Konsequenz, Präzision, Atmosphäre: Peter Zumthor ist präsent wie seit langem nicht mehr

Konsequenz, Präzision, Atmosphäre: Peter Zumthor ist präsent wie seit langem nicht mehr

Das Jahr 2026 steht architektonisch ganz im Zeichen des Schweizer Architekten: Gleich zwei bedeutende Museumsbauten eröffnen fast gleichzeitig: das Los Angeles County Museum of Art und die Erweiterung der Fondation Beyeler.

Hubertus Adam27.09.2026, 05.30 Uhr

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Der Grundriss des dreigeschossigen Erweiterungsbaus der Fondation Beyeler in Riehen weist eine ungewohnte Ypsilon-Form auf, was dem alten und wertvollen Baumbestand im Park geschuldet ist.

Der Grundriss des dreigeschossigen Erweiterungsbaus der Fondation Beyeler in Riehen weist eine ungewohnte Ypsilon-Form auf, was dem alten und wertvollen Baumbestand im Park geschuldet ist.

Claudio Thoma / Keystone / © ProLitteris

Ende der 1990er Jahre wurde Peter Zumthor einer breiteren kulturinteressierten Öffentlichkeit bekannt. In dichter Folge entstanden seine renommierten Bauten, Meisterwerke allesamt: die Therme Vals, das Kunsthaus Bregenz und schliesslich der Klangkörper Schweiz, der eidgenössische Länderpavillon für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover. Wände, aus Holz geschichtet und einfach demontierbar, ein labyrinthisches und doch offenes System aus Räumen, dazu ein überzeugendes musikalisches und kulinarisches Konzept: Nie sonst hat sich die Schweiz auf einer Weltausstellung so überzeugend, gewinnend und frei von touristischen Klischees präsentiert.

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In gewisser Weise galt Peter Zumthor im Jahr 2000 als Architekt der Stunde. Ihm seinerzeit ebenbürtig waren lediglich Herzog & de Meuron, die mit dem Umbau der Tate Modern in London gleichzeitig zu Weltstars wurden. Danach haben sich die Wege getrennt. Herzog & de Meuron wuchsen und wuchsen, leiten derzeit ein Büro mit weltweit 600 Mitarbeitenden. Peter Zumthor schlug einen anderen Weg ein. Er konzentrierte sich auf die wirklich interessanten, für ihn wichtigen Bauaufgaben.

Das Werk ist übersichtlich geblieben, umfasst aber Bauten, die so individuell, so besonders, so exzeptionell sind, dass man sie gesehen haben muss. Herausragend sind das Museum Kolumba in Köln und die Bruder-Klaus-Kapelle im nahen Wachendorf. Und in Norwegen ein Museum für eine Zinkmine sowie das Memorial für die Opfer der Hexenverfolgung in Vardö, ganz im Nordosten des Landes, jenseits des Polarkreises.

Dass das Jahr 2026 architektonisch im Zeichen Zumthors steht, hat damit zu tun, dass die beiden grossen Projekte, die ihn in den letzten Jahren beschäftigt haben, fast zeitgleich zum Abschluss gekommen sind: das Los Angeles County Museum of Art (Lacma) und die Erweiterung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.

Blick auf das im Mai dieses Jahres eröffnete Los Angeles County Museum of Art (LACMA) in Los Angeles.

Blick auf das im Mai dieses Jahres eröffnete Los Angeles County Museum of Art (LACMA) in Los Angeles.

Daniel Cole / Reuters / © ProLitteris

Das LACMA sieht einen Ausstellungsbetrieb auf einer einzigen Ebene vor.

Das LACMA sieht einen Ausstellungsbetrieb auf einer einzigen Ebene vor.

Allen J. Schaben / Los Angeles Times / Getty / © ProLitteris

Fondation Beyeler aus Jurakalk

Im Mai wurde der amöbenförmige Neubau des Lacma offiziell eröffnet, ein Projekt, das vor fast zwanzig Jahren begann, als Michael Govan, der neue Direktor des Hauses, Kontakt mit Zumthor aufnahm. Architekt und Direktor entwickelten gemeinsam das Konzept, sämtliche Exponate ungeachtet ihrer Materialität, ihrer Entstehungszeit und ihres kulturellen Kontextes auf einer Ebene zu versammeln und damit übliche chronologische oder gattungsspezifische Präsentationen zu unterlaufen. Eine Grundsatzentscheidung, welche die Formfindung des Gebäudes massgeblich mitbestimmte.

In Basel, wo Peter Zumthor 1943 geboren wurde, eröffnet jetzt schrittweise die Erweiterung der Fondation Beyeler. Zumthor hatte den Wettbewerb vor zehn Jahren gewonnen und die Jury mit dem Konzept überzeugt, das Bauprogramm angesichts der vorstädtischen Situation in Riehen auf drei separate Volumina zu verteilen. Wie gut das funktioniert, zeigt sich schon beim Hauptgebäude der Erweiterung, dem Wyss-Museum.

