Irmgard Keuns Doris: Ruhm, Moral und rostige Sicherheitsnadeln

Irmgard Keun: «Liebe? Da zucke ich nur mit meiner anerkannten Schulter.»

Für die Protagonistin Doris führt der Weg zum Ruhm über Männerbekanntschaften - und endet anders als geplant.

27.09.2026, 05.30 Uhr

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Die Schriftstellerin Irmagard Keun (1905-1982) auf einer Fotografie aus dem Jahr 1932.

Die Schriftstellerin Irmagard Keun (1905-1982) auf einer Fotografie aus dem Jahr 1932.

Ullstein Bild / Getty Images

Kunstseide ist eine super Sache. Jedenfalls aus der Ferne betrachtet. Da wirkt sie nobel, verströmt den Glanz der Schönen und Reichen. Nur bei näherer Betrachtung offenbart sich die billige Machart, der etwas schäbige Schimmer. Mit dem Leben von Doris verhält es sich genauso. Die junge Frau will hoch hinaus. Ein Glanz werden am Theater oder beim Film. Bei dem Alabasterteint sollte das wohl auch nicht allzu schwer sein.

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Auch wenn Doris aus ärmlichen Verhältnissen stammt und ihre Tage bis jetzt als Stenotypistin in einer Anwaltskanzlei fristet: «Ich erkannte, dass etwas Besonderes in mir ist.» Und wer würde sich da schon von ein paar Kommafehlern aufhalten lassen? Also kaschiert Doris diese, indem sie dem Anwalt schmachtende Blicke zuwirft.

Damit ist die Grundkonstellation von Irmgard Keuns Kultroman «Das kunstseidene Mädchen» gelegt. Es ist Doris’ Streben nach Ruhm und Reichtum – was in -Kombination Anfang der 1930er-Jahre für ein einfaches Mädchen oft nur mithilfe der richtigen Männerbekanntschaften zu erreichen war. Irgendwann zwischen Bekanntschaft elf und zwölf klaut sich Doris im Theater einen Pelzmantel und zieht nach Berlin. Dort hangelt sie sich weiter von Bekanntschaft zu Bekanntschaft. Immerhin ist die Kulisse mondäner. Nach einem Reigen halbseidener Erfahrungen sieht Doris ein, dass Glanz auch nicht alles auf der Welt ist.

Was daran lustig sein soll? Sehr viel! Etwa Doris’ zweckdienliches Weltbild, demgemäss sie rostige Sicherheitsnadeln in der Unterwäsche zwecks Beischlafverhinderung als Moral ansieht, und dass «etwas Liebe dabei sein muss» als Ideal. Und da ist ihr umwerfender Pragmatismus: Angebissene Pralinés mantscht sie zusammen und verschenkt sie weiter.

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Ullstein 2001. 208 Seiten.