Im Juni starben 395 Menschen an der Hitze – so viele wie im Vorjahr im Verkehr

Klimakrise

Im Juni starben 395 Menschen an der Hitze – so viele wie im Vorjahr im Verkehr

Laut den offiziellen Daten führte die Hitzewelle zu Beginn des Sommers zu mehr hitzebedingten Todesfällen in Österreich als in jedem anderen Juni zuvor

Benedikt Narodoslawsky

Während Österreich von der nächsten Hitzewelle überrollt wird, legt die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) die offizielle Opferbilanz für jene aus dem Juni vor: Die Hitzetage kosteten 395 Menschen das Leben – mehr als in jedem anderen Juni zuvor. Zur Einordnung: Das sind fast exakt so viele wie im gesamten Vorjahr im Verkehr umkamen (397), und 60 Menschenleben mehr als im Juni 2019, in dem bisher die meisten Juni-Hitzetoten zu beklagen waren.

"Die Zahl von 395 hitzeassoziierten Todesfällen ist erschütternd", kommentiert Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ). "Sie zeigt eindringlich, dass Hitze längst keine bloße Frage des Wohlbefindens mehr ist, sondern eine konkrete Gefahr für Gesundheit und Leben. Die Folgen des Klimawandels werden auch in Österreich immer deutlicher sichtbar und stellen unser Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen."

Bildbeschreibung: Die Sonne strahlt hell am klaren blauen Himmel hinter einem grünen und weißen Hinweisschild vor der Klinik Donaustadt in Wien. Auf dem Schild sind die Adresse
Die Gewalt der Juni-Hitzewelle zeigt sich nicht nur an der Zahl der hitzebedingten Todesfälle, sondern auch an der explodierenden Zahl der Rettungseinsätze. Im Juni rückte die Wiener Berufsrettung so oft aus wie nie zuvor in ihrer Geschichte.

Dass es im heurigen Juni besonders viele Opfer geben würde, ließ allein schon die Zahl der Rettungseinsätze vermuten, die während der Hitzewelle explodierte. Anfang Juli zog die Berufsrettung Wien Bilanz und vermeldete die drei einsatzstärksten Tage ihrer 144-jährigen Geschichte. Schon in den ersten Hitzetagen war die Zahl der Einsätze deutlich angestiegen und erreichte Ende Juni ihren Höhepunkt mit einem Tagesrekord von 1398 Einsätzen. Zum Vergleich: Im Durchschnitt verzeichnet die Berufsrettung Wien pro Tag 900 bis 1000 Alarmierungen.

Erstmals aktuelle Auswertung

Die Ages lässt in ihr Berechnungsmodell – dem "Hitze-Mortalitätsmonitoring" – tägliche Sterbedaten der Statistik Austria einfließen und greift zugleich auf hochauflösende Wetterdaten von GeoSphere Austria zurück, die im Zehn-Minuten-Takt Messwerte von 181 Messstationen bereitstellt. Für die Zahl der Todesfälle spielt neben der Temperatur auch die Höhe der Luftfeuchtigkeit eine Rolle.

Bisher veröffentlichte die Ages die österreichischen Zahlen gesammelt nach dem Sommer. Dass es heuer bereits nach der ersten Hitzewelle zeitnah eine eigene monatliche Auswertung gibt, ist neu. "Mir war wichtig, dass wir die gesundheitlichen Auswirkungen außergewöhnlicher Hitzeperioden nicht erst Monate später beurteilen können", erklärt Ministerin Schumann, die die Ages mit der Auswertung beauftragte. "Wir brauchen möglichst aktuelle wissenschaftliche Daten, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Schutzmaßnahmen laufend zu bewerten und dort nachzuschärfen, wo es notwendig ist."

Eine Frau mit blonden Haaren und blauer Kleidung spricht gestikulierend während einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt in Wien. Im Hintergrund ist eine weiße Wand mit verschwommenem Schriftzug erkennbar.
Gesundheitsministerin Korinna Schumann: "Die Zahl von 395 hitzeassoziierten Todesfällen ist erschütternd".

Dennoch ließ sich Österreich länger Zeit als andere Staaten. Spanien, Frankreich und Deutschland hatten schon vor einigen Wochen Zahlen zu den Hitzetoten veröffentlicht. Hohe Temperaturen können bestehende Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Nieren- oder andere Erkrankungen verschlechtern, diese Gesundheitskomplikationen könnten Wochen nachwirken, begründet das Gesundheitsministerium die spätere Veröffentlichung. Österreichs Modell berücksichtigt diese nachgelagerten Effekte über einen Zeitraum von 21 Tagen, erst dadurch sei eine belastbare wissenschaftliche Schätzung möglich.

"Aus Sicht der Umweltmedizin sind diese zeitnahen Schätzungen vorzeitiger Todesfälle sehr zu begrüßen", sagt Hans-Peter Hutter, der die Abteilung für Umweltmedizin am Zentrum für Public Health in Wien leitet. Damit werde nicht nur das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Problematik geschärft, sondern auch überprüft, wie wirksam Hitzeaktionspläne sind.

Alte, Schwangere, Kinder

Der Umweltmediziner betont gleichzeitig, dafür auch die viel größere Zahl all jener im Blick zu behalten, die durch die Hitze erkranken. Als besonders gefährdet gelten Alte, chronisch Kranke, Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder sowie arme Menschen, die wenig Möglichkeiten haben, sich an die hohen Temperaturen anzupassen. "Aus Public-Health-Sicht ist es daher ebenso sinnvoll, neben hitzeassoziierten Todesfällen auch die Morbidität ebenfalls zeitnah zu überwachen", sagt Hutter.

Das Gesundheitssystem könnte durch solche Auswertungen Belastungen früher erkennen und sich besser auf weitere Hitzeperioden einstellen. Als Datenquellen könnten unter anderem hitzebedingte Notarzteinsätze oder Krankenhausaufnahmen wegen Dehydrierung sowie Herz-, Lungen- und Nierenerkrankungen dienen.

Ohne Klimakrise unmöglich

Das Europäische Mortalitätsmonitoring (EuroMomo) berechnete, dass die hohen Temperaturen im Juni allein in Westeuropa zu mehr als 10.000 zusätzlichen Todesfällen geführt haben. "Die rekordbrechende Hitzewelle in Europa wäre vor nur 50 Jahren noch so gut wie unmöglich gewesen. Schuld daran ist zweifellos der Klimawandel", erklärte die Organisation World Weather Attribution, in der Klimaforschende den Einfluss der Klimakrise auf einzelne Extremwetterereignisse berechnen. Durch die Klimakrise treten Hitzewellen häufiger auf, dauern länger und werden intensiver.

Laut Österreichs Klimaforschungszentrum CCCA könne man die Hitze-assoziierte Übersterblichkeit durch Hitzeschutzpläne und Klimawandelanpassung deutlich senken. Zu letzterer zählen die Forschenden eine klimafitte Raum- oder Stadtplanung, klimaangepasste Infrastrukturen, Vorwarnsysteme und entsprechende Betreuung vulnerabler Gruppen. (Benedikt Narodoslawsky, 1.8.2026)

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