Lara Gut-Behrami – wie sie wurde, was sie war
Mit Lara Gut-Behrami hat eine der erfolgreichsten Athletinnen in der Geschichte des Schweizer Skirennsports ihre Karriere beendet. In persönlichen Begegnungen über 19 Jahre entstand ein Bild der Ichwerdung unter erschwerten Bedingungen.
09.08.2026, 05.30 Uhr
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«Ich fühle mich als Mensch, als ganz normaler Mensch»: Lara Gut-Behrami.
Joan Minder / 13Photo
«Dieci secondi», tönt eine helle Stimme aus dem Funkgerät, es folgt ein perlendes Lachen. Am Gegenhang trainiert das B-Kader der Schweizer Männer in Formationsstärke, hier aber steht die 17-jährige Lara Gut allein am Start. Sie stösst sich ab, zieht in der Hocke durch die Tore, ihr Vater Pauli filmt. Es ist Herbst 2008, wir sind in Südtirol, ein aussergewöhnliches Projekt nimmt Fahrt auf.
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Die Athletin hat zu diesem Zeitpunkt zwei Top-10-Plätze im Weltcup vorzuweisen, aber auch den Gesamtsieg im Europacup. In der vorangegangenen Saison war sie ins Team von Swiss Ski integriert, aber der Vater war stets an ihrer Seite. Dann gründete er ein Privatteam. «Wenn ich Lara so fördern will, wie ich mir das immer vorgestellt habe, muss ich meinen eigenen Weg gehen», sagt er mir.
Als zweiten Trainer hat er den Jugendfreund Mauro Pini engagiert. Dieser betont, wie wichtig individuelle Förderung sei. «Früher hat die Begabung gereicht. Heute kommt man mit Talent allein nicht mehr an die Spitze.» Es brauche zum Beispiel auch viele Fahrten ohne Zeitmessung. «Ein Pianist muss auch immer wieder Tonleitern üben. Auch Sportler sind Künstler. Bälle zu schlagen wie Roger Federer oder Radien zu fahren wie Bode Miller – das ist grosse Kunst.»
Das versprochene Interview mit der Athletin soll ich während der Talfahrt in der halbvollen Seilbahn führen. Lara Gut fühlt sich sichtlich unwohl, weil alle Touristen sich ihr zuwenden, sie ist müde und einsilbig. Während ihrer gesamten Karriere wird sie ein zwiespältiges Verhältnis zu den Medien haben.
Die ersten Jahre sieht sie im Rückblick wie ein schwarzes Loch
Die Pflichtübungen vor den Mikrofonen wären ihr möglicherweise leichter gefallen, wenn man sie früher geschützt statt ausgestellt hätte. Einige Monate nach dem Training in Südtirol reiste Lara Gut als Medaillenkandidatin an die WM in Val-d’Isère. Swiss Ski organisierte keine Pressekonferenz, sondern bat die Journalisten, ihre Interviews nach einem freien Training unten am Rennhang zu führen. Das artete prompt in eine Art Halali auf die 17-jährige Gut aus.
In Val-d’Isère gewann Gut zwei Medaillen, doch die Art, wie sie dabei vereinnahmt wurde, bildete eine Art traumatisches Urerlebnis. 2016 sagte sie mir in einem Interview für die «NZZ am Sonntag»: «Vieles war sehr verletzend. Ich wollte aufhören, weil ich keinen Spass mehr hatte. Wenn ich zurückschaue, ist die Zeit, bis ich etwa 22 war, ein schwarzes Loch.»
In jenem Gespräch zeigte sich exemplarisch, dass die Tessinerin eine herausragende Interviewpartnerin sein kann. In einem Hotel hoch über dem Luganersee nahm sie sich alle Zeit der Welt, sie war reflektiert und differenziert. Lara Gut-Behrami konnte wie wenig andere die Mechanismen des Skizirkus und überhaupt des Spitzensports erklären. Und sie machte nie ein Hehl daraus, wie ermüdend, ja aushöhlend die Jagd nach Perfektion sein kann.
Aber wenn diese erreicht ist, sieht alles so leicht aus. Lara Gut-Behrami verfügte über das, was ihr damaliger Cheftrainer Hugues Ansermoz 2008 in einem Gespräch Ski-Intelligenz nannte: das Gespür dafür, die Ski im idealen Sekundenbruchteil aufzukanten und dann eine radikale Linie zu ziehen. Um den Instinkt in den perfekten Schwung umzusetzen, braucht es jedoch diese ungezählten Repetitionen am Trainingshang, von denen Mauro Pini sprach.
Diese Arbeit hatte für die Athletin auch etwas Faszinierendes. «Mir gefällt das Tüfteln, das tägliche Bestreben, noch besser zu werden», sagte sie in dem Gespräch 2016, «selbst wenn ich am Strand liege, fahre ich im Kopf Ski.» Und: «Das ist nicht bloss Arbeit. Es ist Leidenschaft.»
