Irrelevantester Fußballverein Deutschlands? Groundhopper zieht über hessischen Proficlub her

Stand: 17.10.2026, 06:00 Uhr

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Fabian Greilinger und der SV Wehen Wiesbaden kicken in der 3. Liga.

Fabian Greilinger und der SV Wehen Wiesbaden kicken in der 3. Liga. © IMAGO/Tobias Wentzell

Der SV Wehen Wiesbaden wird von einem sogenannten Groundhopper ins Visier genommen. Im Netz wird über den Drittligisten heiß diskutiert.

Wiesbaden – „Ist das der irrelevanteste Fußballverein Deutschlands?“, fragt der selbsternannte Groundhopper „Thiele“ auf Instagram. Groundhopper sind Menschen, die sich zum Hobby gemacht haben, möglichst viele Fußballstadien zu besuchen. „Stadiontests von Bundesliga bis Kreisliga“ – so bewirbt „Thiele“ sein Profil in der Beschreibung. In einem neuen Reel zieht er über einen Proficlub aus Hessen her. Die Aufmerksamkeit in den Kommentaren ist ihm sicher.

„Ich war in der BRITA-Arena in Wiesbaden und habe mich gefragt: Warum kommt hier kaum jemand hin?“, beginnt „Thiele“ sein Video, in dem er ein Drittligaspiel des SV Wehen Wiesbaden besucht. Selbst zu Zweitligazeiten sei das Stadion selten voll gewesen. Und dann noch das Dilemma mit dem Vereinsnamen, der bis 2007 SV Wehen Taunusstein lautete. Außerdem gelte Wiesbaden auch nicht als „Stadt für Fußballfans“.

Ist der SV Wehen Wiesbaden der „irrelevanteste Fußballverein Deutschlands?“

Der Groundhopper versucht sich an einer kurzen Zusammenfassung der jüngeren Vereinsgeschichte des SVW. Vor fast 20 Jahren stieg der Club in die 2. Bundesliga auf und brauchte dafür ein größeres und moderneres Stadion, um den Anforderungen der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gerecht zu werden. Also zog man kurzerhand von Taunusstein in das etwa zehn Kilometer südlich gelegene Wiesbaden um. Neuer Name und neues Logo inklusive.

Für den Urheber des Videos ist die hessische Landeshauptstadt eine „reine Beamten- und Berufspendlerstadt“ und überhaupt entstehe „Identifikation nicht durch einen Umzug“. Das Stadion versprühe nur wenig Charme und man dümpele ja sowieso nur in der 3. Liga herum. Die Konkurrenz – hier nennt er Eintracht Frankfurt, Mainz 05 und den 1. FC Kaiserslautern – sei schlichtweg zu groß. Pluspunkte: Gutes Bier, gutes Essen und Leute, die sich Mühe geben. Immerhin.

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„Vielleicht“, resümiert „Thiele“, sei der SV Wehen ein Dorfverein, der in der Großstadt etwas verloren ist. Die versöhnliche Kurve am Ende bewahrt den Schalke-Fan aber nicht vor harscher Kritik. „Respektlos“ sei es, einen Verein als irrelevant zu bezeichnen. „Stadion mit wenig Charme? Nach englischem Vorbild gebaut. Man sitzt direkt am Rasen, besser geht es nicht“, schreibt außerdem ein User. Aber es gibt auch viele Fußballfans, die ihm beipflichten und die Stimmung sowie den Bekanntheitsgrad des SVW nicht allzu hoch ansiedeln. Doch warum ist das so?

Die Fankultur im Rhein-Main-Gebiet hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten stark gewandelt. Im hessischen Teil bestimmten früher die SGE und Kickers Offenbach die Fanlager. Doch heute sind die beiden Vereine sportlich so weit auseinander wie nie. Trotz des sportlichen Niedergangs des OFC verzeichnete der Verein in der Regionalligasaison 2025/26 insgesamt 102.833 Zuschauer in 17 Heimspielen. Nirgends kamen in der Südwest-Staffel mehr Fans. Nach Wiesbaden kamen eine Spielklasse höher 84.338 Menschen zu 19 Partien – Platz 14 von 20 im ligaweiten Zuschauerranking.

Auch der SV Darmstadt 98 und der FSV Frankfurt erlebten in den vergangenen 20 Jahren Höhenflüge, an die zur Jahrtausendwende wohl niemand geglaubt hätte. In der Uni-Stadt Darmstadt festigten sich die Lilien mitsamt umgebauter Arena zu einem gestandenen Zweitligisten, der auch gerne mal erstklassig unterwegs ist. Beim FSV verlief der sportliche Aufstieg hingegen ähnlich wie beim SVW: wenig Zuschauer, wenig Interesse trotz 2. Bundesliga – und letztlich wohl auch zu wenig Erfolg. Denn so richtig in Fahrt scheint das Faninteresse nur zu kommen, wenn man mal in der 1. Bundesliga vorstellig wird.

Traditionsvereine in Rhein-Main: Fanlager im Wandel

Das zeigt auch der jüngere Werdegang des 1. FSV Mainz 05. Im Nachbarbundesland Rheinland-Pfalz war aus früheren Zeiten der FCK als mehrfacher Deutscher Meister der große Name. Ob der Fritz-Walter-Klub aber tatsächlich so viele Wiesbadener Anhänger hat und hatte, sei zunächst einmal dahingestellt. Während Kaiserslautern seit dem Abstieg 2012 nicht mehr erstklassig war, hat sich Mainz inzwischen im Oberhaus etabliert. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die 05er, bevor Jürgen Klopp dort 2001 Cheftrainer wurde, bei weitem weder das Standing hatten, das der Verein heute genießt, noch ansatzweise den Erfolg. Was im Umkehrschluss auch weniger Fans bedeutet.

Während Traditionsvereine von früher – wie Offenbach und Lautern – nach wie vor eine große Fanbasis haben, scheint es für Vereine mit jüngeren Erfolgen schwerer zu sein, neue Fans zu generieren. Gleichzeitig vertreibt jahrelanger Misserfolg die echten Fans der Traditionsvereine deutlich langsamer. Der SV Wehen Wiesbaden kann sich mit dem Interesse an der Eintracht, Mainz 05 oder Kaiserslautern nicht messen. Doch dass man seit Jahren sportlich besser dasteht als Kickers Offenbach, dürfte in der Landeshauptstadt schon ein großer Erfolg sein.