Jahrestag 7. Oktober in Berlin: „Das jüdisch-arabische Gespräch ist verloren gegangen“

Der Schriftsteller Mati Shemoelof hat arabische, israelische, palästinensische und deutsche Positionen zusammengebracht. Heute, so sagt er, sei das schwerer als je zuvor.

Hummus mit Granatapfelkernen, aufgeschnittenen Zitronen und weiteres Essen liegt auf dem Tisch
Alles beim Hummus klären? So einfach ist es nicht

Foto: Tina Eichner

Uta Schleiermacher

Wenn ich darüber nachdenke, wo ich frei über Israel/Palästina sprechen kann, fällt mir als Erstes unsere Zeitschrift ein. Der Titel „Bridges גשרים Brücken لجسور“ ist genauso gemeint: Wir wollen Brücken bauen. Jede Ausgabe widmet sich Organisationen, die zusammenarbeiten, etwa der israelisch-palästinensischen Organisation Clean Shelter. Aber wir treffen uns hier, in Berlin: unser israelischer Herausgeber Josi Lampel, und Thaer Ayoub, ein palästinensisch-syrischer Dichter, und ich, als arabisch-jüdischer Israeli. Oder inzwischen bin ich eigentlich auch Berliner.

Wir haben eine Möglichkeit, uns in der Diaspora zu treffen, wir sind eine internationale in Berlin beheimatete Gemeinschaft. Und wir verstecken unsere Israelis und unsere Juden nicht. Wir sind solidarisch. Wir wollen unsere Netzwerke nutzen, um miteinander zu reden und unsere Kunst, Geschichte, Poesie, Musik und Kultur zu teilen. Es ist nicht nur israelisch-palästinensisch, es ist multilingual und für mich ist es eine Antwort auf die Katastrophe. Die Katastrophe vom 7. Oktober und danach.

Doch was Berlin betrifft, da bin ich – inzwischen – ambivalent. Berlin war in der Vergangenheit ein fruchtbarer Ort, an dem wir uns treffen und austauschen konnten, die palästinensische, die israelische, aber auch die arabische Diaspora. Aber in den letzten Jahren, seit dem 7. Oktober, erfahren wir andere Dinge. Wir erleben, dass Menschen schweigen oder schweigen müssen, dass sie zum Beispiel nicht über den Genozid sprechen dürfen.

Wir sehen, wie bei einer Filmvorführung von „No Other Land“, einem Film, der versucht, Solidarität zu zeigen damit, wie die Bevölkerung in der Westbank unter der Besatzung leidet, für eine Seite geklatscht werden darf und für die andere nicht. Wir möchten keine Spaltung. Wir wollen nicht, dass das Klatschen nur für Juden ist und wir über unsere Partner in Palästina schweigen müssen.

Bild: Ali Ghandtschi

Mati Shemoelof

ist ein in Berlin lebender arabisch-jüdischer Schriftsteller, Lyriker, Kurator und Creative-Writing-Lehrer, ursprünglich aus Haifa. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift Bridges גשרים Brücken لجسور

Vor Kurzem ist sein neues Buch „Fünfzehn Narben – Jüdisch-arabische Texte zu Politik und Poesie“ im AphorismA Verlag erschienen. 2027 soll beim Elif Verlag sein erster auf Deutsch verfasster Gedichtband erscheinen. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Dagesh – Jüdische Kunst in Deutschland. Seine Texte, Essays und Projekte sind auch auf seiner Website mati-s.com zu finden.

Auch Teil der arabischen Welt

Ich hatte immer zwei Identitäten. Meine Mutter hat irakisches Arabisch mit ihrer Mutter gesprochen, ich bin auch Teil der arabischen Welt. Meine Beobachtung ist: Einiges, was ich vor 13 Jahren, als ich nach Berlin gekommen bin, kennengelernt und als selbstverständlich angesehen habe, ändert sich. Meinungsfreiheit war ein Wert. Aber heute geht es oft um „entweder – oder“.

Die Menschen sind schnell darin, andere wegen ihrer Meinung zu boykottieren. Ich weiß gar nicht, wer mich inzwischen wegen meiner Meinungen alles boykottiert. Aber ich höre nicht auf mit meiner Arbeit. Ich schreibe. Ich schweige nicht. Ich fühle das Leid von den Familien in Südisrael, die ihre Angehörigen bei dem Massaker vom 7. Oktober verloren haben, und ich fühle das Leid von den Tausenden in Gaza in der Folge davon.

