Ein Jahr nach dem Start der Videoüberwachung am Erfurter Anger verlagern sich Straftaten offenbar in angrenzende Bereiche. Stadt und Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprechen nach einem Bericht des MDR Thüringen von einem deutlichen Verdrängungseffekt. Belastbare Zahlen zur Kriminalitätsentwicklung gibt es bislang nicht. Weder das Thüringer Innenministerium noch die Erfurter Polizei konnten einen Rückgang der Straftaten oder deren Verlagerung beziffern. Eine Bilanz soll laut einem Ministeriumssprecher frühestens Ende Oktober vorliegen.
Die Frage nach der Wirkung von Kameras im öffentlichen Raum stellt sich nicht nur in Thüringen. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin werden Plätze und Verkehrsmittel videoüberwacht, teils seit Jahrzehnten. Ein allgemeiner kriminalitätssenkender Effekt ist nach Einschätzung der Polizeilichen Kriminalprävention bislang nicht nachgewiesen. Mögliche Wirkungen seien eher auf bestimmte Orte und Delikte begrenzt. Die Erfahrungen aus Dresden, Leipzig, Magdeburg und Berlin zeigen ein uneinheitliches Bild.
Erfurter Anger: Tagsüber sicherer, nachts gemieden
In Erfurt sind nach Angaben der Stadt unter anderem Hauseingänge betroffen. Sie müssen auf den Aufnahmen aus Datenschutzgründen geschwärzt werden, damit nicht alle Kunden der Geschäfte erfasst werden. Auch die Wiese am Lutherdenkmal gegenüber dem Einkaufszentrum Anger 1 ist betroffen, sagte Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) dem MDR. Das Ziel, den Anger sicherer zu machen, sei aus seiner Sicht zunächst erreicht.
In einer Haushaltsumfrage gaben zwei Drittel der Befragten an, sich auf dem Anger tagsüber inzwischen sicherer zu fühlen. Nach Einbruch der Dunkelheit kehrt sich das Bild um: Ebenfalls zwei Drittel meiden den Platz nachts. 73 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, die Videoüberwachung auszuweiten.
Polizeigewerkschaft verweist auf Personalaufwand
Die GdP bewertet die Kameras grundsätzlich positiv und bezeichnet sie als zusätzliches Instrument der Prävention. Kritisch sieht sie den hohen Personalaufwand, unter anderem für die Auswertung der Aufnahmen. Künftig könnten KI-gestützte Systeme im rechtlich zulässigen Rahmen kritische Situationen automatisch erkennen und die Arbeit erleichtern, so die Gewerkschaft.
Die zwölf Kameras am Anger waren am 17. Oktober 2025 in Betrieb genommen worden. Der Platz ist damit der erste polizeilich videoüberwachte Ort in Thüringen. Nach Angaben der Polizei haben die Aufnahmen bereits bei der Aufklärung von Straftaten geholfen.
Dresden: Rückgang am Wiener Platz, Anstieg am Postplatz
In Dresden sank nach Polizeiangaben am Wiener Platz die Straßenkriminalität im Vergleich zum Vorjahr um 37,5 Prozent, die Gewaltkriminalität um 22,5 Prozent. Die Bilanz bezieht sich allerdings auf ein Maßnahmenpaket aus Citywache, verstärkter Polizeipräsenz, Kontrollen und einem Projekt zum sogenannten systemischen Videoschutz. Der Anteil der Kameras lässt sich daraus nicht herauslösen. Am nahe gelegenen Postplatz wurden im ersten Halbjahr 2026 dagegen 247 Straftaten registriert, nach 132 im gleichen Zeitraum zwei Jahre zuvor. Laut MDR sieht die Polizei einen Zusammenhang mit den Maßnahmen am Wiener Platz.
In Leipzig setzt die Polizei Sachsen nach eigenen Angaben bereits seit 1996 Videoüberwachung an Kriminalitätsschwerpunkten ein. Eine öffentlich zugängliche Auswertung der Kriminalitätsentwicklung an den einzelnen Standorten vor und nach Einführung der Kameras weist die Polizei auf ihrer Internetseite nicht aus.
Magdeburg und Berlin: Nutzen vor allem bei Ermittlungen
Am Magdeburger Hasselbachplatz half die Auswertung von Videoaufnahmen nach Ausschreitungen im Juni 2017, sechs weitere Verdächtige zu identifizieren. Der Sender h²radio berichtete 2019, die Zahl der registrierten Straftaten sei dort trotz Kameras und verstärkter Polizeipräsenz über Jahre annähernd gleich geblieben. Für 2017 nannte er rund 1100 Delikte.
In Berlin ließen die Verkehrsbetriebe BVG ab 2006 in einem Pilotprojekt die U-Bahn-Linien U2, U6 und U8 videoüberwachen. Einer Auswertung zufolge sank die Kriminalität dadurch nicht, sondern stieg leicht an. Bei mehreren tausend Straftaten lag nur in 78 Fällen Bildmaterial vor. Die Auswertung war umstritten und wurde Berichten zufolge nach einem Zwischenbericht eingestellt.
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