Panik und Poetik: Eine Autorin im tollkühnen Wettlauf gegen die Zeit
Barbi Marković soll eine Poetikvorlesung halten, aber diese hat überhaupt keine Lust, gehalten zu werden
27.09.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten

Marija Šabanović
Für gewöhnlich sind Poetikvorlesungen nicht eben dafür bekannt, besonders lustig zu sein. Aber «für gewöhnlich» ist auch keine Kategorie, in der sich Barbi Marković bewegen würde.
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Die 1980 in Belgrad geborene und dort aufgewachsene Autorin hatte sich mit 25 Jahren aus dem Stand in das Herz der Literaturwelt katapultiert, als sie Thomas Bernhards «Gehen» auf Serbisch übertrug und auf die Partyszene in Belgrad ummünzte, was dann so klang: «Während ich, bevor Bojana vom Clubben genug hatte, nur am Samstag mit Milica ausgegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Bojana vom Clubben genug hat, auch am Sonntag mit Milica aus.»
Korrekterweise schrieb Barbi Marković damals an die Lizenzabteilung des Suhrkamp-Verlags, welcher die Rechte von Thomas Bernhard verwaltete, und bat um Erlaubnis, ihren Text zu veröffentlichen. Der Verlag antwortete: «Wir wissen nicht, was Sie getextet haben (Markovićs Remix war auf Serbisch). Es ist auf jeden Fall verboten.» Darauf Marković: «Aber ich bin nur 25, und wir sind in Serbien, niemand wird jemals von diesem Buch erfahren.» Dass später ausgerechnet derselbe Suhrkamp-Verlag die deutsche Übersetzung von «Ausgehen» publizierte, nennt man wohl so etwas wie Ironie der Literatur.
Auch mit ihren darauffolgenden Büchern «Superheldinnen», «Minihorror» und «Piksi-Buch» zeigte Barbi Marković, dass Pop-Kultur, Intelligenz und Humor ein grossartiges und recht explosives Amalgam ergeben, wenn man sie nur im richtigen Verhältnis dosiert. Und die Wahlwienerin kann mehr als nur dosieren. Sie ist auch eine begnadete Erzählerin.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sie irgendwann für eine Poetikvorlesung angefragt würde, jene Vorlesungen, bei denen Autorinnen und Autoren ihr eigenes Schreiben reflektieren. Die Anfrage der Universität Salzburg kam lange im Voraus, zwei Jahre vor der Veranstaltung. «Ja klar!» war die Antwort der Autorin, und sie dachte: «In zwei Jahren bin ich klüger und gebildeter. Ich bin schön, erwachsen, ökonomisch gesichert. In zwei Jahren habe ich die österreichische Staatsbürgerschaft, Kinder, ein Haus und einen Sixpack. In zwei Jahren komme ich daher und rocke die Poetikvorlesung.»
Mit dieser Szene beginnt auch das Buch. Schnitt. Und plötzlich sind zwei Jahre fast um. Noch 13 Tage bis zur Poetikvorlesung! Geschrieben hatte Marković natürlich noch kein einziges Wort. Und nun geht ein aberwitziger literarischer Countdown los, der gleichzeitig die Poetikvorlesung ist. Ein tollkühner Parforceritt zwischen Panikattacke und Selbstüberhöhung, bei der sich die Autorin ihre Hand derart kaputtschreibt, dass diese eingegipst werden muss.
Die Vorlesung reist und rast mit uns durch Markovićs Kindheit und Leben sowie in ihre bisherigen Bücher. Dabei taucht im Text auch immer wieder die personifizierte Poetikvorlesung auf, die Marković halten soll. Doch die Poetikvorlesung hat Allüren und überhaupt keine Lust, gehalten zu werden. Irgendwann sitzt sie dann im Négligé in der Küche der Autorin und weint, weil sie sich mehr Walter Benjamin, Kurt Vonnegut und Virginia Woolf erhofft hatte.
Als Leserin hingegen ist einem alles andere als zum Weinen zumute. Stattdessen folgt man geradezu atemlos, amüsiert und beeindruckt dem Schimpfen, Stehlen und Spielen in Barbi Markovićs Kindheit und in ihren Büchern, wird Zeugin der wohl längsten Schimpftirade der Literaturgeschichte und des heroischen Kampfes der Autorin gegen die Zeit. Und seien Sie versichert: Obwohl man eine Poetikvorlesung in der Hand hält, lacht man dabei Tränen.
Barbi Marković: Stehlen, Schimpfen, Spielen. Rowohlt 2025. 144 Seiten.