Stand: 26.09.2026, 17:55 Uhr
Kommentare

Nach der Insolvenz der Manroland Sheetfed GmbH entstehen auf dem Firmengelände vier neue Gesellschaften. Die IG Metall sieht darin einen verdeckten Betriebsübergang.
Offenbach – Noch rund 100 Beschäftigte der insolventen Manroland Sheetfed GmbH halten bis Ende des Monats an der Mühlheimer Straße die Fahne des traditionsreichen Druckmaschinenherstellers hoch. Bis dahin soll die sogenannte Ausproduktion laut Auskunft des Sachwalters im Insolvenzverfahren, Martin Mucha von der Kanzlei Grub Brugger aus Stuttgart, abgeschlossen sein.
Forderungen im neunstelligen Bereich
Doch gleichzeitig werfen neue Geschäftstätigkeiten auf den Liegenschaften in Offenbach und Mühlheim ihre Schatten voraus: Denn die Holding des britischen Eigentümers Anthony Langley hat kürzlich vier neue Gesellschaften ins Leben gerufen, die schon bald ihren Betrieb aufnehmen könnten.
Aber der Reihe nach. In Folge der Eröffnung des Insolvenzverfahrens zum 1. Juni dieses Jahres ist der operative Geschäftsbetrieb in einer „geordneten Stilllegung“ eingestellt worden – es hatte sich kein Kaufinteressent gefunden. Marken, Patente, Anlagen, Material sowie alle 38 international tätigen Servicegesellschaften wurden an die Heidelberger Druckmaschinen AG verkauft. Der Kaufvertrag wurde am 23. Juni unterschrieben und trat am 1. Juli in Kraft, die Kaufsumme ist geflossen.
Aktuell arbeitet Mucha nach eigener Auskunft am Einzug ausstehender Zahlungen für zuvor ausgelieferte Maschinen und Ersatzteile. Dazu an Prüfung und Abwicklung sogenannter Eigentumsvorbehaltsrechte, die bei Ratenzahlungen durch einen Kunden üblich sind. Und an der Prüfung der Forderungen der Gläubiger. Deren gibt es laut Mucha mehr als 1.500: Forderungen „im Gesamtvolumen im niedrigen neunstelligen Bereich“ – also 100 Millionen Euro aufwärts. Bis wann das Insolvenzverfahren vollständig abgeschlossen sein wird, kann Mucha auf Nachfrage nicht prognostizieren, es sei aber „weit fortgeschritten“.
Ein Teil des Firmengeländes an der Mühlheimer Straße ist an die Siemens‑AG vermietet, die derzeit Umbaumaßnahmen durchführt, um bereits im kommenden Jahr die Produktion von gasisolierten Schaltanlagen am Standort Offenbach aufnehmen zu können. Die Investition von insgesamt rund 300 Millionen Euro in das neue Werk in Offenbach sowie zwei bestehende Werke in Frankfurt bringt der Stadt Offenbach 700 Arbeitsplätze, die im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten sollen (wir berichteten).
Eine Stilllegung des Betriebs, wie mit dem Betriebsrat verabredet und unterschrieben, findet nicht statt.
Doch auch die Holding des britischen Manroland-Eigentümers Antony „Tony“ Langley legt nach dem Aus eines geplanten oder gewünschten Baus eines Rechenzentrums auf dem Gelände nicht die Hände in den Schoß: Ende August sind vier neue Unternehmen ins Handelsregister am Offenbacher Amtsgericht eingetragen worden. Zuvor handelte es sich um sogenannte Vorratsgesellschaften, also um Unternehmen, die gegründet, im Handelsregister eingetragen und in die voll eingezahlt wurde, die aber bisher keine Geschäftstätigkeit aufgenommen haben.
Inzwischen haben sie Namen: LHL Produktionsmittel GmbH (Mühlheim); LHL Industrial contract manufacturing GmbH (Offenbach); MAM Energized Services GmbH (Mühlheim); und OFM Customised contract Manufacturing GmbH (Offenbach). Unter den Geschäftsführern befinden sich alte Bekannte: Der ehemalige Manroland-CEO Mirko Kern trägt gleich für zwei der neuen Gesellschaften die Verantwortung. Mit Christos Ntagas, ehemals Serviceleiter bei Manroland, und Sebastian Seum, zuletzt Leiter Finanzen für Langleys Print Technologies Division, unterstützen zwei weitere hochrangige Führungskräfte das neue Projekt von Langley in Offenbach.
Auf Nachfrage lassen alle drei durch den Offenbacher Anwalt und Notar Olaf Meister, der Langley hierzulande vertritt, in einer beinahe wortgleichen Stellungnahme mitteilen, dass die vier Unternehmen in keinerlei Zusammenhang mit der insolventen Manroland Sheetfed GmbH stünden.
