Ab 3.000 Euro brutto droht ein Minus – was die Steuerreform wirklich bringt

Merz-Versprechen entpuppt sich als Dämpfer: Ab 3.000 Euro brutto droht ein Minus

Stand: 11.07.2026, 09:40 Uhr

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Die Steuerreform soll Arbeitnehmer entlasten. Doch neue Berechnungen zeigen: Steigende Sozialabgaben könnten für viele Beschäftigte am Ende ein Minus bedeuten.

Frankfurt – Steuerentlastung für alle? Neue Berechnungen zeigen, dass das Gegenteil droht. Die geplante Einkommensteuerreform der Bundesregierung verspricht Millionen Arbeitnehmern mehr Netto vom Brutto. Doch wer auch die steigenden Sozialabgaben einrechnet, kommt zu einem anderen Ergebnis: Für viele Beschäftigte bleibt 2028 weniger übrig als heute.

Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Die geplante Steuerreform soll Beschäftigte entlasten, doch steigende Sozialabgaben könnten den Effekt für viele aufzehren.

Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Die geplante Steuerreform soll Beschäftigte entlasten, doch steigende Sozialabgaben könnten den Effekt für viele aufzehren. © Karl-Josef Hildenbrand/Michael Kappeler/picture alliance/dpa

Das hat der Finanzwissenschaftler Frank Hechtner von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg berechnet. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete zuerst über seine Ergebnisse. Hechtner berücksichtigte nicht nur die geplante Steuerentlastung. Er rechnete auch steigende Beiträge zur Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ein. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Steuerreform könnte vielen Beschäftigten kaum helfen

Ein kinderloser Single mit 3.000 Euro Bruttolohn im Monat hätte 2028 neun Euro weniger Nettolohn im Jahr als heute. Das Minus klingt gering. Politisch ist es heikel. Denn genau diese Einkommensgruppe wollte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil eigentlich entlasten.

Bei höheren Einkommen fällt die Belastung deutlich stärker aus. Ein kinderloser Single mit 6.000 Euro Bruttolohn im Monat verliert 2028 rund 242 Euro netto im Jahr. Bei 6.500 Euro brutto steigt das Minus auf 639 Euro. Bei 9.000 Euro brutto beträgt der Verlust sogar 904 Euro im Jahr. Dabei handelt es sich um nominale Beträge. Die Inflation ist darin noch nicht berücksichtigt. Real dürfte die Belastung für viele Haushalte noch größer ausfallen.

HaushaltstypMonatliches BruttoErgebnis 2028 gegenüber heute
Kinderloser Single3.000 Euro–9 Euro netto pro Jahr
Kinderloser Single6.000 Euro–242 Euro netto pro Jahr
Kinderloser Single6.500 Euro–639 Euro netto pro Jahr
Kinderloser Single9.000 Euro–904 Euro netto pro Jahr
Paar mit zwei Kindern, beide verdienen je 7.000 Euro14.000 Euro gesamt–1.045 Euro netto pro Jahr
Alleinerziehender mit einem Kindbis rund 5.500 Eurobis zu +25 Euro netto pro Jahr

Auch Doppelverdiener-Familien sind betroffen. Ein Paar mit zwei Kindern und jeweils 7.000 Euro brutto im Monat verliert laut Hechtners Berechnung 1.045 Euro netto im Jahr. Das Bundesfinanzministerium hatte für diesen Haushalt noch eine Steuerentlastung in Aussicht gestellt. Sobald die höheren Sozialbeiträge eingerechnet werden, kippt die Bilanz ins Minus.

Sozialabgaben fressen Steuerentlastung auf

Der Hauptgrund für die Mehrbelastung sind steigende Sozialversicherungsbeiträge. Der Rentenbeitrag liegt derzeit bei 18,6 Prozent des Bruttolohns. Nach aktueller Schätzung der Deutschen Rentenversicherung soll er bis 2028 auf 19,9 Prozent steigen. Dieser Anstieg ist in Hechtners Berechnungen bereits enthalten.

