Kolumne „Guide de survie pour la Fance“: Französisch mit Fehlern – was Sie mit Balzac, Flaubert und Hugo gemeinsam haben

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Kolumne „Guide de survie pour la Fance“ Französisch mit Fehlern – was Sie mit Balzac, Flaubert und Hugo gemeinsam haben

Kolumne | Paris/Saarbrücken · Regelmäßig blicken wir auf französische Eigenheiten und sinnieren darüber, wie man in Frankreich am elegantesten überlebt. Heute: Leben mit Grammatik-Fehlern – da patzten zum Glück auch schon große Franzosen wie Victor Hugo und Gustave Flaubert.

13.10.2026 , 08:00 Uhr

Politiker und Schriftsteller Victor Hugo hat Frankreich viel hinterlassen. Aber ohne Französischfehler ging es selbst für ihn nicht. Das heißt umgekehrt für alle, die Französisch lernen: kein Grund für Fehler-Trübsal.

Foto: dpa/dpaweb/Nadar

An gewissen Fehlern kommen Menschen, die Französisch lernen, selten vorbei. An ein paar Klassikern der französischen Literatur auch nicht. Interessant, was passiert, wenn sich beides trifft. Denn selbst große französische Literaten wie Victor Hugo und Gustave Flaubert haben Grammatik-Fehler gemacht, die auch Französischlernende machen. On apprend de ses erreurs, wie man auch in Frankreich sagt. Grammatik-Fehler in der Weltliteratur erzählen aber auch einiges über die großen Schriftsteller, die sie begangen haben. Einige schlugen den französischen Grammatiken auch absichtlich ein Schnippchen.

Auch Hugo und Flaubert machten Französisch-Fehler

Eigener Stil oder flüchtig lektoriert? Honoré de Balzac neigte zu Pleonasmen, also zum Hinzufügen von Überflüssigem. Beispielsweise heißt es in seinem 1834/35 erschienenen Roman „Vater Goriot“: „Ce dernier regarda tristement son ouvrage d’un air triste, des larmes sortirent de ses yeux (Mit traurigem Blick sah dieser traurig auf sein Werk, Tränen liefen ihm über die Wangen; eigene Übersetzung)“. Vielleicht platzierte Balzac zwischen den Zeilen eine Botschaft an seine Leserschaft. Quasi zum Mut fassen nach (erneutem) Scheitern: Traurigkeit kann eine Wiederholung sein, die sich eben auch wiederholen kann.

Noch tröstlichere Ausrutscher en détail haben Flaubert und Proust hinterlassen. Einige davon haben Anne Boquel und Étienne Kern in dem Buch „Les plus jolies fautes de français de nos grands écrivains“ gesammelt.

Victor Hugo pfeift auf Subjonctif und Imparfait

Demnach nahm es Victor Hugo mit dem Subjonctif nicht immer so genau. Ausgerechnet jene faszinierende Verbform, die im Deutschen kein Pendant hat und für Deutsche auch kein Pardon kennt. Hoffnungen, Wünsche, Unsicherheiten, Modalitäten werden dank des Subjonctifs elegant und eindeutig formuliert. Oder feste Wendungen und Präpositionen verlangen ihn eben einfach. Auswendig lernen! Voilà.

Damit einer seiner Reime klanglich aufgehen konnte, beugte der Schöpfer von „Notre-Dame de Paris“ seinen Subjonctif eben jenseits der Konjugationsregeln. der am liebsten im Stehen schrieb, ließ in seinem Gedicht „Dieu“ kühn verlauten: „Jusqu’à ce qu’il s’en aille en cendre et se dissoude / Mangonneaux, fauconneaux, bat-murs, pièces à coude.“ Richtig wäre: „Jusqu’à ce qu’il s’en aille en cendre et se dissolve“ (Bis es zu Asche zerfällt und sich auflöst; eigene Übersetzung). Die Form „que je dissolve“ ist in der Académie française spätestens seit der Wörterbuchausgabe von 1740 belegt. Aber „dissolve“ reimt nun mal nicht auf „coude“. Ebenso kühn hielt es Hugo 1862 mit dem Imparfait, der Verlaufsform der französischen Vergangenheit. Über die Figur Marius, dem Studenten, der später Cosette heiraten wird, heißt es, er sei ein düsterer junger Mann, der immer Schwarz trug und „se vêtissait de nuit“, immer „in die Nacht gehüllt“ war. Schon damals empfahlen die Sprachwächter „il/elle se vêtait“. Hugos Roman „Die Elenden“ wurde trotzdem ein Klassiker.

Gustave Flaubert mag Präpositionen, manchmal zu sehr

Auch Höflichkeiten in persönlichen Korrespondenzen können en français so ihre Tücken haben. Erst recht, wenn sie sich mit Präpositionen verbünden. Selbst Gustave Flaubert, der Schöpfer der legendären „Madame Bovary“ war nicht vor ihren Kaprizen gefeit. Während gewissenhafte Französischlernende „se souvenir de quelque chose“ und „se rappeler quelque chose“ notieren, schrieb Flaubert in einem Brief an seine Nichte: „Remercie de ma part Mme Robert qui a bien voulu se rappeler de moi (Richte Madame Robert meinen Dank aus, da sie so freundlich war, sich an mich zu erinnern; eigene Übersetzung).“

Flauberts Gruß ist aufmerksam und bescheiden. Was macht‘s da schon, dass eines der transitiven Verben eine Präposition benötigt, aber das von ihm gewählte just nicht – und die entsprechende Regel von der Académie française spätestens seit 1740 dokumentiert ist?

Die Fallstricke der französischen Sprache

Das Fazit der französischen Zeitung „Le Figaro“, die über Boquels und Kerns Buch berichtete, ist einfach, aber enthüllend: „Trotz ihres literarischen Talents waren diese Autoren nicht immun gegen die Fallstricke der französischen Sprache.“

Als Blankoscheck für ein hemmungsloses Ausleben sämtlicher Konjugations- und Zeitform-Aversionen taugt die Feststellung jetzt aber schwerlich. Doch funktioniert sie bei Lernpannen als Trost. Oder Ansporn. Um in der persönlichen Lernreise einen Gipfel zu avisieren, auf dem man einen andächtigen Triumph begehen möge über eine, geben wir’s zu, mit Ausnahmen und Besonderheiten piesackende Grammatik. Dieser Gipfel des Glücks könnte immer dann erstrahlen, wenn man über den Fallstrick gehüpft ist. In diesem Sinne: Bonnnne kontinuation. (sas)