Leiterin des Jugendgefängnisses: "Gewalt ist bei uns das bestimmende Thema"

Jugendkriminalität

Leiterin des Jugendgefängnisses: "Gewalt ist bei uns das bestimmende Thema"

Seada Killinger leitet das "neue" Jugendgefängnis. Das war in kürzester Zeit überfüllt. Personal fehlt ebenso. Killinger lässt sich davon nicht irritieren: "Es ist schon besser, als es einmal war"

Interview

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Jan Michael Marchart

Eine Frau in schwarzer Kleidung sitzt an einem Tisch in einem Büro und zeigt auf Dokumente vor ihr. Im Hintergrund sind Pflanzen, ein Spiegel und eine Wanddekoration zu sehen.
Die Chefin des Jugendgefängnisses, Seada Killinger, ist stolz darauf, dass sie und ihre Justizwachen in zivil auftreten. Um den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, wie sie sagt.

Als Seada Killinger den Schulraum im Jugendgefängnis in Wien-Simmering betritt, stehen alle Insassen sofort artig auf. Das kommt nicht von ungefähr: Wer sich von seiner besten Seite zeigt, wird – genehmigt von der Anstaltsleiterin – mit "Privilegien" belohnt. Derjenige bekommt einen Toaster, darf mit der Xbox One spielen oder das Haftraumtelefon benutzen – sogar über Nacht. In den Medien hatte Killingers Justizanstalt bisher keinen guten Stand. Zu unrecht, findet sie.

STANDARD: Mit welchem Gefühl fahren Sie im Moment zur Arbeit?

Killinger: Ich fahre gerne hierher, weil ich die Arbeit mit den Jugendlichen mag.

STANDARD: Ich frage deshalb, weil die Justizanstalt Münnichplatz in Simmering, alias das "neue" Jugendgefängnis, über längere Zeit nicht aus den Negativ-Schlagzeilen kam. Stichwort: zu viele Häftlinge, zu wenig Personal, Raufereien unter Insassen. Wie fühlt sich das als Leiterin an?

Killinger: Mein Job ist es, eine Anstalt aufzubauen und einen guten Jugendvollzug zu machen. Ich glaube im Rückblick, das ist gelungen.

STANDARD: Der Start war jedenfalls schwierig. Der Vollbetrieb wurde seit 2024 immer wieder verschoben. Trotzdem wurde das Gefängnis ein Jahr später in Betrieb genommen, obwohl es noch eine Baustelle war. Es fehlte an Justizpersonal, die Jugendlichen wurden am frühen Nachmittag weggesperrt. Der Sportplatz im Innenhof war noch nicht fertig. War der frühe Start ein Fehler?

Killinger: Ich bin seit April 2025 hier. Das Gefängnis haben wir mit einem nach und nach wachsenden Team aufgebaut. Wir haben mit den 15 bis 20 Burschen, die damals da waren, auch Dinge ausprobiert. Wir haben sie gefragt, was sie sich wünschen und das ins Konzept aufgenommen. Zum Sportplatz: Wir haben damals den Platz der Justizanstalt Simmering nebenan mitbenützt. Das machen wir derzeit nicht mehr, da wir einen eigenen haben.

Eine Gruppe von jungen Menschen befindet sich in einem eingezäunten Außenbereich, umgeben von Bäumen. Einige stehen oder lehnen am Zaun, während eine Person im Hintergrund auf dem Boden des Bereichs geht. Die Szene scheint Teil eines Programms oder einer Aktivität im Jugendstrafvollzug zu sein.
Am Dienstag, als das Interview geführt wurde, hatten nach und nach Gruppen Jugendlicher ihren zweistündigen Ausgang im Innenhof. Es wurde unter anderem Fußball gespielt.

STANDARD: Also es war kein Fehler, so früh aufzusperren?

Killinger: So eine Organisation aufzubauen, ist immer eine spannende Geschichte.

STANDARD: Für die negative Publicity des Gefängnisses sorgt die Volksanwaltschaft. Speziell ÖVP-Volksanwältin Gaby Schwarz fällt mit scharfer Kritik gegen Ihre Anstalt auf. Wie groß ist Ihr Ärger über Frau Schwarz?

Killinger: Meine Tür ist für die Volksanwaltschaft immer offen. Ihre Mitarbeiter waren auch einige Male da. Wir haben ihnen die Anstalt gezeigt, ihre Fragen beantwortet. Das war sehr positiv.

STANDARD: Wie oft haben Sie Kontakt mit Gaby Schwarz?

Killinger: Sie war bei meiner Amtseinführung. Sonst haben wir keinen Kontakt.

STANDARD: Also herrscht keine miese Stimmung?

Killinger: Nein. Ich glaube auch nicht, dass sie den Jugendstrafvollzug an sich kritisiert. Sie will, dass etwas weitergeht. Das passt für mich.

