Stand: 19.07.2026, 13:09 Uhr
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„Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen 2026: Philipp Hochmair entwickelt seine Figur konsequent weiter. Roxane Duran debütiert als Buhlschaft. Lesen Sie hier unsere Kritik:
Es ist seltsam. Da wird nichts weniger als das „Sterben des reichen Mannes“ verhandelt. Es geht um Existenzielles, etwa die Frage, was wir hier tun, um dort, wo Bilanz gezogen wird, gut gelitten zu sein. Es geht – zugegeben: grob geschnitzt – um die Lebensbilanz des „Jedermann“. Doch durch die Zeitungen rauschte anderes kurz vor der Wiederaufnahme von Hugo von Hofmannsthals Stück bei den Salzburger Festspielen: Wie ist Roxane Duran als neue Buhlschaft? Und, wichtiger: Zieht Philipp Hochmair heuer blank? Die Generalprobe jazzte die Debatte hoch.
Es ist das dritte Jahr des 52-Jährigen in der Titelrolle der Inszenierung von Robert Carsen, der ja vor allem als Opern-Experte bekannt ist. Am Samstag (18. Juli 2026) war die 2026er-Premiere, die mit Standing Ovations bejubelt wurde. Was sonst? Die Produktion schnurrt wunderbar dahin, gewinnt gerade nach der Tischgesellschaft ein gutes Tempo. Ensemble-Szenen und Intimeres gehen organisch ineinander über.
Freilich: Den radikalen Zugriff, auch das Infragestellen von Geschlechterrollen, den Lars Eidinger und Verena Altenberger 2021 und 2022 glücklicherweise in Michael Sturmingers Belanglos-Regie gebracht haben, verweigert Carsen. Er arbeitet traditioneller. Zwar holt er den Stoff ins Heute, das jedoch hauptsächlich über die Ausstattung: gepflegter Golfrasen beim Neureichen, der im goldenen E-Benz vor den Dom rollt und rasch eine Insta-Story („Mein Haus!“) aufnimmt. Später wird er nicht nur die Geldkoffer, sondern auch die Kunstsammlung (Munchs „Schrei“, Leonardos „Salvator mundi“) mit auf den letzten Weg nehmen wollen. Die Kette mit dem Kreuz, das die gebräunte Brust des Schnösels schmückt, ist aus Gold und nur ein Accessoire. Hochmair zeigt die aasige Arroganz, Jedermanns präpotentes Bling-Bling. So bringt er den Typen auf Flug- und Fallhöhe.

Die Party, die jener für Verwandte und Adabeis schmeißt und bei der er erstmals die Rufe des Todes hört, wird bei Carsen zum opulenten Wimmelbild. Ein Fest, nicht zuletzt für die Augen. Unter drei Discokugeln vor den drei Portalen des Doms gehören die Tische zunächst Hip-Hoppern, die so akrobatisch wie symbolisch zwischen Himmel und Erde breakdancen. Im Mittelpunkt steht jedoch der Tango Argentino von Jedermann und seiner Buhlschaft. Roxane Duran darf im weißen Bademantel auftreten – und bereits da wird klar, wie gut dieses Paar passt. Gerade in den Gegensätzen. Wo er grell aufschneidet, ist sie strenge Eleganz. Trotz legerer Klamotten. Den Widerspruch zeigen beide auch beim Tanz: Nähe und Distanz, Macht und Hingabe – dieser Tango ist tatsächlich ein Gespräch aus Körpern und Bewegungen zur wunderbaren Musik des Ensembles 013.
Duran, die 1993 in Paris geboren wurde und sich 2025 im Münchner „Tatort: Zugzwang“ einem breiten TV-Publikum vorstellte, gestaltet bei ihrem Debüt in der größten kleinen Rolle der europäischen Theaterliteratur eine selbstbewusste Frau, die es mit Jedermann aufnehmen kann. Die Regie gönnt dem Paar eine intensive, vertraute Körperlichkeit. Das Kleid von Durans Vorgängerin Deleila Piasko hat Luis F. Carvalho geschickt adaptiert, um diesen Aspekt der Figur zu schärfen: Waren Säume und Innenfutter in den vergangenen Jahren schwarz, leuchten sie nun offensiv rot. Aus dieser Stärke heraus erklärt sich schließlich der stumme Abschied: Die Verlobte flieht eben nicht in Panik wie alle, sondern scheint bleiben zu wollen. Eine andere Frau reißt sie zurück und weg – Duran greift ins Leere.

In den (kurzen) Szenen gelingen weitere hübsche Charakterstudien: Daniela Ziegler als Jedermanns Mutter nutzt die Gartenbank für eine eindringliche Predigt an den Filius. Meike Droste ist erst vor wenigen Tagen für Sylvie Rohrer in der Doppelrolle als Armer Nachbar und Werke eingesprungen. Ihre Auftritte sind von großer Konzentration geprägt. Kristof Van Boven gibt als Mammon ordentlich Stoff. Selbiges gilt für Christoph Luser. Allerdings überdreht er als Guter Gesell etwas – und kündigt seinen Teufel somit zu deutlich an, als der er später nach Jedermanns Seele jagt. Der Tod ist bei Dominik Dos-Reis unaufgeregter Begleiter, mit dem immer zu rechnen ist. Als Jedermann das bewusst wird, wendet Philipp Hochmair die Haltung seiner Figur. Sprachlich und körperlich lässt er sie zusammenschnurren auf Menschenmaß – und liegt am Ende unbekleidet auf der leeren Bühne (bis auf den Gürtel, an dem der Sender des Mikroports befestigt ist). Alles andere wäre auch seltsam. „Fährst in die Gruben nackt und bloß. So wie du kamst aus Mutters Schoß“, heißt es schließlich im Text.