Für jedes Opernticket zahlt der Staat 210 Euro: Was für ein Kulturklassenkampf!

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17.10.2026

Darsteller der Trude und des Divertissementchens

Darsteller der Trude (m) und des Divertissementchens. Es wird jährlich von der Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein (KMGV) auf die Bühne gestellt

Foto: picture alliance/dpa/Horst Galuschka

Gerade wurden die Kölner Oper und das benachbarte Schauspielhaus feierlich wiedereröffnet, nach weit über einem Jahrzehnt Umbauzeit. Die Renovierung kostete am Ende inklusive der Ausgaben für die Ausweichquartiere 1,4 Milliarden Euro.

Als einst der Ratsbeschluss gefällt wurde, war von 250 Millionen Euro die Rede gewesen. Ein finanzpolitischer Skandal: Das Geld fehlt der klammen Kommune nun an anderer Stelle. Die Konsequenzen trägt vor allem der subkulturelle Sektor: Die Unterstützung freier Theater und anderer Off-Broadway-Einrichtungen soll gekürzt werden. Die Stadt will auch bei den „LeseWelten“ streichen, einem Bildungsprojekt, das gerade benachteiligten Kindern Lust auf Bücher machen will.

Stefan Bachmann, seit 2024 Direktor des Wiener Burgtheaters, leitete zuvor elf Jahre lang die Interim-Spielstätte „Depot“ in Köln-Mülheim. Eine Industriebrache in dem verarmten und migrantisch geprägten Stadtteil brachten er und sein Team zum Blühen, nicht nur durch Urban Gardening auf ehemaligen Betonflächen.

Es gibt sie, die Theater von unten in Köln

Die Theaterleute suchten den Kontakt zum Viertel, erfolgreiche Aufführungen wie Die Lücke thematisierten den rechtsextremistischen Nagelbomben-Abschlag des NSU in der benachbarten, türkisch geprägten Keupstraße. Auch an örtlichen Festivals wie „Birlikte“ oder der „Mülheimer Nacht“ beteiligte man sich. Der im Stadtzentrum gefeierten Oper-Eröffnung dagegen blieb Bachmann trotz Einladung lieber fern.

Er sei „traurig, wütend und enttäuscht“ über die Lokalpolitiker, die das Depot-Areal nun an einen kommerziellen Musical-Betreiber verscherbelt haben – trotz anderslautender Zusagen. „Kampnagel, die inzwischen international renommierte Spielstätte der freien Szene in Hamburg, ist auch durch ein Interim entstanden“, resümiert Bachmann: „Die Stadt hat hier einen Ort geopfert.“

Das Kölner Beispiel demonstriert in besonders krasser Form, wie auch anderswo ein elitär orientiertes Kulturverständnis zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt. Das Humboldt-Forum in Berlin, die hanseatische Elbphilharmonie oder die Wagner-Festspiele in Bayreuth genießen bei der Förderung Vorrang, die kulturelle Aufbauarbeit hat oft das Nachsehen. Mit insgesamt rund zehn Milliarden Euro Steuergeld pro Jahr subventioniert der Staat öffentlich getragene Bühnen.

Ein Opernticket kostet 40 Euro – dank 210 Euro vom Staat

Die finanzielle Unterstützung nicht-kommerzieller Spielstätten, die sich keiner rein betriebswirtschaftlichen Logik unterwerfen müssen, ist zweifellos eine kulturpolitische Errungenschaft. Doch gerade in Deutschland basiert sie auf fragwürdigen Prioritäten. Nirgends auf der Welt gibt es etwa so viele Opernhäuser wie hierzulande, von Österreich mal abgesehen. Das ist das zwiespältige Erbe der einstigen deutschen Kleinstaaterei, als sich jeder Provinzfürst sein eigenes Theater leistete.

Kulturelle Vielfalt, Präsenz auch auf dem Lande, schön und gut. Doch ein Opernticket, das im Schnitt 40 Euro kostet, wird mit weiteren 210 Euro subventioniert. In Berlin sogar mit 250 Euro. Im Saal sitzt ganz überwiegend ein kulturell interessiertes Bürgertum, das sich nicht selten in elitärer Arroganz gegenüber „populären“ und weniger wertvollen Unterhaltungsangeboten gefällt.

Legitimiert wird der horrende Zuschuss gerne mit dem Argument, Wohlhabende zahlten ja mehr Steuern als etwa die Bezieherinnen von Grundsicherung. Drastisch formuliert handelt es sich um Kultur-Klassenkampf, um die unangemessene staatliche Förderung eines Luxusgutes.

In Köln-Mühlheim fühlt sich die Rückkehr der Kölner Oper wie ein Verlust an

Es geht auch anders. Das demonstrieren Tausende von Projekten quer durch die Republik, die mehr für den Zusammenhalt tun als jede Oper oder Philharmonie. Unter anderem die „Murals“ in Wuppertal, eine private Initiative, die rund 50 freistehende Gebäudefassaden im Stadtgebiet von internationalen Street-Art-Künstler:innen gestalten ließ, immerhin mitgefördert auch durch das Land NRW.

Nicht alle dieser Bilder würden es in ein Museum schaffen, aber das scheint gar nicht so wichtig. Viel bedeutsamer ist der soziale Bezug: Nachbarschaften in abgehängten Vierteln sind stolz auf die Kunst in ihrer „Hood“. Umgekehrt fühlt Köln-Mülheim einen Verlust, wenn die städtischen Bühnen nach über zehn Jahren in die Innenstadt zurückkehren – ohne nicht-kommerzielles Folgeprojekt vor Ort.