Erster gehörloser Feuerwehrmann im Schwalm-Eder-Kreis: Tobias Braun macht es möglich

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Ohne Sirene, ohne Funk Gehörloser Feuerwehrmann aus Frielendorf schreibt Geschichte

Tobias Braun hört weder Sirenen, noch das Knistern, wenn es brennt - trotzdem ist er bei der Feuerwehr. Der 39-Jährige aus Frielendorf ist der erste gehörlose Feuerwehrmann im Kreis Schwalm-Eder - und zeigt, wie Inklusion im Ehrenamt funktionieren kann.

Ein Mann steht vor einem Feuerwehrauto. Das Fahrzeug steht in einer Halle.

Tobias Braun kann nicht hören - aber seine Kameradinnen und Kameraden beim Löschen unterstützen. Bild © Kübra Anac (hr)

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00:39 Min.|Fabian Schmidt

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Gebärdensprache bei der Freiwilligen Feuerwehr - das kommt eher selten vor. Nicht so in Frielendorf-Großroppershausen (Schwalm-Eder).

Die Kameradinnen und Kameraden lauschen den Ausführungen von Gemeindebrandinspektor Christian Nill. Die Feuerwehrleute wollen einen Einsatz proben. Doch nicht jeder kann Nills Anweisungen hören.

Feuerwehrmann Tobias Braun ist gehörlos. Neben ihm steht sein Neffe Elias Steube und übersetzt das Gesprochene des Gemeindebrandinspektors für Braun in Gebärden. Braun schnappt sich seine Ausrüstung, die Fahrzeuge rücken aus. Vor Ort soll jeder Handgriff sitzen.

Der 39-Jährige klettert auf einer Leiter ins Obergeschoss, überall ist künstlicher Rauch. Ein Teenager steht am Fenster, Braun rettet ihn über die Leiter. Dass der Feuerwehrmann nichts hören kann, ist kein Hindernis. Für seinen Weg bis zur Feuerwehr brauchte er dennoch einen langen Atem.

Ein Feuerwehrmann in voller Montur mit Helm auf einer Leiter. Diese lehnt an einer Hauswand und reicht bis zu einem Fenster.

Tobias Braun bei der Einsatzübung. Bild © hr

Der Wunsch: Beim Einsatz mitfahren, statt am Schreibtisch zu sitzen

Vor etwa fünf Jahren suchte die Feuerwehr neue Leute. Auch Braun wurde von Seiten der Feuerwehr gefragt, ob er mitmachen will. "Ja, warum nicht!", habe er gedacht, übersetzt Steube die Gebärden seines Onkels. Erst sei es schwierig gewesen, erinnert Braun sich. Doch man sei schnell miteinander warm geworden. "Und dann haben die Leute sich für mich eingesetzt."

Eine große Unterstützung ist dabei sein Neffe. Der 23-Jährige ist studierter Gebärdendolmetscher und hilft, wo er kann. Mit seinem Onkel habe er sich schon immer gut verstanden, berichtet Steube. "Jeder würde für jeden einstehen."

Erst war der Plan, dass Braun sich um Öffentlichkeitsarbeit und Social Media kümmern sollte. Aber der gelernte Metzger hatte etwas anderes im Sinn Er wollte aktiv dabei sein und beim Einsatz mitfahren. Dafür musste er den Feuerwehr-Grundlehrgang bestehen.

Ein Mann macht Gebärdensprache. Ein weiterer Mann schaut dabei zu. Beide tragen Kleidung der Feuerwehr.

Elias Steube ist studierter Gebärdendolmetscher und übersetzt für seinen Onkel. Bild © hr

"Inklusion ist in der Feuerwehr ein Thema"

Gemeindebrandinspektor Nill stellte gemeinsam mit der Wehrführung einen Antrag an den Gemeindevorstand, damit Braun den Lehrgang besuchen durfte. Dennoch war er selbst zunächst skeptisch. Er habe sich gefragt: Wie funktioniert das, wenn man sich im Einsatz nachts um drei Uhr nicht verbal abstimmen kann?

Doch dass Braun ein Teil des Teams wird, habe nie zur Diskussion gestanden. Die Kameradinnen und Kameraden wollten Braun unbedingt dabei haben. "Der Wunsch kam ganz klar aus der Ortsteilfeuerwehr heraus", erinnert sich der Gemeindebrandinspektor. Und Braun habe es dann allen gezeigt, so Nill.

Im August bestand Braun den Grundlehrgang. Damit darf er unter Anleitung und Begleitung eines erfahrenen Kameraden bei Einsätzen dabei sein.

