Stand: 09.10.2026, 20:00 Uhr
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Die Gemeinde Selters zahlt 25 Euro für jedes erlegte Tier. Kassel hält an Sterilisationsprojekt fest, das seit fast eineinhalb Jahren pausiert.
Kassel – Was die Gemeinde Selters macht, um die Zahl der invasiven Tiere zu verringern, lehnt Europas Waschbären-Hauptstadt ab: Kassel will keine Kopfgeld-Prämie für jeden erlegten Waschbären aussetzen. Das teilt die Stadt auf Anfrage mit.
Stadt rät zu baulichen Maßnahmen
Für den Schutz einzelner Grundstücke und Gebäude vor Waschbären haben sich nach Angaben der Stadt Kassel vor allem bauliche Maßnahmen bewährt. Dazu gehören Barrieren, die den Tieren den Zugang zu Gebäuden oder anderen Bereichen erschweren. Eine wichtige Rolle bei der Vermeidung und Verringerung des Auftretens von Waschbären spiele die Minimierung des verfügbaren Nahrungsangebots. Als besonders wirksam hat sich hierbei laut Stadt der Einsatz von abschließbaren Abfallbehältern erwiesen. Ebenso sollte darauf geachtet werden, keine Essensreste auf offenen Gartenkomposten zu entsorgen und kein Katzenfutter dauerhaft im Außenbereich bereitzustellen. Weitere Infos auf kassel.de (Stichwort: Waschbär).
Selters (Limburg-Weilburg) wird nach einem Beschluss der Gemeindevertretung künftig für jeden erlegten Waschbären eine Prämie von 25 Euro zahlen. Damit will die Gemeinde einen Anreiz für eine intensivere Bejagung schaffen. Sie versteht die Prämie als „Aufwandsentschädigung“, da die Fangjagd für Jäger einen erheblichen zeitlichen und organisatorischen Aufwand bedeute. Gezahlt werden soll sie unter der Voraussetzung, dass die Waschbären in einer zugelassenen Lebendfalle gefangen und die Kadaver fachgerecht entsorgt werden, was die Jagdpächter nachweisen sollen. Wir fragten neben der Stadt auch beim Regierungspräsidium Kassel und beim Hessischen Landesjagdverband an, was sie von der Prämie in Selters halten und ob sie diese als Möglichkeit sehen, mit der auch andere Städte und Gemeinden die Waschbären-Population verringern könnten.
Stadt
Wie das Hessische Landwirtschafts- und Jagdministerium in dieser Woche mitteilte, lag die Waschbären-Jagdstrecke im Jagdjahr 2024/25 bei 41.147 Tieren – und damit so hoch wie noch nie im Bundesland. Dazu zählt auch sogenanntes Fallwild, also tot gefundene oder bei Verkehrsunfällen getötete Tiere. Für die Stadt Kassel steht nach eigenen Angaben die Bejagung von Waschbären nicht im Vordergrund, sie setzt auf Prävention und Informationen zum Umgang mit ihnen (siehe Hintergrund). „Vor allem die Ausbreitung der Tiere in städtischen, befriedeten Bereichen lässt sich durch jagdliche Maßnahmen nicht nachhaltig lösen“, teilt die Stadt mit. Nur in konkreten Einzelfällen könne eine letale Entnahme (heißt: planmäßige Tötung) von Waschbären durch einen Jagdberechtigten in Betracht kommen und seitens der Stadt befürwortet werden. „Mittel für die Bejagung in der Form, wie sie in der Gemeinde Selters vorgesehen sind, waren im letzten Haushalt nicht angemeldet. Auch aktuell wird kein Anlass gesehen, eine entsprechende Förderung mit kommunalen Mitteln zu ermöglichen“, sagt ein Stadtsprecher. Im Fokus stehen für die Stadt Kassel präventive Maßnahmen, die einer Ausbreitung der Kleinbären entgegenwirken. Daher befürworte sie auch die Initiative des Bundesverbands der Wildtierhilfen, mittels Sterilisation von Waschbären eine nachhaltige und tierfreundliche Maßnahme zur Bestandsreduzierung der Waschbärenpopulation im Stadtgebiet zu erproben. Wie berichtet, muss das Pilotprojekt seit August 2025 pausieren.
Regierungspräsidium
Zur Waschbären-Prämie der Gemeinde Selters weist das Kasseler Regierungspräsidium als Obere Veterinär-, Jagd- und Naturschutzbehörde darauf hin, dass es entsprechende Jagdprämien in der Vergangenheit bereits andernorts gegeben habe – und nicht nur für Waschbären. „Eine Abschussprämie ist jagdrechtlich zulässig. Die allgemeinen Regularien zu befriedeten Bezirken, zu den notwendigen waffenrechtlichen Schießerlaubnissen und zum Elterntierschutz sind dabei zu beachten“, erklärt ein RP-Sprecher. Konkret geht die Aufsichtsbehörde jedoch nicht auf das Vorhaben in Selters ein.
Landesjagdverband
Der Landesjagdverband Hessen begrüßt die Idee einer Waschbär-Prämie aus Selters – „als Wertschätzung für die wichtige ehrenamtliche Arbeit der Jägerinnen und Jäger“, wie Sprecher Markus Stifter sagt. Die Waschbärbejagung sei schon aus Artenschutzgründen unverzichtbar. Die Jagd mit Lebendfangfallen sei aufwendig und kostenintensiv (unter anderem wegen Fallenmeldern, Beköderung und Kontrolle der Fallen). „Wer möchte, dass Jägerinnen und Jäger helfen, sollte diese auch unterstützen.“ Die Entscheidung über die Zahlung einer Prämie beziehungsweise Aufwandsentschädigung für die Erlegung von Waschbären bleibe aber bei den Kommunen, so Stifter.
Pilotprojekt
Die Entscheidung über das seit fast eineinhalb Jahren pausierte Pilotprojekt, mit dem der Wildtierhilfen-Bundesverband möglichst viele Waschbären in Kassel fangen, sterilisieren und wieder aussetzen wollte, steht noch immer aus. Die Stadt verweist auf Anfrage an das Regierungspräsidium. Das RP erklärt: „Hinsichtlich des Kasseler Waschbärenprojektes gibt es bislang keinen neuen Sachstand zu vermelden.“ Auch dem Landesjagdverband, der die Prüfung des Kasseler Pilotprojektes eingefordert hatte, liegen keine neueren Informationen vor. „Nach unserem Kenntnisstand gilt das Projekt weiterhin als vorübergehend gestoppt.“