Muntere Exoten
Mini-Affen im Haus des Meeres haben großen Drang zur Umgestaltung
Springtamarine kümmern sich fürsorglich als Gruppe um ihren Nachwuchs. In Wien haben die in freier Natur bedrohten Tiere nun wieder Anlass dazu
Susanne Strnadl
Die Begeisterung ist groß: Bei den Springtamarinen im Haus des Meeres in Wien gibt es Nachwuchs. Das freut neben dem Publikum auch die anderen im Tropenhaus beheimateten Affen. Das im August geborene Männchen – das kürzlich auf den Namen Jerry getauft wurde – bringt Schwung ins Gruppengefüge. Springtamarine (Callimico goeldii) sind etwa 20 Zentimeter große Primaten mit tiefschwarzem Fell, die zu den Krallenaffen gehören. Ihre Heimat ist das westliche Amazonasgebiet.
Dort leben sie in Gruppen von sechs bis acht Tieren zusammen, die sich gewöhnlich aus einem erwachsenen Männchen, ein bis zwei erwachsenen Weibchen und deren gemeinsamem Nachwuchs zusammensetzen. Ihre Nahrung besteht aus Früchten, Pilzen, Baumsäften, Insekten und kleinen Wirbeltieren. Auch die Gruppe im Haus des Meeres ist so aufgestellt. Bisher umfasste sie acht Tiere – jetzt ist noch das Junge hinzugekommen.
Gemeinsame Kinderbetreuung
Die erste Zeit ihres Lebens verbringen junge Springtamarine so gut wie festgeklebt auf dem Rücken ihrer Mutter. Nach etwa vier Wochen steigen sie ab und zu vorsichtig davon herunter – ein Geschehen, das von den anderen Springtamarinen mit großem Interesse verfolgt wird. Doch nicht nur von ihnen: Das Tropenhaus im Haus des Meeres beherbergt auch Braunrückentamarine (Leontocebus fuscicollis) und Weißkopfsaki (Pithecia pithecia). Sie alle sind laut Schreiner begeistert, wenn es neuen Nachwuchs gibt. "Für Primaten ist die Fortpflanzung enorm wichtig, ihre Gruppendynamik ist dann besonders ausgeprägt", erklärt Jeff Schreiner, Direktor des Haus des Meeres.
Tatsächlich kümmern sich bei den Springtamarinen alle Mitglieder der Gruppe um den Nachwuchs. Sie tragen die Jungen umher, teilen Nahrung mit ihnen und beschäftigen sie. Nur zum Säugen werden sie an die Mutter übergeben. Das ist bei allen Krallenaffen so, doch im Unterschied zu den anderen Arten in dieser Familie bringen die Springtamarine pro Geburt gewöhnlich nur ein einziges Jungtier zur Welt. Die anderen Krallenaffen gebären meistens Zwillinge.
Training hebt die Laune
Um die Affen im Haus des Meeres bei Gesundheit und guter Laune zu halten, gibt es mindestens viermal pro Woche ein Training, wie Schreiner erklärt. Dabei sollen sie sich etwa auf eine Waage setzen, ihren Chip auslesen lassen oder in eine Transport-Box steigen. Für jede erfolgreich ausgeführte Aufgabe erhalten sie eine Belohnung in Form einer Nuss oder einer Heuschrecke. Zusätzlich werden sie fünfmal pro Tag gefüttert.
Diese Aktivitäten beschäftigen die Tiere einerseits und können andererseits gleich für notwendige Maßnahmen wie Gesundheitschecks genutzt werden. "Die Pflegerinnen und Pfleger werden auch oft kreativ", erzählt Schreiner, "sie bringen etwa Katzenspielzeug für die Affen mit oder basteln ihnen selbst etwas."
Zucht zur Arterhaltung
Die Transport-Box wird manchmal nötig, weil die Nachkommen mit der Geschlechtsreife aus der Gruppe vertrieben werden. In der Wildnis versuchen sie dann, sich einer anderen Gruppe anzuschließen oder zumindest ein Partnertier zu finden, mit dem sie eine eigene Familie gründen können. Gelingt ihnen das nicht, sterben sie. Im Zoo ist das natürlich keine Alternative. Stattdessen werden sie im Rahmen des Erhaltungszuchtprogramms in neu zusammengestellte Gruppen integriert und in anderen Tiergärten untergebracht.
In der Natur gelten Springtamarine als gefährdet, vor allem durch Jagd und Lebensraum-Fragmentierung. Schreiner, der sich erst vor zwei Jahren im Amazonas-Becken vor Ort ein Bild machen konnte, berichtet von Märkten, auf denen Dutzende der Tiere zum Verkauf angeboten wurden. Sie landen gewöhnlich im Kochtopf oder in privater Käfighaltung. Gleichzeitig würden für illegale Fällungen Straßen in den Wald getrieben, die so breit sind, dass sie für die kleinen Affen nicht überwindbar sind – und das, obwohl sie bis zu vier Meter weit springen können.
Ruhe im Backstage-Bereich
Mit der Züchtung der Art in menschlicher Obhut soll sichergestellt werden, dass Tiere für etwaige Wiederansiedlungen zur Verfügung stehen. Die beiden Weibchen im Haus des Meeres haben dazu bereits einen wichtigen Beitrag geleistet. Allerdings ist die Ältere mittlerweile mehr als 15 Jahre alt und hat sich schon länger nicht mehr fortgepflanzt. Für die deutlich jüngere Mutter ist der nunmehrige Nachwuchs bereits ihr sechstes Junges. Auch die Geburt fand im Tropenhaus statt. Die erfahrene Mutter meisterte diese sensible Phase mit großer Ruhe und Gelassenheit, sodass sie von Anfang an in ihrer vertrauten Umgebung bleiben konnte.
Prinzipiell gibt es auch einen Backstage-Bereich, in dem die Tiere ungestört sind. Unerfahrene Mütter werden dort nach der Geburt vorerst untergebracht, um sicherzustellen, dass sie nicht durch die Menschen gestresst sind und vielleicht aufhören, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Das war bei dem Weibchen mit dem kuriosen Namen "No Name" nicht nötig: "Sie ist sehr erfahren und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass es Probleme gibt", freut sich Schreiner.
Hang zur Umgestaltung
Die Äffchen – auch die erwachsenen – sind so süß, dass Schreiner immer wieder einmal im Vorbeigehen hört, wie Leute davon reden, sie mit nach Hause zu nehmen. Seine Reaktion: "Ich sage jedem: Das können wir gerne machen, aber Sie müssen unterschreiben, dass Sie sie mindestens drei Monate behalten. Die beißen nämlich alles ab und bauen alles um, was ihnen unter die Finger kommt. Auch bei uns: Es gibt keine noch so kleine Ritze, in der sie nicht herumgraben."
Die Affen sind auch der Grund dafür, dass im Tropenhaus keine Kinderwägen erlaubt sind. "Sie sind schon aufgeregt, wenn jemand mit einer bunten Tasche kommt", gibt Schreiner zu bedenken, "ein Kinderwagen wäre innerhalb kürzester Zeit zerstört." (Susanne Strnadl, 3.10.2026)
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