Interview Hans Werner Ewerhardy: „Menschen aus Britten wurden entrechtet und ermordet“

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Interview Hans Werner Ewerhardy „Menschen aus Britten wurden entrechtet und ermordet“

Interview | Britten · Der Autor Hans Werner Ewerhardy hat sich intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus in Britten beschäftigt und dafür historische Zeitungen und Akten durchforstet. Was ihn besonders betroffen gemacht hat.

12.07.2026 , 08:00 Uhr

 Ein Platzkonzert 1940 in Britten.

Ein Platzkonzert 1940 in Britten.

Foto: Hans Werner Ewerhardy

Hans Werner Ewerhardy hat sich intensiv damit beschäftigt, wie der Nationalsozialismus seinen Heimatort geprägt hat.

Herr Ewerhardy, sechs Jahre intensive Forschungsarbeit stecken in Ihrer Dokumentation der Ortsgeschichte von Britten, die in über 1.500 Seiten den Zeitraum 1928 bis 1945 betrachtet. Was war der ursprüngliche Impuls, der Sie dazu bewogen hat, so tief in die Geschichte Ihres eigenen Heimatortes einzutauchen?

Auch bei Familie Ewerhardy war das Militär einquartiert.

Auch bei Familie Ewerhardy war das Militär einquartiert.

Foto: Hans Werner Ewerhardy

Ewerhardy Es fing eigentlich mit der klassischen Familienforschung an. Meine Recherchen zu den Opfern des Zweiten Weltkrieges führten schnell zu der Frage, ob und wie der Nationalsozialismus meinen Heimatort geprägt hat. Mündliche Überlieferungen erweckten den Eindruck, dass die große Politik fernab des Dorfes stattfand. Durch Zufall bin ich im Bürgerarchiv Merzig auf einen umfangreichen Bestand historischer Zeitungen gestoßen, in denen viele Berichte über Britten veröffentlicht wurden. Diese Berichte vermittelten ein anderes Bild vom Alltag in Britten während der Zeit des Nationalsozialismus, als ich es aus mündlichen Überlieferungen kannte. Hinzu kamen Akten unter anderem aus dem Landesarchiv Saarbrücken, dem Landeshauptarchiv Koblenz, dem Bundesarchiv Berlin sowie Dokumente aus dem Ortsarchiv Britten. Für die Nachkriegsjahre konnte ich später zudem weitere Zeitungsbestände im Museum Schloss Fellenberg einsehen. Schritt für Schritt fügten sich diese Quellen zu einem Gesamtbild zusammen, das viele Facetten des politischen und gesellschaftlichen Lebens während dieser Jahre erkennen lässt. Mir war wichtig, dass meine Dokumentation auf nachvollziehbaren Quellen beruht. Ich sehe meine Aufgabe darin, historische Quellen sorgfältig auszuwerten, ihre Inhalte verständlich darzustellen und interessierten Menschen zugänglich zu machen, nicht darin, über die Menschen der damaligen Zeit zu urteilen.

Gab es während dieser jahrelangen Recherche einen bestimmten Moment oder ein Dokument, das Sie persönlich besonders emotional berührt oder überrascht hat?

Ewerhardy Es gab viele solcher Momente, die mich nachdenklich gestimmt haben. Wenn man in Zeitungsartikeln schwarz auf weiß nachlesen kann, wie die politische Entwicklung im Heimatort war, dann hat das eine andere Qualität als mündliche Überlieferungen, die oft nicht mehr belegbar sind. Neben verschiedenen politischen Ereignissen im Ort hat mich besonders die Recherche zu den Opfern der NS-„Euthanasie“ betroffen gemacht. Hinter den wenigen erhaltenen Akten stehen Menschen aus Britten, die allein aufgrund einer zugeschriebenen Behinderung entrechtet und schließlich ermordet wurden. Wenn man sich über Wochen und Monate mit ihren Lebenswegen beschäftigt, bleiben diese Schicksale nicht abstrakt. Es war mir wichtig, ihre Lebensgeschichten anhand der Quellen so weit wie möglich zu rekonstruieren.

Im Bürgerarchiv Merzig, von links: Philipp Ludwig, Ortsvorsteher von Britten, Hans Werner Ewerhardy und Martin Lang, Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde.

Im Bürgerarchiv Merzig, von links: Philipp Ludwig, Ortsvorsteher von Britten, Hans Werner Ewerhardy und Martin Lang, Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde.

Foto: Ruth Solander

Sie schreiben, dass Sie den NS-Opfern aus Britten „ihre Geschichte zurückgeben“ wollten. Wie haben Sie die Auswahl der Schicksale getroffen und warum ist es für die heutige Dorfgemeinschaft so wichtig, sich an diese Namen zu erinnern?

Ewerhardy Ich habe keine Auswahl im Sinne einer Gewichtung getroffen. Jedes Opfer hat das gleiche Recht, genannt zu werden. Für mich gibt es keine wichtigen oder weniger wichtigen Schicksale, egal ob es ein politisch Verfolgter war oder ein Mensch, der Opfer der NS-„Euthanasie“ wurde. Jedes einzelne Schicksal verdient es, in Erinnerung zu bleiben. Die Nationalsozialisten wollten diesen Menschen ihre Würde und ihre Identität nehmen. Indem wir heute ihre Namen wieder nennen und ihre Lebensgeschichten erzählen, geben wir ihnen wenigstens einen Platz in der Erinnerung zurück. Für uns heute ist das wichtig, weil diese Schicksale zeigen, wie schnell Menschen ausgegrenzt und ihrer Rechte beraubt werden können. Erinnerung ist deshalb nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch eine Verantwortung für die Gegenwart.

Sie schildern nicht nur politische Ereignisse, sondern auch das Alltagsleben in Britten. Warum war Ihnen gerade dieser Blick auf den Alltag wichtig?

Ewerhardy Geschichte besteht nicht nur aus politischen Entscheidungen oder militärischen Ereignissen. Mich interessiert vor allem, wie sich diese Entwicklungen auf das Leben der Menschen ausgewirkt haben. Zeitungsberichte über Vereinsleben, Schule, Landwirtschaft und das Alltagsleben erscheinen auf den ersten Blick unspektakulär. Betrachtet man sie jedoch über mehrere Jahre hinweg, wird sichtbar, wie sich Sprache und die Gesellschaft Schritt für Schritt verändern. Erst wenn man Zeitungsberichte über viele Jahre liest, erkennt man diese Veränderungen. Gerade darin zeigt sich, wie tief der Nationalsozialismus in den Alltag eingedrungen ist und die Menschen vereinnahmt hat.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ewerhardy Ideen gibt es viele. Britten hat noch zahlreiche Kapitel seiner Geschichte, die bislang kaum erforscht sind. Welches Thema ich als nächstes bearbeite, steht noch nicht fest. Sicher ist aber, dass meine Arbeit mit diesem Buch nicht endet. Solange neue Quellen auftauchen oder bislang unbeachtete Dokumente ausgewertet werden können, gibt es noch viel zu entdecken. (sm/sil)