Stand: 29.08.2026, 14:46 Uhr
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Dirk Oliev hatte seine Bäckerei zum 1. Juli verkauft und mit 58 Jahren Feierabend gemacht. Doch die neuen Inhaber mussten ihn zurückholen – als Chef im Angestelltenverhältnis.
Bad Emstal – So ganz war der Ruhestand dann doch nicht sein Ding: Bäcker- und Konditormeister Dirk Oliev aus Bad Emstal hatte zum 1. Juli seinen Betrieb im Ortsteil Sand verkauft, war raus aus dem über Jahrzehnte verinnerlichten Rhythmus. Ruhestand mit 58 Jahren nach intensiven Arbeitsjahren. Aber jetzt ist er wieder da. In seinem alten Betrieb, mittendrin in der Backstube, als „Chef im Angestelltenverhältnis“, wie er sagt.
Aus purer Langeweile hat es ihn nicht unbedingt zurückgetrieben. Aber einiges hatte sich doch anders entwickelt, als gedacht, nachdem er Haus und Geschäft zum 1. Juli an drei junge Investoren aus Deutschland und Luxemburg verkauft hatte. Eigentlich, sagt er, habe er noch nach dem Besitzerwechsel mit seinem Wissen um die Abläufe im Betrieb, in der Backstube in Sand und den Verkaufsfilialen Dörnberg, Ehlen, Baunatal und Kassel für ein paar Monate mitarbeiten sollen und wollen. Schließlich galt es doch, die Übergangsphase so reibungslos wie möglich zu gestalten, dem Neuen in der Leitung des Teams zwischen Knetmaschine und Ofen in die Produktion mit den Oliev’schen Rezepturen einzuweisen. Aber das, sagt Oliev, war von seinem Nachfolger in der Backstube nicht gewollt. Und so kam es für ihn zu einem Abschied „von jetzt auf sofort“.
Durch die Bank fließt Geld aus Deutschland ab. Wir machen genau das Gegenteil. Wir bringen unser Geld zurück nach Deutschland.
Das hatte Folgen. Bald klagte die Kundschaft über einen Qualitätsverlust bei den Backwaren, auch darüber, dass es mit dem Nachschub in den Verkaufsstellen nicht funktionierte. Die Bewertungen enttäuschter Kunden im Internet waren mitunter niederschmetternd. Das Verkaufspersonal hinterm Tresen musste sich die Klagen auch treuester Stammkunden anhören. Nach wenigen Wochen des Niedergangs schlug die Nachricht Anfang August dann auch bei den drei Inhabern der neuen Oliev GmbH durch, die nicht in der Region zu Hause sind. „Wir haben von der Kritik erfahren, kamen gleich her, haben uns hier einquartiert, haben durchgegriffen und sogar selbst mitgearbeitet“, sagt Dennis Kleine Arndt, ein Rheinländer. „Ich bin nach Bad Emstal gekommen, habe kommissioniert, also die Waren in den richtigen Mengen zusammengestellt und in die Filialen gefahren und habe auch im Verkauf mitgearbeitet.“
Sein Kompagnon Jean-Baptiste Fischer, ein Luxemburger mit nahezu akzentfreiem Deutsch, rückte zeitgleich an, unterstützte unter anderem in der Backstube und kümmert sich verstärkt um das Organisatorische. „Wir mussten das hier zügig regeln“, sagt Fischer. Keine leichte Sache, denn die drei Inhaber waren bislang überwiegend in den Bereichen Dienstleistung und Produktion aktiv, haben „viel Erfahrung in größeren Firmen“, sagt Dennis Kleine Arndt. „Wir sind branchenfremd. Aber die Mitarbeiter hier haben uns sehr unterstützt.“
Klare Ziele
Gemeinsam mit den Angestellten hatte man klare Ziele: zurück zum hohen Qualitätsniveau aus der Zeit, als Meister Dirk Oliev den Betrieb leitete, und auch zurück zur Verlässlichkeit, was die Belieferung der Filialen vom Stammhaus in Sand aus anging, um die Kunden wieder zufriedenzustellen. Dafür, war dem Eigentümer-Trio klar, brauchte es einen zentralen Wechsel im Maschinenraum der Bäckerei: Dirk Oliev musste zurückgewonnen werden.
Ein Telefonat, viel Überzeugungsarbeit war nicht nötig. „Auch Dirk Oliev wusste, dass das Schiff Richtung Eisberg fährt“, sagt Kleine Arndt, „darüber haben wir offen geredet.“ Und auch der Umworbene wollte keinesfalls, dass die vor 150 Jahren von seiner Familie gegründete Bäckerei Schiffbruch erleidet. Schnell war man sich einig: Mit Meister Oliev zurück in die Zukunft.
Befreit vom Papierkram
Der sagt auch gleich, wo es langgehen wird: „Wir fahren die Qualität wieder hoch, dahin, wo sie war. Wir haben ja nichts verlernt.“ Die neue Aufgabe ist für den erfahrenen Bäcker- und Konditormeister attraktiv: Als „Chef im Angestelltenverhältnis“ wird er künftig wieder das Kommando in der Backstube haben und für die ausreichende Verfügbarkeit der Waren in den Filialen zuständig sein. Wovon er künftig entlastet ist: vom Administrativen, der Büroarbeit, dem ganzen Papierkram. Um diesen Bereich wird sich Jean-Baptiste Fischer kümmern.
Der Dritte im Bunde der Investoren ist Raul Schweicher, wie Fischer ein Luxemburger. Beide sind zusammen aufgewachsen, haben gemeinsam Abitur gemacht. Dennis Kleine Arndt und Raul Schweicher haben sich beim Studium in China kennengelernt, sind aus beruflichen Gründen in China geblieben, weil es dort sehr unkompliziert sei, eine Firma zu gründen. Mit dem Kauf der Bäckerei Oliev, sagt Kleine Arndt, haben die drei Freunde erstmals in Deutschland investiert. Damit gehe man einen eher unüblichen Weg: „Durch die Bank fließt Geld aus Deutschland ab. Wir machen genau das Gegenteil. Wir bringen unser Geld zurück nach Deutschland.“ Das habe auch damit zu tun, dass die drei 41-Jährigen langfristig ihre Zukunft in der alten Heimat sehen, auch, weil man sich familiär wieder stärker Richtung Deutschland orientiere, wie Dennis Kleine Arndt betont.
Wie man nun ausgerechnet auf eine kleine Bäckerei in Nordhessen gekommen ist? „Für uns kam nur ein Handwerksbetrieb infrage, etwas, was nicht digitalisiert ist“, und dazu konjunkturunabhängig: „Der Bürger, der sein Brötchen liebt, kommt auch vorbei, wenn es im Lande mal wirtschaftlich nicht so rund läuft“, so Kleine Arndt. „Das hat uns zum Handwerk getrieben.“ Dass man so auch einen Familienbetrieb erhalte, der ohne Nachfolger ist, sei dabei doch auch erfreulich.
„Ich freue mich richtig“
Aus einer Vielzahl von Möglichkeiten habe man die Bäckerei Oliev ausgewählt, die schon etwas länger auf der Suche nach einem Investor oder Käufer gewesen sei. „Umso schmerzlicher ist, was jetzt passiert ist“, sagt Kleine Arndt. Aber das werde nur eine kurze Episode sein. Mit Dirk Oliev an Bord, sind sich die Inhaber sicher, werde man schnell wieder auf Kurs kommen. Und der Meister lässt keinen Zweifel daran, dass er Lust auf die Aufgabe an alter Wirkungsstätte hat: „Ich freue mich richtig.“