Hinzu kommen höhere Beitragsbemessungsgrenzen. In der Krankenversicherung soll die Grenze Anfang 2027 um weitere 300 Euro im Monat angehoben werden. In der Pflegeversicherung steigt sie sogar um 937,50 Euro. Das bedeutet: Beschäftigte, deren Einkommen knapp oberhalb der bisherigen Grenze liegt, zahlen künftig auf einen größeren Teil ihres Einkommens Beiträge. Zwar mindern Sozialversicherungsbeiträge als Vorsorgeaufwendungen die Einkommensteuer. Dieser steuerliche Effekt reicht aber nicht aus, um die höheren Abgaben vollständig auszugleichen.

Kapitalrente könnte Belastung weiter erhöhen

Noch nicht in Hechtners Berechnungen enthalten ist ein weiterer geplanter Beitrag. Ab 2028 soll eine sogenannte Kapitalrente eingeführt werden. Zunächst ist ein zusätzlicher Beitragssatz von 0,5 Prozent des Bruttolohns vorgesehen. Später soll dieser schrittweise auf zwei Prozent steigen. Sollte dieser Beitrag wie geplant kommen, würde sich die Nettobelastung der Arbeitnehmer weiter erhöhen.

Etwas günstiger fällt das Ergebnis für Familien und Alleinerziehende aus. Die Koalition will das Kindergeld in zwei Schritten um insgesamt 13 Euro im Monat erhöhen. Der Kinderfreibetrag soll um 240 Euro im Jahr steigen. Ein Alleinerziehender mit einem Kind kann dadurch bis zu einem Bruttoeinkommen von rund 5.500 Euro im Monat noch mit einer kleinen Entlastung rechnen. Diese bleibt allerdings überschaubar: maximal 25 Euro im Jahr.

Familien werden nur leicht abgefedert

Unabhängig von Hechtners Berechnungen kommt auch das Institut der deutschen Wirtschaft zu einem kritischen Urteil. Die Wissenschaftler Martin Beznoska und Tobias Hentze haben die Reformeckdaten mit dem verglichen, was ein reiner Ausgleich der kalten Progression gebracht hätte.

Ihr Ergebnis: Jeder Einkommensbezieher stellt sich durch die Reform schlechter, als wenn die Koalition nur wie üblich den Grundfreibetrag erhöht und den Steuertarif inflationsbereinigt hätte.

IW sieht Steuerzahler schlechter gestellt

Ein Single mit einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 60.000 Euro wird durch die Reform um 192 Euro entlastet. Nötig wären aber 347 Euro gewesen, um die kalte Progression auszugleichen. Inflationsbereinigt verliert dieser Haushalt 155 Euro.

Die Reform kostet den Staat laut IW rund zehn Milliarden Euro. Ein vollständiger Ausgleich der kalten Progression hätte gut 15 Milliarden Euro gekostet. Finanzminister Klingbeil spart also fünf Milliarden Euro – auf Kosten der Steuerzahler.

Klingbeil spart beim Ausgleich der kalten Progression

Zur Gegenfinanzierung weitet die Koalition zudem die sogenannte Reichensteuer aus. Ab einem zu versteuernden Einkommen von 250.000 Euro werden künftig 45 Prozent fällig. Ab 280.000 Euro sind es 47 Prozent. Einschließlich des Solidaritätszuschlags kommen Spitzenverdiener dann auf 49,585 Prozent.

Laut IW entfallen zwei Drittel der Mehrbelastungen auf unternehmerische Einkünfte. Die Wissenschaftler sehen darin einen „Widerspruch“ zum Ziel der Bundesregierung, wirtschaftliches Wachstum und Investitionen zu stärken.

Reichensteuer könnte Unternehmer besonders treffen

Kritik kommt auch aus dem politischen Lager. Der finanzpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Fritz Güntzler, sagte: „Bei der großen Steuerreform hätte ich mir gut noch mehr vorstellen können.“ Er fügte hinzu, es sei „keine große Steuerreform, sondern eine Änderung des Einkommensteuertarifs“.

Steffen Saebisch, früherer Finanzstaatssekretär unter Christian Lindner und heute Vorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, wird noch deutlicher: „Dies ist die erste Bundesregierung, die die Erhöhung des steuerlichen Existenzminimums durch Steuererhöhungen gegenfinanziert.“ (Verwendete Quelle: FAZ) (mare)