Ein Wachmann in sportlicher Kleidung mit Ausrüstungsgürtel geht durch einen Flur einer Haftanstalt. Im Vordergrund ist eine geöffnete Zellentür zu sehen, der Flur ist hell erleuchtet.
Beim Besuch des STANDARD ging es im Jugendgefängnis am Münnichplatz in Simmering ruhig zu. Dennoch macht ein Justizwachebeamter kein Hehl daraus, dass Personal fehlt. Er habe um fünf Uhr begonnen, um seinen Job zu erledigen, sagt er. Dienstbeginn sei eigentlich um 7 Uhr. Sonst gehe es sich schlicht nicht aus.

STANDARD: Seit Januar befindet sich das Jugendgefängnis im Vollbetrieb. Im März durften wir Journalistinnen und Journalisten es von innen sehen. Die Kommunikation lautete damals: Wir haben’s im Griff! Danach schlug die Gewerkschaft der Justizwache Alarm: Das Gefängnis sei überbelegt und es mangle an Personal. Wie kann das sein?

Killinger: Wir versuchen hier, das Beste mit der vorhandenen Mannschaft zu machen. Es sind nicht alle Planstellen besetzt. Der Kompromiss ist, dass auszubildende Beamte hier für zwei Wochen Dienst versehen.

STANDARD: Dazu kommt ein Personalzuschuss aus den umliegenden Gefängnissen.

Killinger: Das ist eine Handvoll erfahrener Kollegen, die freiwillig hier sind. Viele werden hier bleiben.

STANDARD: Einer Ihrer Kollegen hat beim Rundgang durchs Gefängnis vorhin erzählt, er sei trotz Dienstbeginn um 7 Uhr zwei Stunden früher da, weil sich die viele Arbeit sonst nicht ausgeht. Es gibt also noch immer zu wenig Personal.

Blick durch ein vergittertes Fenster auf einen bewachsenen Außenbereich mit Zaun und Stacheldraht.
Ein Blick aus einem Haftraum Richtung Außenseite. Vom Zaun aus schreien Freunde der Insassen immer wieder rüber, sagt ein Justizwachebeamter. Diese Seite des Gefängnisses ist mittlerweile zu einem beliebten Tiktok-Sujet geworden.

Killinger: Klar, es gibt einen Mangel. Aber es ist schon besser, als es einmal war.

STANDARD: Ich bin zum Glück nicht jeden Tag hier. Heute scheint es im Gefängnis zu funktionieren. Auf den Gängen ist es ruhig, Häftlinge spielen im Hof Fußball, in den Betrieben wird gearbeitet, andere Insassen schreiben einen Mathetest oder sind in der Sommerschule. Dennoch herrscht Personalmangel. Wie wirkt sich das auf die Schließzeiten der Zellen und die Werkstätten aus?

Killinger: Wir haben die Anstalt so aufgesetzt, dass es auch, so gut es geht, Programm gibt, wenn – so wie heute urlaubsbedingt – wenig Personal da ist. Deshalb kaufen wir etwa Lehrer für Mathematik, Deutsch, Englisch zu, damit Insassen ihren Pflichtschulabschluss nachholen können. Wir bieten auch Finanzbildung, Philosophie, Sexualpädagogik oder einen Erste-Hilfe-Kurs an, im Zuge der Sommerschule zudem Improvisationstheater oder Politik und Recht. Es darf nicht am Jugendlichen hängen bleiben, dass wir einen Mangel haben.

STANDARD: Wie viele fixe Psychologinnen und Sozialarbeiter arbeiten am Münnichplatz?

Killinger: Derzeit haben wir zwei Psychologinnen. Mit September bekommen wir eine Leitung dazu. Es gibt zwei Jugendpsychologen, die Montag bis Freitag da sind. Ab Oktober stocken wir hoffentlich von zwei auf drei Sozialarbeiterinnen auf. Erwähnt seien noch zwei Ergotherapeuten, drei Sozialpädagogen, Pflegepersonal, vier Pflichtschullehrer und jemanden für Berufsorientierung und Berufsausbildung.

Ein Jugendlicher macht Klimmzüge an einem Fitnessgerät in einem hellen Raum mit hohen Fenstern. Ein weiterer Jugendlicher im Vordergrund beobachtet ihn.
Ihre Freizeit verbringen die Jugendliche mitunter im Fitnessraum. Am Spiegel gegenüber wird vermerkt, wer etwa die meisten Klimmzüge schafft. Auch beim "Herrn Beamten" wird mitgezählt.

STANDARD: Zurück zum Medientermin im März. Damals füllte sich das Gefängnis, für 72 Personen ausgelegt, langsam, war dann aber schnell übervoll. Die Generaldirektion des Justizministeriums die Auslastung mittlerweile auf 92 ausgedehnt. Wussten Sie im März schon, dass sich das nicht ausgehen wird?

