Mit dem Autor von „Käsch und Naziss“: „Weniger Angst vor der AfD als vor der Regierung“ – Kontroverse Diskussion im Kino Achteinhalb

Mit dem Autor von „Käsch und Naziss“ „Weniger Angst vor der AfD als vor der Regierung“ – Kontroverse Diskussion im Kino Achteinhalb

Saarbrücken · „Rotation“, ein Film des Saarbrücker Regisseurs Wolfgang Staudte, war im Kino Achteinhalb zu sehen – bei der Diskussion danach prallten einige Meinungen aufeinander.

13.10.2026 , 08:00 Uhr

 Diskussion im Kino Achteinhalb: Uschi Schmidt Lenhard von der Wolfgang Staudte Gesellschaft und Ulf Schmidt, Chefautor des Saarländischen Staatstheaters.

Diskussion im Kino Achteinhalb: Uschi Schmidt Lenhard von der Wolfgang Staudte Gesellschaft und Ulf Schmidt, Chefautor des Saarländischen Staatstheaters.

Foto: Tobias Keßler

Es blieb friedlich, und die Diskussion endete mit dem Konsens, man müsse miteinander im Gespräch bleiben. Aber im Kino Achteinhalb in Saarbrücken prallten dann doch einige Weltbilder aufeinander, die wenig miteinander zu tun haben. „Ich muss sagen, ich habe vor der AfD weniger Angst als vor dieser Regierungskoalition“, sagte eine Frau im Publikum. Denn diese deutsche Regierung bereite „mehr oder weniger offen zum dritten Mal innerhalb von 110 Jahren einen Krieg gegen Russland vor“, diesmal im Verbund mit der EU und der Nato.

Da wurde im Publikum mancher Kopf geschüttelt, ein Mann im Kino sprach ironisch von „Fachleuten vom BSW“, und eine andere Dame meinte mit subtiler Ironie, am Krieg in der Ukraine sei Wladimir Putin „ja nicht unschuldig“.

Warum nicht der NSDAP beitreten?

Kurzum: Es war ein interessanter Abend im Kino Achteinhalb. Dort hatten am Freitag die Veranstaltungen zu Ehren des Saarbrücker Regisseurs Wolfgang Staudte (1906-1984, „Rosen für den Staatsanwalt“) begonnen: mit einem Film, der 77 Jahre alt ist und dennoch von schmerzhafter Aktualität ist. „Rotationen“ spielt zwischen 1925 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erzählt von einem Mann, der den aufkommenden Faschismus eher am Rande wahrnimmt, aber irgendwann vor der Wahl steht: Was ist er zu tun bereit, um mitzuschwimmen und nicht unterzugehen. Ist der Eintritt in die NSDAP zu verschmerzen, wenn das im Gegenzug eine Beförderung bedeutet, eine sichere Stelle und die Versorgung der Familie? Was aber geschieht, wenn der eigene Sohn der trickreichen NS-Propaganda erliegt?

„Der Film hat mich wieder voll erwischt“

Saarbrücken: Diskussion über Kino, Faschismus und die AfD

Foto: Tobias Keßler

Der Film habe ihn „wieder voll erwischt“, sagte Ulf Schmidt hinterher, Chef-Autor des Saarländischen Staatstheaters. Die Saarbrücker Wolfgang Staudte Gesellschaft hatte ihn zur Diskussion mit deren Vorsitzenden Uschi Schmidt Lenhard eingeladen (zuvor gab es einen Videogruß von Ministerpräsidentin und Veranstaltungs-Schirmherrin Anke Rehlinger). Für Schmidt ist Staudtes Film gerade deshalb so kraftvoll, weil er auf die Figur des Mitläufers Behnke nicht moralisch von oben herabschaue. „Er ist nett, freundlich, sagt von sich selbst, dass er nie etwas Böses tun würde – und doch wird er schrittweise zum Teil des Systems und am Ende zu dessen Opfer.“

„Empörungsbereitschaft entwickelt sich zum Hass“

Für Schmidt Lenhard zeichnet der Film exemplarisch nach, wie soziale Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit und Existenzangst die Menschen empfänglich machen für die scheinbaren Antworten des Faschismus; der produziere zudem unablässig Feinbilder und treibe einen Keil zwischen die, die dazugehören, und die, die ausgegrenzt werden sollen. „Man polarisiert und polarisiert – und Empörungsbereitschaft entwickelt sich zum Hass.“

Autor von „Käsch und Naziss“

Schmidt, der fürs Saarländische Staatstheater das Stück „Käsch und Naziss“ über rechte Polit-Taktiken geschrieben hat, verwies darauf, dass in der Politik schon seitens der regierenden Parteien Strömungen deutlich seien, die die AfD einfach nur noch nutzen müsse. „Dazu gehört auch, dass zum Beispiel ein Bundesminister für Kultur einfach Buchhandlungen vom Verfassungsschutz überprüfen lässt und daraus eine Selbstverständlichkeit machen will.“ So etwas sei eine Vorbereitung für die AfD, „für die sie sich eigentlich bedanken könnte“.

„Meine Enkel werden nicht in einem von der AfD regierten Land leben“

Wie würde man sich selbst in einem solchen System verhalten? Diese Frage stellt der Film, über die im Publikumsgespräch diskutiert wurde. „Machen wir uns nichts vor“, sagt eine Frau im Kino, „jeder wird sich mit dem, was kommt, auf irgendeine Weise arrangieren – um nicht seinen Job oder dieses und jenes zu verlieren“. Eine andere Frau ist da optimistischer: „Ich bin guter Hoffnung“, sagte sie. „Ich bin ganz sicher, dass meine Enkel nicht in einem von der AfD regierten Land leben werden – nie und nimmer.“ (jos)