Aus Respekt vor dem Baumbestand besitzt das Volumen mit seinen drei Ausstellungsebenen und einer eindrucksvollen, das Handwerkliche evozierenden Fassade aus Jurakalk-Stampfbeton einen unregelmässigen Y-förmigen Grundriss. Durch die Knicke in den Fassaden sieht man stets nur Teile des Gebäudes und ist überrascht, wie weitläufig und grosszügig sich das Innere zeigt. Auf Unterteilungen wird verzichtet, so dass die Ebenen, verbunden durch lineare Treppenläufe, ein dynamisches räumliches Kontinuum bilden.

Park und Teich mit Louise Bourgeois' grosser Spinne vor dem Erweiterungsbau mit seiner Fassade aus weissem Jurakalk.

Park und Teich mit Louise Bourgeois' grosser Spinne vor dem Erweiterungsbau mit seiner Fassade aus weissem Jurakalk.

Iwan Baan / Fondation Beyeler / © ProLitteris

Die Terrasse von Zumthors Erweiterungsbau erlaubt weite Blicke in Park und Landschaft.

Die Terrasse von Zumthors Erweiterungsbau erlaubt weite Blicke in Park und Landschaft.

Claudio Thoma / Keystone / © ProLitteris

Der Jurakalk des Äusseren kehrt in verschiedener Form wieder: im Kalkputz der Wände sowie als Zuschlagstoff im Terrazzoboden und in den betonierten Decken. Von Zumthor entwickelte Deckenleuchten können bei Bedarf zugeschaltet werden, tagsüber dienen aber die grossen Fensteröffnungen als primäre Lichtquelle. Ganz bewusst wird hier eine Alternative zum klassischen und neutralen rechteckigen Museumsraum mit Oberlicht gesucht, der letztlich auch dem Ursprungsbau der Fondation Beyeler zugrunde liegt.

Das Licht im Neubau ist weicher, modulierter, und es verändert sich deutlich je nach Tageszeit. Die untere Ebene ist auf den umgebenden Park bezogen, die mittlere wirkt introvertierter, und die oberste – sie zeigt sich am luftigsten und hellsten – bietet grossartige Ausblicke auf die Ausläufer des Schwarzwalds und den Jura.

Aus der Notwendigkeit eines Fluchtwegs hat Zumthor eine Tugend gemacht: Wer will, kann das Gebäude über eine Terrasse und eine hinter der Aussenmauer verborgene Treppe verlassen und gelangt direkt in den intimen Parkteil, durch den sich die Freiflächen der Fondation Beyeler verdoppelt haben. Von dort aus kehrt man zurück zu dem öffentlichen Platz, um den sich die drei Bauten von Zumthor gruppieren.

Ergänzt wird das neue Museum durch ein Servicegebäude mit einer viergeschossigen Holz-Glas-Fassade sowie den im bestehenden Parkteil situierten polygonalen Pavillon, der mit 250 Plätzen als Konzert- und Veranstaltungsraum genutzt wird, tagsüber aber allen Besuchern von Museen und Park als informeller Aufenthaltsraum zur Verfügung steht.

Licht fällt von der Seite ein in das Erdgeschoss des Erweiterungsbaus.

Licht fällt von der Seite ein in das Erdgeschoss des Erweiterungsbaus.

Claudio Thoma / Keystone / © ProLitteris

Das Servicegebäude mit viergeschossiger Holz-Glas-Fassade, dahinter der Museumsneubau mit seiner Hülle aus Jurakalk.

Das Servicegebäude mit viergeschossiger Holz-Glas-Fassade, dahinter der Museumsneubau mit seiner Hülle aus Jurakalk.

Claudio Thoma / Keystone / © ProLitteris

Zumthor in Film und Podcast

Die neuen Bauten in Los Angeles und Basel sind auch Thema im Film «From Inside Out – Die Architektur von Peter Zumthor» von Wim Wenders. Zusammengetroffen waren der Filmregisseur und der Architekt erstmals im Vorfeld der Architekturbiennale in Venedig 2012, an der dann ein Kurzporträt Zumthors von Wenders gezeigt wurde. Vierzehn Jahre vergingen, bis der jetzige Film fertiggestellt wurde.

Zeit zu haben, ist essenziell, wie bei manchen Projekten des Architekten. Die knapp zweistündige Dokumentation, die am 6. September dieses Jahres an den Filmfestspielen in Venedig ihre Weltpremiere feierte und im Rahmen des Zurich Film Festival vorgestern hierzulande erstmals zu sehen war, kommt am 5. November in die Schweizer Kinos. Wie bei seinen vorangegangenen Filmen über Pina Bausch und Anselm Kiefer entschied sich Wenders für die 3-D-Aufnahmetechnik.