Bei der Feuerwehr werde jede helfende Hand gebraucht. Zudem wollten die Brandschützer für alle offen sein, die sich für die Arbeit interessieren, erklärt Nill - nicht nur in Frielendorf. "Inklusion ist in der Feuerwehr in ganz Hessen und in ganz Deutschland ein Thema."

Bürgermeister: "Warum soll jemand etwas dagegen haben?"

Unterstützung gab es auch von der Gemeinde. Die neun Mitglieder des Gemeindevorstands beschlossen einstimmig, dass Braun den Grundlehrgang machen darf. Bedenken habe es keine gegeben, so Bürgermeister Jens Nöll (SPD).

Eine arbeitsmedizinische Untersuchung habe eindeutig ergeben, dass der 39-Jährige für den Feuerwehrdienst geeignet sei. Wenn medizinisch nichts dagegen spreche, "warum soll jemand etwas dagegen haben, wenn sich jemand ehrenamtlich engagieren will?", bekräftigt Nöll.

Zwei Männer vor einem Gebäude der Feuerwehr. Die Tore sind offen, in der Halle stehen Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr.

Gemeindebrandinspektor Christian Nill (rechts) mit Bürgermeister Jens Nöll. Bild © hr

Es sei das erste Mal, dass ein gehörloser Feuerwehrmann im Schwalm-Eder-Kreis einen Grundlehrgang erfolgreich absolviert habe. Den Erfolg wertet Nöll auch als Signal an andere Feuerwehren. "Man soll nicht fragen, was jemand nicht kann, sondern was jemand kann - und was man gemeinsam daraus machen kann", erklärte der Bürgermeister.

Wie viele gehörlose Menschen in Hessen aktive Mitglieder der Feuerwehren sind, lässt sich nicht beziffern. "Es liegen uns keine statistischen Erhebungen dazu vor, wie viele gehörlose Personen in den Feuerwehren in Hessen aktiv sind", teilte eine Sprecherin des Landesfeuerwehrverbands auf hessenschau-Anfrage mit.

Stärken nutzen, aber auch Grenzen erkennen

Braun kann die Feuerwehr bei vielen Einsätzen unterstützen - aber es gibt auch Grenzen. Bei der technischen Hilfeleistung gebe es keine Einschränkungen, berichtet Nill. Braun könne gut Lippen lesen und werde durch seinen Neffen mit Gebärdensprache unterstützt.

Dennoch gibt es beim Einsatz auch Grenzen - beispielsweise beim Sprechfunk. Auch könne er kein Atemschutzgeräteträger werden. Für Nill ist das eine richtige Entscheidung: "Unter Nullsicht muss man sich verbal verständigen können – gerade in Gefahrensituationen."

Dennoch: Steube ist nicht immer dabei und kann dolmetschen - aber das gesamte Team hat laut Braun mittlerweile gelernt, auch ohne Gebärdendolmetscher klarzukommen. Zum Beispiel, indem die Feuerwehrleute Braun antippen, damit er auf sie aufmerksam wird. "Wir üben das und wachsen langsam zusammen." Vorurteilen sei er hier bei der Feuerwehr nicht begegnet.

Sehen, Riechen und Fühlen viel ausgeprägter

Einen echten Einsatz hat Braun noch nicht erlebt. Spaß hat er aber schon bei den Übungen - und wünscht sich mehr davon.

Sorgen, dass Braun bei einem Einsatz etwas passieren oder er sich in Gefahr begeben könnte, hat Steube nicht. Der Grund: Bei Gehörlosen seien die anderen Sinne wie Sehen, Riechen und Fühlen wesentlich ausgeprägter.

Ein wichtiger Teil des Teams

In einen brennenden Raum wird Braun niemals selbst hineingehen - als wichtiges Mitglied der Feuerwehr fühlt er sich trotzdem: "Ich kann helfen, die Leiter aufzubauen, ich kann Schläuche ausrollen." Auch bei einem Unfall könne er sehr viel machen. Die Zusammenarbeit im Team empfindet Braun als "gut". Das Gefühl, den anderen zur Last zu fallen, habe er nicht.

Feuerwehrfrau Mirka Jasper freut sich, dass Braun dabei ist. Und sie betont: "Jeder hat das Recht, das zu machen, was er gerne machen möchte."

Gemeindebrandinspektor Nill hofft, dass sich auch andere Menschen ermutigt fühlen, sich bei der Feuerwehr zu melden: "Vielleicht ist das hier ein leuchtendes Beispiel für andere."