Kultur :
Umstrittene Skulptur „A Sky Full of Hope“ in Frankfurt: Die Konsti bleibt die Konsti
Über der Konstablerwache in Frankfurt am Main hängt seit vergangener Woche die Skulptur „A Sky Full of Hope“. Kunst oder Kommerz? 2,3 Millionen Euro flossen in das Projekt. Außer der Stadt hält das niemand für eine blendende Idee
Von
20.08.2026
Zur Eröffnung vergangene Woche zeigte sich die „Konsti“ außerordentlich aufgeräumt
Fotos: Holger Menzel
Es sollte ein Himmel voller Hoffnung werden – buchstäblich, visualisiert durch eine mehr als 200 Quadratmeter große Netzskulptur aus 103 Kilometern hochfesten Polymerfasern, die rund sieben Meter über der Frankfurter Konstablerwache hängt und bei Dunkelheit illuminiert wird. Doch nicht erst seit der gut besuchten Eröffnung der Installation A Sky Full of Hope – Earthtime 1.78 Frankfurt der Künstlerin Janet Echelman hängt über dem Frankfurter Dunst der Himmel voller Unmut. Was war geschehen?
Um das zu verstehen, muss man für Nicht-Frankfurter etwas ausholen. Frankfurt und das umliegende Rhein-Main-Gebiet sind 2026 Austragungsort der World Design Capital (WDC), ein Titel, den alle zwei Jahre die World Design Organization verleiht. Man wolle, so die Veranstalter auf ihrer Homepage, in der Region wegweisende Projekte und zahlreiche Veranstaltungen realisieren, die zeigen, was Design für Gesellschaft, Demokratie, das Zusammenleben und den Alltag leisten kann.
2,3 Millionen für ein bisschen Aufwertung
Die WDC hat neben vielen tollen Formaten, die entstanden sind, einen Beigeschmack. Es ist schon seltsam, dass viele ohnehin vorhandene Initiativen mit dem WDC-Label gebrandet werden, ohne finanziellen Zuschuss zu erhalten. Plötzlich ist gefühlt alles WDC – 2.000 Veranstaltungen in einem Jahr … –, und damit ein bisschen auch nichts. Auch wird sich zeigen müssen, wie nachhaltig diese teils mit einem Geldregen verbundene Großeventisierung sein wird: Bereicherung für die Region und ihre Menschen oder temporärer PR-Stunt?
Ein Stück weit paradigmatisch dafür wirkt nun Echelmans Skulptur über der Konstablerwache, ebenfalls Teil der WDC. 2,3 Millionen Euro soll das Projekt gekostet haben, finanziert laut Kulturdezernentin Ina Hartwig aus übrig gebliebenen Mitteln des Stadtmarketings – nicht aus dem Kulturhaushalt, wie sie betont. Das nicht abgerufene Geld wurde in Zeiten der Corona-Pandemie für die Belebung der Innenstadt mit Licht und Kunst bereitgestellt.
Bevor das Geld verfallen wäre, hat man sich also für den Versuch einer Aufwertung der „Konsti“ entschieden: einem innenstädtischen Platz, der für soziale Spannungen und Drogengeschäfte bekannt ist und der vor allem dann belebt ist, wenn an zwei Tagen der Woche der beliebte Erzeugermarkt stattfindet. Die Idee des Kulturamtes erscheint löblich, aber Haken Nummer eins: Die Kosten decken nur die Miete für zwei Jahre des Zeitraums bis Oktober 2029, zudem muss das Netz im Winter ab- und anschließend wieder aufgebaut werden.
Ein Netz mit Geschmäckle
Dass ein solches Projekt reflexhaft die ewigen Kritiker von Kunst und vor allem von Kunstobjekten im öffentlichen Raum auf den Plan ruft: geschenkt. Deren Fragen nach Sinnhaftigkeit von Kunst, Kosten und et cetera perge, perge haben einen Bart länger als die Fäden der Netzskulptur und führen meist am Kern vorbei. Aber auch die Kunstkritik, die Werke mit inhaltlichen Analysen gerne verteidigt, scheint A Sky Full of Hope stutzig zu machen.
Janet wer? Wirklich bekannt ist die Amerikanerin im Kunstbetrieb nicht. Natürlich muss das kein Kriterium sein, immer her mit neuen Stimmen! Aber dass eine Künstlerin ausgewählt wurde, die etwa für ihr großes Netz bekannt ist, das im Rahmen der Automesse IAA im Auftrag für Mercedes-Benz über dem Odeonsplatz in München gespannt wurde, hat Geschmäckle.
Und dann gibt es Stimmen, die fragen, wie diese schwebende, temporäre Skulptur den quadratischen, komplett versiegelten und oft schmutzigen Platz aufwerten soll. Klar wurde für die Eröffnung alles aufgeräumt und hergerichtet, aber wären nicht entsiegelnde Maßnahmen und eine Begrünung des Platzes aus städtebaulicher und sozialer Perspektive nachhaltiger? Fragen über Fragen, denen bei oft zweckgebundenen öffentlichen Geldern leider oft auch ein gewisser Utopismus innewohnt.
Einig sind sich die Kritikerinnen und Kritiker jedenfalls, dass die Vergabe des Projekts zumindest dubios war. Denn trotz des finanziellen Volumens wurde die Künstlerin ohne öffentlichen Wettbewerb einfach beauftragt. Und das nicht, wie die Stadt argumentiert, für ein einzigartiges Kunstwerk. Wer Echelmans Homepage besucht, wird sehen, dass A Sky Full of Hope Teil der Serie Earthtime ist, weitere ähnliche Netze hängen in London, Madrid oder Denver.
Auch der konzeptionelle Ansatz hinterlässt Fragezeichen. Der Titelzusatz Earthtime 1.78 verweist auf das Tōhoku-Erdbeben 2011, das den Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima auslöste. Laut Angaben der Stadt veränderte sich infolge des Bebens die Erdrotation, wodurch sich ein Tag um 1,78 Mikrosekunden verkürzte.
Echelman hat die Form von A Sky Full of Hope auf Grundlage der damals gemessenen Wellenbewegungen entwickelt, auf ihrer Homepage ist außerdem zu lesen, dass in Frankfurt Menschen aus 178 Nationen leben. Lustige Zahlenanalogie, irgendwie, aber es drängt sich die Vermutung auf, dass hier ein Kunstwerk künstlich mit Bedeutung aufgeladen werden soll.
Und wie reagiert die Frankfurter Stadtbevölkerung? Die scheint den rötlich-blau leuchtenden Baldachin zwei Tage nach Eröffnung bereits als gegeben hingenommen zu haben. Eine Handvoll Menschen fotografiert das Netz, einer meckert über die vier klobigen Stadionlicht-Pfeiler, die auf dem Platz installiert wurden. Die haben eine Doppelfunktion als Halterung für die Skulptur und die Strahler, die, apropos Aufenthaltsqualität, nicht gerade dezent blenden. Aber ansonsten ist alles beim Alten auf der „Konsti“ an diesem Tag. Letzte Reste des Erzeugermarktes, ein paar suchende Seelen hier, ein paar Touristen dort. Die Hoffnung stirbt zuletzt.