In den vergangenen Wochen seien mit Dritten „verschiedene Verträge über Lieferungen und Leistungen, Kooperationen sowie den Erwerb von Vermögensgegenständen abgeschlossen“ worden. Eine operative Geschäftstätigkeit könne aber erst nach Abschluss der Vorbereitungen aufgenommen werden. Nachfragen nach dem konkreten Zeitpunkt der Geschäftsaufnahme, den konkreten Geschäftsfeldern, der Zahl der Mitarbeiter, den (zukünftigen) Firmensitzen und Produktionsstandorten und der Frage, inwiefern (ehemalige) Manroland-Mitarbeiter von einem Wechsel überzeugt werden (sollen), blieben dagegen unbeantwortet.
Viele Fragen bleiben unbeantwortet
Die wortkarge Einlassung der Führungsriege der Neu-Unternehmen könnte einen Hintergrund haben: Die Geschäftsführer versuchen offenbar, juristischen Ärger zu vermeiden. Denn Gewerkschafter Manuel Schmidt, Bevollmächtigter von Offenbachs IG Metall, die den Mitarbeitern von Manroland in der Endphase des Unternehmens beigestanden hatte, sagt: „Es sind dieselben Maschinen, teilweise dieselben Vorgesetzten, dieselben Abnehmer. Wir sind der Meinung, dass die vier neuen GmbHs den Tätigkeitszweck von Manroland Sheetfed weiter erfüllen sollen – es geht darum, das Intercompany-Geschäft von Herrn Langley zu bedienen.“
Demnach würden die neuen GmbHs zwar keine Druckmaschinen mehr produzieren, führten aber unter anderem die Arbeit in der Gießerei ebenso fort, wie die Produktion von Komponenten für die Piller Group von Langley, die etwa Teile zur Absicherung von Rechenzentren herstellt. Rund 100 Mitarbeitende, die ehemals für Manroland Sheetfed gearbeitet haben, sollen laut Schmidt ab dem 1. Oktober einen Job in einer der vier GmbHs aufnehmen.
Gemäß dem IG‑Metall-Mann weisen die neuen Arbeitsverträge allerdings deutlich schlechtere Konditionen auf: eine 40-Stunden-Woche etwa, statt einer 35-Stunden-Woche, wie bislang; dazu eine lange Verschwiegenheitsklausel, die verhindern soll, dass sich die Belegschaft allzu unverblümt in der Öffentlichkeit äußert. Auch eine Vertretung durch Betriebsräte sei zunächst nicht gegeben.
Vor allem aber steht für Manuel Schmidt fest: „Eine Stilllegung des Betriebs, wie mit dem Betriebsrat verabredet und unterschrieben, findet nicht statt. Wir sehen eine Teilweiterführung von Manroland Sheetfed, einen Betriebsübergang. Wir haben den gekündigten Mitarbeitern deshalb geraten, Kündigungsschutzklage einzureichen.“
Etliche Klagen vor Offenbachs Arbeitsgericht
Nach Informationen der Redaktion klagen bislang etwa 70 Personen auf Wiedereinstellung gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber. Die entsprechenden Verhandlungen finden gruppenweise am Offenbacher Arbeitsgericht statt, mit den ersten Terminen Ende Oktober – Ausgang vollkommen offen. Eine offizielle Bestätigung durch das Arbeitsgericht fehlt, mehrere Anfragen – per E-Mail und telefonisch – blieben unbeantwortet.
Einer, der nach eigenen Angaben selbst Klage eingereicht hat, ist der derzeitige stellvertretende Manroland-Betriebsratsvorsitzende Alexander Roth. Nach einer gescheiterten Güteverhandlung wartet er nun auf den Verhandlungsbeginn. „Die Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, sind traurig und sauer – das Vorgehen empfinden sie als eine Frechheit. Tatsächlich war es der Vorschlag von Betriebsrat und Gewerkschaft, nach der Insolvenz einen Industriepark am Standort einzurichten. Das wurde damals abgelehnt. Jetzt wird es eigenständig umgesetzt.“
Insolvenzverwalter Mucha sowie Oliver Brückner, einer der drei Generalbevollmächtigten, der für SGP Schneider Geiwitz, einer Insolvenzrechtskanzlei, arbeitet, wollen sich auf Nachfrage weder zu den neuen Gesellschaften noch zu den Verfahren äußern. Brückner betont jedoch: „Die Entscheidung, den Geschäftsbetrieb der Manroland Sheetfed GmbH vollständig einzustellen, wurde nach sorgfältiger Prüfung aller Sanierungsoptionen und in enger Abstimmung mit den Gremien des Verfahrens getroffen. Ziel war es, die bestmögliche Lösung für Gläubiger und Belegschaft zu erreichen.“ Ob das der Fall war, darüber wird nun ein Offenbacher Gericht zu entscheiden haben. (von Philipp Keßler und Julius Fastnacht)