Start im August: Was kann "Roman", der Nachfolger des Weltraumteleskops Hubble?

Nancy Grace Roman Space Telescope

Start im August: Was kann "Roman", der Nachfolger des Weltraumteleskops Hubble?

Ende des Monats soll das nächste große Nasa-Teleskop nach Hubble und Webb abheben. Es hat eines der komplexesten wissenschaftlichen Instrumente der Nasa an Bord, an dem eine österreichische Astronomin mitwirkte

Julia Sica

Hochauflösendes Bild des Nancy Grace Roman Space Telescope, das von Techniker:innen in einer Reinraumumgebung der NASA mit einem Kran auf einen speziellen Arbeitsstand gehoben wird. Der Satellit ist in reflektierenden Materialien verpackt und zeigt komplexe technische Strukturen.
Im Reinraum:Das Nancy Grace Roman Space Telescope wurde nach dem Zusammenbau zum Kennedy Space Center in Florida transportiert. Von dort erfolgt der Raketenstart.

Frühstarter gibt es in der Raumfahrt selten: Immer wieder werden große Raumfahrtprojekte jahrelang verzögert, das James-Webb-Weltraumteleskop hob 2021 mit etwa zehn Jahren Verspätung ab. Doch die nächste große Mission der US-Weltraumbehörde Nasa dürfte acht Monate früher als gedacht an den Start gehen: Das Nancy Grace Roman Space Telescope verlässt laut Plan in etwa einem Monat, am 30. August, die Erde. Den Plänen zufolge sollte die Mission bis Mai 2027 beginnen. Natürlich muss das Wetter mitspielen – es könnte den Flug der Falcon-Heavy-Trägerrakete von Space X mit "Roman" an Bord nach hinten verschieben. Doch abgesehen davon sieht es so aus, als könnte das nächste große Weltraumteleskop im Spätsommer durchstarten.

Benannt wurde es nach der ersten Chefastronomin der Nasa, Nancy Grace Roman, die 2018 verstarb. Einer der Höhepunkte ihrer Karriere war die Planung und Lancierung des berühmten Weltraumteleskops Hubble, weshalb Roman auch den Ehrentitel "Hubbles Mutter" erhielt. Das nach ihr benannte Teleskop wiederum kann als Nachfolger von Hubble gelten, sagt Iva Laginja. Die kroatisch-österreichische Astronomin hat selbst an der Entwicklung von "Roman" mitgewirkt. Laginja forscht am Observatoire de la Côte d'Azur in Nizza und leitet eine der Beobachtungen, die das Observatorium im All bereits in der Frühphase anstellen wird.

Ein beeindruckendes Hubble-Bild zeigt die Galaxie M82 mit der Supernova SN 2014J, einer Typ-Ia-Supernova. Die Galaxie ist etwa 11,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Das Bild, aufgenommen am 31. Januar 2014, zeigt die Supernova kurz vor ihrer maximalen Helligkeit. Im Vordergrund erstrahlen Gas- und Staubwolken in rötlichen und bläulichen Farben. Die Daten helfen Astronomen, Entfernungen zu Typ-Ia-Supernovae zu messen und mehr über die Sterne zu erfahren, die an der Explosion beteiligt waren.
Auf diesem Bild des Hubble-Weltraumteleskops ist das helle Aufleuchten eines Sterns am Lebensende, eine Supernova, in der Galaxie M82 zu sehen. Roman tritt in die Fußstapfen von Hubble und wird ebenfalls etliche Supernovae beobachten.

Vor zehn Jahren begann man mit der Entwicklung des Teleskops, das quasi ein Panoramafenster in die unendlichen Weiten des Weltraums sein wird. Es überblickt also einen riesigen Bereich gleichzeitig und erlaubt beispielsweise neue Erkenntnisse über Exoplaneten und explodierende Sterne, die Supernovae. Auch Dunkle Energie und Dunkle Materie können dank Roman umfangreicher erforscht werden: In den Daten suchen Fachleute nach sichtbaren Strukturen, an denen der Einfluss dieser unsichtbaren Größen deutlich wird.

In einem Reinraum des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Südkalifornien im Oktober 2023 steht eine Wissenschaftlerin hinter dem Roman-Coronagraphen, einem Gerät, das Starlight blockiert, um Licht von Exoplaneten sichtbar zu machen. Das Instrument wird für das Nancy Grace Roman Space Telescope getestet.
So sieht eines der beiden Instrumente des neuen Weltraumteleskops aus: Der Koronograf blockiert Sternenlicht, damit Exoplaneten erkennbar werden.

Kein Schritt zurück

Nach Hubble war das James-Webb-Weltraumteleskop (JWST) das zweite große Teleskop im All, das fast allen Bereichen der Astrophysik dient und nicht hochspezialisiert ist. Nun kommt vonseiten der Nasa Roman hinzu, das wie Webb in rund 1,5 Millionen Kilometern Entfernung zur Erde um den Lagrange-Punkt 2 fliegen wird. Dort schirmt die Erde die Sonden von der heißen Sonneneinstrahlung ab, während die Solarpaneele genügend Licht für den Betrieb einfangen.