Zu einer breiteren Bekanntheit Zumthors dürfte in diesem Jahr auch das mehr als zweistündige Interview im reichweitenstarken deutschen Podcast «Hotel Matze» beigetragen haben, das Ende Mai aufgeschaltet wurde. Mathias Hielscher interviewt wöchentlich Prominente aus Kultur, Politik und Gesellschaft – und nun erstmals einen Architekten.

Zumthor erklärt nicht nur einprägsam sein Verständnis von Architektur, sondern erzählt auch von schwierigen Phasen in seinem Leben. So von der Trauer um seine Anfang des Jahres verstorbene Frau Annalisa Zumthor-Cuorad, von leidvollen beruflichen Erfahrungen wie dem Scheitern des Projekts «Topographie des Terrors» in Berlin – und von der mangelnden Anerkennung in frühen Jahren seitens seines Vaters, bei dem er ab 1958 eine Schreinerlehre absolvierte.

Eine Ausnahmeerscheinung im Architekturbetrieb: Peter Zumthor.

Eine Ausnahmeerscheinung im Architekturbetrieb: Peter Zumthor.

Martin Mischkulnig

Nach dem Studium an der Kunstgewerbeschule Basel und am Pratt Institute in New York kehrte er 1967 in die Schweiz zurück, um mehr als zehn Jahre als Siedlungsinventarisator für die Denkmalpflege in Graubünden zu arbeiten. Erste Umbauprojekte entstanden schon zu dieser Zeit, doch die eigentliche Bürogründung erfolgte erst 1978. Im Jahr 1986 errichtete er in Haldenstein, einem Vorort von Chur, in dem er schon seit 1972 lebte, sein erstes Ateliergebäude.

Dieses stiess mit seiner reduzierten Form in der Fachwelt sofort auf Aufmerksamkeit. Inzwischen ist es Teil eines kleinen Zumthor-Campus, der auch das benachbarte Wohn- und Atelierhaus sowie ein zusätzliches Ateliergebäude auf der anderen Strassenseite umfasst. Kommt man dieser Tage von der Bushaltestelle, so passiert man die Baugrube eines weiteren Gebäudes, welches das in das Dorf integrierte Ensemble erweitern wird.

Zumthor hat vor einigen Jahren entschieden, dass es in seinem Büro keine Nachfolgeregelung geben wird. Das ist konsequent, denn auch wenn Architektur stets das Werk vieler bleibt, stellt Zumthor mit seiner Individualität, seiner Kompromisslosigkeit, seiner Leidenschaft für Handwerk, Präzision und Atmosphäre eine Ausnahmeerscheinung im Architekturbetrieb dar. Wer mit Zumthor bauen will, will Zumthor selbst und nicht ein Büro, das seinen Namen trägt.

Beim Rundgang durch das zur Strasse hin verglaste dritte Ateliergebäude in Haldenstein gewinnt man einen Überblick über die Projekte, an denen der Architekt derzeit mit seinem kleinen Team arbeitet. Da ist zum Beispiel ein neues Musikhaus, das nach jüngsten Vorschlägen neben der Taufkirche von Zwingli im Toggenburg entstehen soll.

Einen weiteren Neubau plant Peter Zumthor ganz im Südosten Graubündens, im Münstertal. Nahe der Grenze zu Italien ist in Santa Maria seit 1928 die Handweberei Tessanda beheimatet. Die Tradition der Textilindustrie, welche die Schweiz über Jahrhunderte prägte, hat nicht an vielen Orten überdauert, aber hier werden von gut zwanzig Weberinnen hochwertige Textilien für Küche, Tisch und Bad sowie Accessoires oder Schals hergestellt.

Das historische Gebäude in Santa Maria stösst aber räumlich an seine Grenzen und ist dringend sanierungsbedürftig. Da eine Restaurierung die Unterbrechung der Produktion bedeutet hätte, setzte man auf eine mutige Vorwärtsstrategie. Die Kunsthandwerkerinnen wandten sich an den Architekten in Haldenstein, und da ihn die Tessanda seit langem fasziniert, erhielten sie eine Zusage. 2025 wurde der Entwurf vorgestellt: Ein langgestreckter dreigeschossiger und ringsum verglaster Holzbau soll in Valchava entstehen, dem nächsten Dorf talaufwärts. Peter Zumthor freut sich schon darauf, das Klappern der Webstühle in den beiden Obergeschossen zu hören.

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Das Lacma gilt als der bedeutendste amerikanische Museumsbau seit Jahrzehnten. Hier soll alles gleich wichtig sein – die Kunst der lateinamerikanischen, der asiatischen und der indigenen Traditionen. Deshalb mutet Zumthors neuer Museumswurf weniger wie ein Gebäude, sondern mehr wie ein riesiges Feld an.

Das Berner Denkmalprojekt stellt einen Mittelweg dar: Es verweigert sich der klassischen Monumentalität eines Denkmals, gleitet aber nicht in die Unscheinbarkeit ab.

Er ist einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Mit seinen plastischen Bauten in Sichtbeton und den städtebaulichen Visionen schrieb Le Corbusier Architekturgeschichte und prägte Generationen.