Doch der Rennsport ist auch knüppelhartes Tagesgeschäft: endlose Autofahrten durch die Alpen, vorgegebene Tagesabläufe, Pflichttermine – strenge Reglementierungen bis hin zur Unterwäsche. Im Film «Looking for Sunshine» ist zu sehen, wie Lara Gut nach einem schweren Crash 2017 in Cortina d’Ampezzo physiotherapeutisch behandelt wird. Ihr rechter Oberschenkel ist ein einziger Bluterguss. Kurz darauf gewinnt sie in St. Moritz WM-Bronze im Super-G. Nach der Siegerehrung sieht man sie humpelnd in der Dunkelheit am Strassenrand. Sie muss warten, bis sie jemand ins Hotel fährt.
Glück sieht anders aus. Drei Tage später reisst sich die Athletin ohne zu stürzen das Kreuzband. Später wird sie sagen, ihr Körper habe die Notbremse gezogen. Im Herbst 2017 sagte sie mir in einem Interview: «Erst dachte ich: ‹Nein, nicht das Knie›! Doch dann wurde es sofort sehr ruhig in mir drin. Das ganze letzte Jahr hatte ich gesagt, ich brauche Zeit. Nun spürte ich: Ich habe Zeit.»
Lara Gut-Behrami ist eine der erfolgreichsten Athletinnen in der Geschichte des Schweizer Skirennsports: 48 Siege im Gesamtweltcup, zwei grosse und sieben kleine Kristallkugeln, Goldmedaillen an WM und Olympischen Spielen. Viele dieser Erfolge habe ich miterlebt. Aber das waren flüchtige Momente. Viel nachhaltiger ist, dass ich über 19 Jahre miterleben durfte, wie der Sport einen Menschen prägt und wie sich dieser Mensch immer wieder wehren muss, um nicht in Schablonen gepresst und erdrückt zu werden.
Es war, als würde sie am Buch ihres Lebens schreiben und es hin und wieder für mich öffnen. Das waren privilegierte Momente, und sie mussten auch erdauert werden.
Auf zu viel Druck konnte Lara Gut-Behrami heftig reagieren, gegenüber dem Skiverband und auch gegenüber Journalisten. An den Ski-WM 2013 hustete sie ins Mikrofon eines Kollegen. Als dieser fragte, ob sie erkältet sei, antwortete sie: «Nein, das ist meine Journalisten-Allergie.» 2014 wurde sie quasi zu einem Gespräch mit mir verdonnert. Das wurden die wohl mühsamsten 20 Minuten meiner Arbeit im Skizirkus. Ihre Körperhaltung, ihr Ton, ihre Sprache: Alles signalisierte, dass Lara Gut null Lust hatte, mit mir zu reden.
Beschränkung auf das Wesentliche: Ski fahren
Aber ist es nicht anmassend, von Sportlerinnen zu erwarten, dass sie sich ständig unseren Erwartungen beugen und lächelnd ihr Herz ausschütten, wenn in ihnen alles nach Ruhe schreit? Je länger die Karriere von Lara Gut-Behrami dauerte, desto mehr beschränkte sie sich aufs Wesentliche: das Skifahren. Sie verabschiedete sich fast vollständig aus den sozialen Netzwerken, sie reduzierte die öffentlichen Auftritte auf das protokollarische Minimum. Und sie gab kaum noch grosse Interviews.
Im Dezember 2020 redete Lara Gut-Behrami mit mir unter anderem darüber, wie schwierig es sei, im Sport als reife Frau akzeptiert zu werden. «Es fängt schon bei der Sprache an. Wenn die Trainer über uns reden, sind wir die Girls, die Meitli. Ich werde bald 30 – abseits des Skisports würde eine Frau wohl ausrasten, wenn man sie als Meitli bezeichnen würde.»
Sie thematisierte etwas, das ich mir selbst klarmachen musste. In meinem Kopf hatte ich immer noch das Bild des 17-jährigen Teenagers, dessen Lachen damals durch die Südtiroler Bergwelt perlte. Doch mir gegenüber sass eine reife Frau. Ein letztes Mal sassen wir im Herbst 2021 länger zusammen. Gut-Behrami redete so differenziert und ausführlich, dass ich zwei Interviews hätte publizieren können. Sie autorisierte nur den ersten Teil, der Rest blieb unveröffentlicht in meinem Privatarchiv.
Darin antwortet sie auf die Frage, wie sie der Sportwelt in Erinnerung bleiben möchte: «Ich habe das nie gemacht, um eine Ikone zu sein. Ich fühle mich als Mensch, als ganz normaler Mensch.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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