Im Vergleich zum JWST gibt es einige Unterschiede. Roman ist zwar auf den Infrarotbereich ausgelegt, bietet aber keine so guten Möglichkeiten im Nahinfrarot-Bereich wie das Webb-Teleskop, das besonders gut die Vorgänge im frühen Universum abbilden kann. Die Stärke des Neulings liegt eher in Bereichen, die sich näher bei uns befinden.

Im Goddard Space Flight Center in Maryland wurde das Weltraumteleskop zusammengebaut.

"Es scheint auf den ersten Blick, als ob Roman ein Schritt rückwärts Richtung Hubble wäre", sagt Laginja. Das ist aber nicht der Fall: "Mit derselben Teleskopgröße wie Hubble wird Roman ein Sichtfeld haben, das hundertmal größer ist. Auf einmal können wir mit derselben Bildauflösung einen großen Teil des Himmels abbilden."

So lässt sich ein großer Ausschnitt schneller erfassen, und die Wahrscheinlichkeit, eine Supernova zu beobachten, steigt. Das ist dem Wide Field Instrument zu verdanken, das auch im ursprünglichen Teleskopnamen – Wide Field Infrared Survey Telescope, kurz WFIRST – vorkommt. Julie McEnery, leitende Wissenschafterin der Mission, verglich kürzlich bei einer Pressekonferenz die Fähigkeiten mit dem altgedienten Hubble-Weltraumteleskop, das seit 1990 im Einsatz ist: Beobachtungen der Milchstraße, die mit Hubble ein Jahrhundert dauern würden, könnte Roman in einem Monat erledigen. Und während Hubble insgesamt rund 400 Terabytes an Daten in 35 Jahren produziert hat, geht man bei Roman von 500 Terabytes pro Jahr aus.

Julie McEnery von der Nasa demonstriert, dass das Sichtfeld des Roman Space Telescope mehr als hundertmal größer sein wird als das von Hubble.

Sternenblockade

Ein Vorteil gegenüber Webb: Während dessen riesiger goldener Hauptspiegel aus 18 Segmenten mit einem Durchmesser von 6,5 Metern Mikrometeoriten beinahe schutzlos ausgeliefert ist, bleibt der 2,4-Meter-Spiegel von Roman in einem Zylinder verborgen. Und seit der Entwicklung des JWST wurden einige Technologien wesentlich verbessert, wie der Koronograf beweist. Er spielt an Bord des Roman-Teleskops die zweite Hauptrolle neben dem Wide Field Instrument.

Zum Koronografen gehören Blenden und Masken der Kamera. Bei den Masken handelt es sich um Elemente, die hochpräzise Sternenlicht ausblenden, um die lichtschwachen Exoplaneten, die um eine ferne Sonne kreisen, besser zu erkennen. Anhand des Lichts, das von den Planeten bis ins Teleskop dringt, kann man Rückschlüsse auf ihre Atmosphäre und mögliche Bedingungen für Leben ziehen.

Eine Nahaufnahme einer in Handschuhen gehaltenen Fokalebenenmaske, die zur Lichtunterdrückung und zum Aufspüren von Planeten verwendet wird. Die Maske besitzt mehrere kreisförmige Abschnitte mit fein abgestimmten, lichtundurchlässigen Elementen, die zum Blockieren von Sternlicht dienen.
In jedem dieser Kreise sind mehrere Masken eingebaut. Im Koronografen helfen sie, Sternenlicht zu blockieren. Manche Masken sind so dünn wie ein Menschenhaar.

Die Abbildung von Exoplaneten ist ein Gebiet, das die Astronomie gerade besonders bewegt – "aus dem puren Interesse daran, ob es nicht irgendwo Planeten gibt, die der Erde ähnlich sind und die eventuell eine Möglichkeit bieten für Leben, wie wir es kennen", sagt Laginja. Noch bessere Beobachtungen auf diesem Gebiet wird die nächste große Nummer bieten, das Habitable Worlds Observatory, das derzeit für die 2040er-Jahre geplant ist. Der Koronograf, der bei Roman eingesetzt wird, ist damit gleichzeitig eine Technologie-Demonstration für den Nachfolger für die direkte Abbildung von Exoplaneten. Manche Fachleute seien der Ansicht, es handelt sich um "das komplexeste wissenschaftliche Instrument, das die Nasa je gebaut hat", wie Nasa-Wissenschafter Dominic Benford gegenüber der Raumfahrtplattform Space.com mitteilte.