Das Gespräch ist sehr wichtig. Ich war ein bisschen naiv, als ich 2013 nach Berlin gekommen bin. Heute sehe ich die Bedrohung, die daher kommt, dass die Menschen manche Dinge nicht aussprechen dürfen. Als wir Poetic Hafla vor zehn Jahren angefangen haben, da war das einfach eine Idee, eine Lesung zu machen auf Deutsch, Arabisch und Hebräisch, es war spontan und es war eine Möglichkeit für einen Austausch.

Gedenken und israelsolidarische Veranstaltungen

Zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer des Hamas-Massakers mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Israels Botschafter Ron Prosor, Bebelplatz, 10 bis 20 Uhr

Gedenk- und Erinnerungsdemo mit israelischer Flagge vom 17. Juni über den Hermannplatz und Kurfürstendamm zum Brandenburger Tor, 9 bis 14 Uhr

Gedenkkundgebung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin und Brandenburg und des Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf. Zugeschaltet werden soll der Bürgermeister von Sderot, Sderotplatz, 16 bis 17.30 Uhr

Interreligiöser Gedenkgottesdienst von EKBO und Erzbistum Berlin mit Rabbiner Andreas Nachama, Bischof Christian Stäblein und Imam Kadir Sanci, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 18 Uhr

Antifaschistische Gedenkkundgebung für die Opfer des 7. Oktober unter dem Motto: „Der 7. Oktober 2023 und die Folgen. Jüdisches Leben nach einer Zäsur.“ Karl-Marx-Allee 33, 18 bis 20 Uhr

(lis)

Heute beobachte ich, dass viele Leute, die bei Poetic Hafla an einem Abend auftreten, gar nicht mehr miteinander reden. Es gibt so viele Spaltungen. Wir haben damals die Idee geteilt, einen arabisch-jüdischen Raum zu haben. Es gibt heute keine Möglichkeiten mehr, so zusammen zu lesen. Das habe ich auch letztens in einem Artikel für eine Ausstellung geschrieben: Das jüdisch-arabische Gespräch ist verloren gegangen.

Nahosten in Berlin

Auch unsere mizrachische Position als arabisch-jüdische Menschen ist in Bedrängnis. In den Festivals und Lesungen von „Anu: Juden und Araber schreiben in Berlin“, die wir gemacht haben, ging es auch darum, wieder eine Verbindung aufzubauen zum Nahen Osten. Wir haben die Frage aufgeworfen, wie die Kultur des Nahen Ostens Berlin beeinflusst. Und was wir alle von unseren Geschichten erinnern.

2021 haben wir das Nahost-Union-Festival gemacht, das war unsere Idee, eine „NU“ parallel zur EU auszurufen. Das war der Moment, in dem ich meine Idee als arabischer Jude in Berlin umsetzen konnte. Eine Utopie. Ein Moment, wo wir uns zusammen etwas vorstellen konnten. Und wo auch Raum für das Leid war. Auch in Israel gibt es dieses Leid, aber sie reden nicht darüber.

Doch der Moment von 2021 ist vorbei. Ich habe auch Freundschaften verloren. Einige sagen, sie seien nach dem 7. Oktober „ausgenüchtert“, sie sehen keine Möglichkeit für Frieden mehr. Sie vertrauen nicht mehr, und sie sehen ihre eigene Identität durch das Zeigen der palästinensischen Flagge bedroht. Es gibt Leute, die sind zu radikalen Rechten geworden.

2021 war der Konflikt da, aber die Spaltung nicht so tief. Es gab Vertrauen, es gab Loyalität. Heute gibt es Stimmen, die nur fragen: „Was hast du gegen den Genozid gemacht?“ Und es gibt jüdische Menschen hier, die gegen Israel sind. Ich weiß nicht, was sie sich vorstellen. Free Palestine heißt für mich ein Ende der Besatzung. Für andere heißt es ein Ende von Israel.

Zerbrochenes Vertrauen

Seit dem 7. Oktober 2023 sind auch die Deutschen sehr gespalten. Das ist auch ein Gewinn für die AfD, dass die Leute inzwischen überzeugt sind, dass sie nicht offen reden können. Dabei ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Wir könnten über die Besatzung im Westjordanland mit denselben Emotionen reden, mit denen wir über die Besetzung der Ukraine sprechen.

Auch das ist ein Verlust für Berlin. Das bedauere ich. Wir haben die Nation und den nationalen Rahmen verlassen, wir hätten hier eine ganz eigene Möglichkeit. Aber die Leute nutzen sie nicht. Das Vertrauen, die Freundschaft, die es dafür braucht, ist zerbrochen.

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