Der Aufzug ist kaputt, der Flügel nicht da und Maike Stumpf nervös. An diesem Morgen probt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester im großen Orchestersaal. Weil der Aufzug für große Instrumente seit einigen Tagen nicht mehr funktioniert, muss das Klavier in den Probensaal getragen werden – doch das geschieht nicht rechtzeitig. „Bis zum Nachmittag muss der Flügel da sein“, macht Stumpf am Telefon deutlich.
Stumpf, 34 Jahre alt, ist seit Beginn der Saison 2025/26 Managerin des Orchesters. Gemeinsam mit dem Orchesterdirektor Raphael Rösler organisiert sie die Abläufe der 127 Musikerinnen und Musiker. Rösler, Stumpf und die Mitarbeitenden des Orchesterbüros bilden eine Art Dirigententeam für die Logistik hinter der Bühne. Ohne Taktstock, dafür mit vielen Tabellen.
Noch habe sie nicht alle Abläufe in dem Haus mit mehr als 1000 Angestellten durchschaut, sagt Stumpf. Dafür beherrscht sie eine Sache schon souverän: das Sprechen in Abkürzungen. „KBB“ steht für das Künstlerische Betriebsbüro, „OA“ für „Orchester allein“, also eine Probe ohne Sänger, „OS“ für eine Sitzprobe, „GMD“ für Generalmusikdirektor und „V“ für Vorstellung. Es ist die Sprache hinter der Bühne, damit auf der Bühne und im Orchestergraben alle zur richtigen Zeit am richtigen Platz sind.
Als Managerin sieht sich Stumpf dabei nicht als Teil des Ensembles. „Ich arbeite für das Orchester“, sagt sie. Mal vertrete sie die Interessen der Musiker gegenüber der Hausleitung, etwa wenn es um die Sicherheit bei aufwendigen Inszenierungen gehe. Ein andermal müsse sie Entscheidungen des Hauses dem Orchester erklären.
Büro statt Orchestergraben
Lange hatte Stumpf gedacht, sie werde selbst einmal als Musikerin arbeiten. Mit elf Jahren fing sie an, Kontrabass zu spielen. Ihr Vater spielte ihr eine Aufnahme von Mahlers Erster Sinfonie vor – von da an wollte sie Teil eines Orchesters werden, das einen solchen Klang, eine solche Wucht erschaffen kann. 2012 begann sie ihr Studium an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, 2015 wechselte sie an die Staatliche Hochschule für Musik Trossingen. Doch dann kamen die Zweifel. Sie glaubte nicht mehr, eine Stelle zu bekommen. Vielleicht auch, weil sie es nicht mehr wirklich wollte. Nach neun Jahren Studium hörte sie auf, Kontrabass zu spielen. „Es ist für mich wie eine Beziehung, die nicht geklappt hat“, sagt sie heute.
Eine Professorin sprach ihr Mut zu: Mit einem Musikstudium könne man vieles machen. Stumpf begann als studentische Aushilfe im Projektmanagement ihrer Hochschule und arbeitete später in der Organisation der Bregenzer Festspiele. Während der Besuch einer Vorstellung von „Die Entführung aus dem Serail“ mit ihrer Schulklasse bei Stumpf keine Begeisterung für die Oper geweckt hatte – „total langweilig“ fand sie den Abend damals –, schaffte es „Madama Butterfly“ in Bregenz. Während sie beim hr-Sinfonieorchester eine Ausbildung im Tourmanagement absolvierte, besuchte sie regelmäßig die Frankfurter Oper und träumte davon, dort zu arbeiten.

Als die Position der Orchesterdirektion ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich. „Ein wenig naiv“ sei das gewesen, sagt sie rückblickend, da sie eigentlich nicht genug Erfahrung hatte. Im Zuge einer Umstrukturierung bot man ihr die neu geschaffene Stelle der Orchestermanagerin an. Diese Position soll das Orchesterbüro unterstützen und den Orchesterdirektor Raphael Rösler, der gleichzeitig auch als Referent des Generalmusikdirektors arbeitet, entlasten. Das Bewerbungsgespräch von Stumpf war dann mehr ein Bewerbungsbesuch. Sie bekam eine Karte für eine Vorstellung der Oper „Der Rosenkavalier“ von Strauss. Davor, in den Pausen und danach lernte sie Rösler, Generalmusikdirektor Thomas Guggeis und Intendant Bernd Loebe kennen. Nach jedem Gespräch und mit jedem Akt war sich Stumpf sicherer: Das ist der Ort, an dem sie arbeiten, und das ist das Orchester, das sie managen möchte.
Nun beginnt ihre zweite Saison. „Der Job ist viel bunter, als ich dachte“, sagt sie. Ihr Studium bereue sie nicht und sehe sich auch nicht als gescheiterte Musikerin. „Ich weiß, wie Musiker ticken und was dahintersteckt, wenn jemand im Graben spielt.“ Sie kenne das jahrelange Üben, die Disziplin, die es brauche, und den Druck. Das helfe ihr nun als Managerin.
Nach Jahren ständiger Umzüge will sie nun in Frankfurt ankommen. Das Opernhaus sei für sie schon jetzt mehr als ein Arbeitsplatz: „Es ist ein Zuhause.“ Dennoch fühle sie sich manchmal noch wie in der Ausbildung: „Ich lerne die ganze Zeit.“
Gefragt nach dem schönsten Moment ihrer ersten Saison, nennt sie den Auftritt des Englischhornisten Aurélien Laizé auf der Bühne in „Tristan und Isolde“. Sie sieht sich als Verantwortliche dafür, dass Musiker sich wohlfühlen und unbeschwert arbeiten können. „Wenn das gelingt, bin ich glücklich.“
Nach dem Tag im Büro steht oft noch eine „V“ an, eine Vorstellung. Wenn sie den sogenannten Vorstellungsdienst hat, ist sie dafür verantwortlich, dass alle Sänger da sind und die Abläufe reibungslos ineinandergreifen. Eine Stunde vor Beginn geht Stumpf mit ihrer To-do-Liste durch das Haus und begrüßt die eintreffenden Musiker. So wird es in wenigen Tagen wieder sein. Dann wird sie wieder durch die Gänge der Masken und Garderoben laufen, durch die vereinzelt Melodiefragmente der Oper klingen, die gleich beginnt. Zum Schluss wird sich Stumpf in eine der Logen schleichen und von dort den Musikerinnen und Musikern lauschen, mit denen sie für solche Momente arbeitet.
Die Oper Frankfurt nimmt den Spielbetrieb der Saison 2026/2027 am 22. August mit Puccinis „Turandot“ in der Inszenierung von Andrea Breth auf.