Killinger: Von Juni weg bewegen wir uns zwischen 68 und 82 Insassen. Stand heute sind wir zu 89 Prozent ausgelastet. Es geht sich gut aus.

STANDARD: Ja, nach dem heutigen Schlüssel. Nach dem ursprünglichen wären es 94 oder – wenn höher – sogar mehr als 100 Prozent.

Killinger: Das ist richtig. Aber der Spielraum für 92 Betten ist da. Logisch ist: Wenn die Jugendkriminalität draußen steigt, steigt unser Stand. Momentan sind ein bis zwei Personen in den Hafträumen untergebracht. Das passt so.

STANDARD: Sollte der Haftdruck steigen, gibt es noch Platzreserven?

Killinger: Ich wäre keine gute Anstaltsleiterin, wenn ich keinen Plan B hätte. Wir haben auch dann genug Platz.

STANDARD: Stimmt es, dass der Überbelag mit Stockbetten kompensiert wird?

Killinger: Ein Stockbett ist ja nichts Verkehrtes, wenn ich genug Raum habe. Viele Jugendliche wollen auch nicht alleine liegen, weil sie sich unterhalten oder Karten spielen können.

Vier Personen sitzen in einem einfachen, hellen Raum an einem Tisch und arbeiten zusammen an schriftlichen Unterlagen. Im Hintergrund sind ein Fenster, Regale mit Materialien und ein Feuerlöscher zu sehen. Die Szene wirkt wie ein Unterricht oder eine Lernsituation.
Während die einen ihre Körper mit Klimmzügen und Hanteln stählen, pauken die anderen Mathe ...

STANDARD: Wie hoch ist die durchschnittliche Haftdauer eines Jugendlichen am Münnichplatz?

Killinger: Aktuell, abzüglich extrem langer Haftstrafen als Ausreißer, sind es etwa 9,5 Monate.

STANDARD: Braucht es aus Ihrer Sicht Alternativen zur Haft? Etwa durch einen Strafaufschub unter Auflagen bei kurzen Strafen?

Killinger: Jede Maßnahme draußen, die haftpräventiv ist, macht für mich Sinn. Aber ich leite eine Haftanstalt. Darüber zu entscheiden, ist nicht meine Aufgabe.

Eine Unterrichtssituation in einem Klassenraum. Jugendliche sitzen an Tischen, während zwei Frauen vorne stehen und unterrichten. Im Hintergrund sind eine Tafel, ein Wandkalender und Regale mit Ordnern zu sehen.
... oder schreiben im Schulraum gegenüber gerade einen Mathetest.

STANDARD: Wer sind die Häftlinge am Münnichplatz? Welche Straftaten begehen sie?

Killinger: Gewalt ist bei uns das bestimmende Thema. Viele begehen einen Raub, Körperverletzung, Nötigung, gefährliche Drohung. Oft sind sie einschlägig vorbestraft. Bei vielen liegt die Obsorge bei der Stadt Wien. Wir haben schon viele Migranten und Straßenkinder bei uns, allerdings mit unterschiedlichsten Biografien. Es ist nicht so, dass die meisten von ihnen eine Fluchtgeschichte haben. Zweifelsohne ist es ganz wichtig, dass Jugendliche eine Chance bekommen – vor der Haft.

STANDARD: Wo muss man bei den Jugendlichen im Gefängnis ansetzen? Das beginnt ja nicht beim Mathematiktest, sondern früher.

Killinger: Schon bei der Hygiene. Wie kleide ich mich sauber? Wie halte ich meinen Haftraum sauber? Wir schicken die Jugendlichen oft genug in den Haftraum zurück, damit sie sich ihre Zähne putzen. Das ist bei pubertierenden Jugendlichen aber normal.

STANDARD: Soll die Strafmündigkeit auf 12 Jahre gesenkt werden?

Killinger: Das ist nicht mein Thema.

Eine lächelnde Frau in schwarzer Kleidung steht mit verschränkten Armen in einem Gebäude. Im Hintergrund sind eine Tür, Flure und Sicherheitsdetails zu sehen.
Das Gefängnis von Seada Killinger musste schnell die Kapazitäten ausdehnen: "Wenn die Jugendkriminalität draußen steigt, steigt unser Stand."

STANDARD: Zum Schluss: Man hört, dass Sie sich für die Leitung der Justizanstalt in Korneuburg beworben haben sollen. Stimmt das?

Killinger: Ja, das ist richtig.

STANDARD: Warum?

Killinger: Weil ich aus dem Weinviertel bin, dort meinen Lebensmittelpunkt habe und mir das tägliche Fahren über die Autobahn ersparen will.

STANDARD: Also nicht, weil es hier im Jugendgefängnis so schlimm ist?

Killinger: Nein, gar nicht. (Jan Michael Marchart, 20.8.2026)

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