konzernleitung sitzen aber fast nur Eidgenossen: Acht der elf Kadermänner haben einen Schweizer Pass, sechs von ihnen ein Diplom der Universität St. Gallen (HSG). Viele haben zudem eine Militärkarriere vorzuweisen – wie Hauptmann Spuhler, der ebenfalls an der HSG studiert hat.

«Aus der Forschung und aus der Governance-Praxis wissen wir, dass Menschen eine natürliche Tendenz haben, Personen zu bevorzugen, die ihnen selbst ähnlich sind», sagt Michèle Sutter-Rüdisser, Wirtschaftsprofessorin an ebendieser HSG und mehrfache Verwaltungsrätin. Das gelte hinsichtlich Ausbildung, Herkunft, beruflicher Sozialisation oder auch Geschlecht.

Die einzigen Exoten im obersten Management von Stadler sind ein Spanier, der den Standort Valencia verantwortet, sowie zwei Deutsche. Im Verwaltungsrat unter Spuhlers Präsidium sitzen ausschliesslich Schweizer und Deutsche. Amerikaner sucht man auf höchster Führungsebene vergebens – obwohl der Konzern die USA als wichtigen Wachstumsmarkt definiert hat. Ein Industrieunternehmer, der Stadler gut kennt, kann dies nicht nachvollziehen. Seiner Meinung nach habe der Konzern mittlerweile eine Grösse erreicht, die eine deutlich internationalere Zusammensetzung erfordere.

Rieter ohne Asiaten und Inder

Der Textilmaschinenhersteller Rieter, an dem Spuhler 33 Prozent hält, hat diese Woche ebenfalls eine neue Führung ernannt. Mehr Diversität bringt der überraschende Abgang des CEO und Verwaltungsratspräsidenten Thomas Oetterli aber nicht. Der Mann mit der Doppelrolle wird durch zwei Schweizer ersetzt: Daniel Lippuner, ehemaliger CEO der Saurer Group, wird neuer Konzernchef. Carl Illi, Ehrenpräsident des Verbands Swiss Textiles, übernimmt ad interim das Verwaltungsratspräsidium.

Rieter befindet sich in einer tiefen Krise. Die Umsätze sind in den vergangenen Jahren eingebrochen, die erhoffte Erholung lässt auf sich warten. 2025 erzielte der Winterthurer Traditionskonzern gerade einmal 685 Millionen Franken Umsatz, den allergrössten Teil davon in Asien und Indien. Europa trug nur 53 Millionen bei. In der Konzernleitung von Rieter sitzen jedoch ausschliesslich Westeuropäer – drei Schweizer, zwei Deutsche und eine Französin. Im Verwaltungsrat haben alle einen roten Pass. Asiaten oder Inder? Fehlanzeige.

Experten für Corporate Governance können diese einseitige Verteilung nur schwer nachvollziehen. Gremien mit ausschliesslich Schweizer Mitgliedern hätten es zwar einfacher, zu kommunizieren und Vertrauen aufzubauen, was die Entscheidungsfindung fördere. «Gleichzeitig können homogene Teams jedoch dem Gruppendenken zum Opfer fallen oder kritische Informationen über ferne oder kulturell unterschiedliche Märkte ungenügend berücksichtigen», sagt Winfried Ruigrok, der Direktor des Instituts für Internationales Management und Diversity-Management an der HSG.

Die Forschung zeigt laut Ruigrok, dass Ausländer mit Netzwerken und tiefem Wissen über andere Märkte für ein Unternehmen sehr wertvoll sein können. Ausländer an die Unternehmensspitze zu wählen, sei zwar kein Selbstzweck. Grundsätzlich gelte aber: Je internationaler das Geschäft eines Unternehmens, desto internationaler die obersten Ebenen. Die meisten grossen Schweizer Unternehmen hätten deshalb oft mehrere Ausländer in der Geschäftsleitung oder im Verwaltungsrat.

Verwaltungsrat soll neu aufgestellt werden

Ruigrok betont, dass jedes Unternehmen frei sei, zu entscheiden, wie es die Spitzenreihen zusammensetze. Insbesondere bei Rieter würde er angesichts der hohen Umsätze in Asien aber keinen vollständig schweizerischen Verwaltungsrat erwarten.

Nach Informationen der «NZZ am Sonntag» ist die geringe Diversität an der Rieter- und Stadler-Spitze auch innerhalb des Spuhler-Universums ein Thema. Peter Spuhler selbst wollte sich auf Anfrage nicht äussern. Dem Vernehmen nach soll sich der Patron der Problematik aber durchaus bewusst sein – insbesondere im Falle von Rieter. Dort gebe es Bestrebungen, Kenner und Vertreter der indischen und asiatischen Absatzmärkte einzubauen. Es sei aber nicht einfach, dafür die richtigen Leute zu finden.

Die Medienstelle von Rieter will sich dazu nicht im Detail äussern. Ein Sprecher teilt aber mit, dass der Verwaltungsrat nach dem Abgang des Verwaltungsratspräsidenten Oetterli im Hinblick auf die Generalversammlung neu aufgestellt werde.

Stadler wiederum betont, mit der derzeitigen Zusammensetzung der Unternehmensspitze in den vergangenen Jahren stark gewachsen zu sein, gerade auch in den USA. «Der Erfolg am Markt spricht für sich», sagt ein Sprecher. Zudem seien die Vizechefin sowie der Finanzchef der Division Nordamerika, die vom Schweizer Martin Ritter geleitet wird, gebürtige Amerikaner.

Aebi Schmidt und Autoneum als Vorbilder

Hinter vorgehaltener Hand ist jedoch zu hören, dass Spuhler auch bei Stadler nicht abgeneigt sein soll, auf höchster Stufe Amerikaner einzubauen – vielleicht sogar jene, die bereits an Bord sind. Dass dies sinnvoll sein kann, sieht der Industrielle bei seinen anderen beiden Grossbeteiligungen: Beim Automobilzulieferer Autoneum ist die Konzernleitung komplett in ausländischer Hand. Beim Spezialfahrzeughersteller Aebi Schmidt, der 2025 die amerikanische Shyft Group übernommen hat, sind in Konzernleitung und Verwaltungsrat vier Amerikaner zu finden.

Bei beiden Unternehmen lief es in den vergangenen Jahren vergleichsweise gut. Spuhler sitzt jedoch bei beiden nicht mehr im Verwaltungsrat und hat deshalb keinen direkten Einfluss auf die Zusammensetzung der obersten Führungsgremien.

Wenn es um die Diversität nach Geschlechtern geht, haben Autoneum und Aebi Schmidt derweil genauso Nachholbedarf wie Stadler und Rieter. Die Konzernleitungen der vier Unternehmen zählen insgesamt dreissig Personen. Unter ihnen ist eine einzige Frau: Emmanuelle Gmür, die Personalchefin von Rieter.

Die Verantwortlichen wissen, dass dies im Jahr 2026 eigentlich ein Unding ist. Die Medienstelle von Stadler betont deshalb, dass Frauen in Kaderfunktionen stark gefördert würden und die Diversität innerhalb von Stadler «sehr gross» sei. «Noch spiegelt sich der hohe Anteil an lokalen Führungskräften zwar nicht in der Konzernleitung, dies wird sich in Zukunft jedoch ändern.»

Einen genauen Zeitplan nennt Stadler nicht. Die Flirt-Evo-Züge, die 2025 im Wallis eingeweiht wurden, dürften bis in die 2050er Jahre in Betrieb bleiben. Spätestens dann sollten an Kadertreffen von Stadler die Frauen nicht mehr nur für den Wein zuständig sein.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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