Ein bekanntes Problem von Koronografen ist, dass sie sehr sensibel auf optische Fehler reagieren. Dafür gibt es beim neuen Weltraumteleskop eine innovative Lösung. "Die große Neuheit des Roman Space Telescope ist, dass wir nicht nur statische Masken und Blenden haben, sondern auch eine aktive Kontrolle für optische Fehler: Die Oberfläche der Spiegel kann sich verformen", betont Astronomin Laginja. "Wir drücken zum Beispiel eine kleine Delle in den Spiegel, eine winzige Tiefe von vielleicht zehn Nanometern." Dadurch werden optische Defekte ausgeglichen. Darüber hinaus kann man durch die deformierbaren Spiegel das eintreffende Licht des Sterns besser kontrollieren und unterdrücken.

Drei kreisförmige Grafiken auf schwarzem Hintergrund zeigen die schrittweise Reduzierung von Streulicht in Simulationen des Coronagraph-Instruments des Nancy Grace Roman-Weltraumteleskops. Links ist der Kreis gelb mit roten Flecken (höheres Streulicht), in der Mitte mehrheitlich rot (reduziertes Streulicht) und rechts überwiegend schwarz (minimales Streulicht). Dieses Ergebnis wird durch die Anwendung von Masken und deformierbaren Spiegeln erreicht, die das Streulicht blockieren und entfernen, um Exoplaneten sichtbar zu machen.
Bei einem Test der Kamera wurde eintreffendes Sternenlicht simuliert. Links sieht man, wie viel Licht durch fest verbaute Masken eindringt, die in der Mitte wie bei einer künstlichen Sonnenfinsternis den "Stern" abdecken. In der Mitte und rechts sieht man, wie beim Einsatz verformbarer Spiegel noch weniger Licht in der Kamera landet. So können Exoplaneten, die um den Stern kreisen, besser erkannt werden.

Zusammenarbeit mit Europa

Auf diesem Gebiet bringt Laginja ihre Expertise ein: Durch ihre Sensoriktests an deformierbaren Spiegeln wurden im Vorfeld Simulationstools für den Koronografen verbessert. Außerdem wird das Instrument im All relativ bald, nachdem es seine geplante Laufbahn erreicht hat, von Laginja geleitete Beobachtungen durchführen, anhand derer die folgenden Himmelsscans verbessert werden. Das ist möglich, weil nicht nur Nasa-Ingenieurinnen und -Forscher die Mission vorbereiten, sondern auch die globale Wissenschaftsgemeinschaft – in diesem Fall über das Coronagraph Community Participation Program – eingebunden wird.

Eine Frau mit langen dunklen Haaren und Brille steht lächelnd auf einer Terrasse mit Blick auf eine Stadtlandschaft. Sie trägt eine hellbraune Jacke, einen cremefarbenen Pullover und bordeauxrote Hosen. Im Hintergrund sind Gebäude, Bäume, und ein bewölkter Himmel zu sehen.
Iva Laginja ist in Österreich aufgewachsen und hat nach ihrem Astronomie-Master in den Niederlanden ihr Doktorat in Paris und in Baltimore am Space Telescope Science Institute der Nasa absolviert. Heute forscht sie am Observatoire de la Côte d'Azur in Nizza.

Besonders nützlich werden die Daten des neuen Teleskops in Kombination mit dem neuesten europäischen Weltraumteleskop sein: Die Weltraumorganisation Esa ließ 2023 Euclid abheben. "Beide Teleskope verfolgen ein sehr ähnliches Ziel, nämlich eine Kartografierung des Universums mitsamt dunkler Energie und dunkler Materie", sagt Laginja. Während Roman das große Sichtfeld habe, sei Euclid in manchen Bereichen sensibler. Gerade die Zusammenarbeit der beiden bringt die besten Resultate, ist die Astronomin überzeugt.

Das Bild zeigt das Zentrum der Milchstraße mit einer unglaublichen Detailgenauigkeit und einer Fülle von Sternen und Galaxien. Es wurden 60 Millionen Sterne und Milliarden sichtbare Galaxien eingefangen. Die Aufnahme wurde mit der optischen Kamera VIS des Euclid-Weltraumteleskops gemacht, ergänzt durch Farbaufnahmen der CFHT-Megacam in Hawaii. Das Bild bietet neue Einblicke für die Identifikation von Exoplaneten.
Das europäische Weltraumteleskop Euclid bildet ebenfalls einen großen Teil des Himmels ab, und zwar in bislang unerreichter Bildqualität. Hier ein Blick ins Zentrum der Milchstraße.

Laginja hofft, dass bis Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres Daten vom Roman Space Telescope auf der Erde eintreffen. Ähnlich wie beim Webb-Teleskop ist eine Präsentation der ersten spektakulären Bilder geplant. Womöglich wird uns die Panorama-Kamera im All eine verbesserte Version des einen oder anderen Hubble-Klassikers bescheren. (Julia Sica, 1.8.2026)

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