„Habe einfach nie gekündigt“: Firmenchef aus der Rhön feiert 75-jähriges Dienstjubiläum – mit fast 90

Mit fast 90 noch dabei: Seniorchef Edgar Kremer feiert 75-jähriges Betriebsjubiläum

Stand: 22.07.2026, 06:36 Uhr

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Edgar Kremer informiert sich in den Schleicher-Fertigungshallen immer noch darüber, was gerade produziert wird.

Edgar Kremer informiert sich in den Schleicher-Fertigungshallen immer noch darüber, was gerade produziert wird. © Rainer Ickler

Edgar Kremer, der Senior-Chef der Firma Segelflugzeugbau Schleicher in der Rhön, hat sein 75-jähriges Betriebsjubiläum gefeiert. Das dürfte deutschlandweit einmalig sein.

Poppenhausen – Der bald 90-Jährige war in seiner 75-jährigen Betriebszugehörigkeit bei vielen richtungsweisenden Entscheidungen in der Entwicklung von Schleicher-Segelflugzeugen dabei. Ihm ist es mit zu verdanken, dass die Rhöner Firma weltweit bekannt ist und ihre Produkte in alle fünf Kontinente geliefert werden.

Firmenchef aus der Rhön arbeitet seit 75 Jahren im Betrieb

Ende Juni 1951 begann Edgar Kremer seine Ausbildung. Der damals 14-Jährige wäre gerne weiter zur Schule gegangen, doch die Zeiten waren schwierig und die Eltern wollten, dass er eine Lehre anfängt. „Geh mal zum Alex“, gaben sie ihm mit auf den Weg und meinten den damaligen Firmenchef Alexander Schleicher. So begann er als Schreiner in der Firma am Fuß der Wasserkuppe, die als Wiege des Segelflugs gilt. Schleicher baut seit 1927 Segelflugzeuge.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war dies zunächst verboten, erst 1951 durften wieder Segler gebaut werden. Die Firma hielt sich mit Schreiner-Aufträgen über Wasser. Unter anderem baute man für das Unternehmen Wella, das bis 2018 in Hünfeld ansässig war, Schränke und Tische. Als die Alliierten den Bau von Segelflugzeugen wieder erlaubten, begann man in Poppenhausen mit der Produktion. Firmenchef Schleicher hatte damals schnell erkannt, dass dies ein gutes Geschäft werden könnte. So kam es auch. 1951 waren es sechs, ein Jahr später schon 11 und 1954 sogar 18 Segler, die gefertigt wurden. Und so stolperte Edgar Kremer in den Bau von Segelflugzeugen, die es sogar schon in die ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ schafften.

Gleichzeitig begann er selbst mit dem Fliegen. „Damals sind wir noch zu Fuß auf die Wasserkuppe gelaufen und haben auf dem Schulgleiter gelernt. Die Flüge waren anfangs eher kurz, wie das Flugbuch verrät. 10 oder 15 Sekunden. Aber mit der Zeit wurden sie länger, und Edgar war von der Fliegerei so begeistert, dass er bald zu einem guten Segelflieger werden sollte.

In den 1950er Jahren wurde Edgar Kremer selbst zum Flieger

Wer gerne fliegt, will natürlich wissen, wie ein Segelflugzeug hergestellt wird. Das bekam er als Flugzeugschreiner hautnah mit. Damals war Holz das Hauptmaterial. Waren es anfangs überwiegend Vereine, die bestellten, so kamen im Laufe der 1950er Jahre immer mehr Privatpersonen dazu, die sich für das lautlose Gleiten und das Spiel mit der Thermik begeisterten. Edgar Kremer verlängerte seine Lehrzeit und wurde Flugzeugbauer. Das vereint die Schreinerfähigkeiten mit denen des Schlossers. Er ging in seinem Beruf auf und sollte zu einem Tüftler werden.

Auch privat lief es gut. Denn Edgar hatte sich in die Tochter von Firmenchef Alexander Schleicher verliebt und wenig später heiratete er seine Hedwig. „Ich habe viel Glück gehabt“, blickt der 89-Jährige zurück, der im August 90 wird. Er war immer dabei, wenn neue Entwicklungsphasen im Segelflugzeugbau begannen. Der Chef ließ ihn machen: „Ich hatte freie Hand.“

Lisbeth Gruber, gespielt von Monika Baumgartner, sitzt in der ASK21.

Ein Schleicher-Segelflugzeug hat es in die ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ geschafft: Lisbeth Gruber, gespielt von Monika Baumgartner, sitzt in der ASK21. (Archivfoto) © Screenshot: Sophia Auth

So ging die allmähliche Umstellung auf die Kunststoffbauweise Mitte der 1960er Jahre im Wesentlichen auf seine Initiative zurück. Als einer der ersten erkannte er damals, dass damit die Zukunftsfähigkeit der Firma Alexander Schleicher eng verbunden war. Dazu stellte er den frisch gebackenen Ingenieur Gerhard Waibel ein, der danach unzählige Modelle für das Unternehmen entwickelte, mit denen sogar Weltmeisterschaften geflogen wurden.

Auch mit dem Einbau von kleinen Motoren im Rumpf der Segler, damit man bei ungünstigen Thermikverhältnissen nicht notlanden musste, sondern wieder zurückfliegen konnte, hatte Edgar Kremer den richtigen Riecher. Er setzte auf Wankelmotoren, während andere Firmen Zweitakter einbauten und mit diesen Probleme hatten.

Hochphase des Segelflugzeugbaus in der Rhön in den 1980ern

Dieser Weitblick wurde belohnt. 1965 erhielt er seinen Meisterbrief und drei Jahre später wurde er Mitglied der Geschäftsleitung. Ab 1993 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2003 war er alleiniger Geschäftsführer der Firma Schleicher. In seine Zeit an der Spitze fiel die beste Phase im Segelflugzeugbau in den 1980er Jahren. Bis zu 130 Segler wurden pro Jahr gefertigt.

Auch nach Eintritt in den Ruhestand – seine beiden Söhne Uli und Peter übernahmen die Firma – blieb er seinem Unternehmen treu. „Das Rentner-Dasein war nicht so meine Sache“, sagt er und so unterschrieb er einen Beratervertrag, stand seinen beiden Söhnen mit Rat und Tat zur Seite. Die Frage, wie er auf 75 Jahre Betriebszugehörigkeit kommen konnte, beantwortet er mit einem Lächeln. „Ich habe nie gekündigt.“ Und so ist er auch heute noch an den Neuentwicklungen und der Arbeit in der Produktion interessiert. Die Hallen sind ja nur wenige Meter von seinem Haus entfernt.

Schleicher-Segelflugzeugbau

Die Firma Segelflugzeubau Schleicher gehört zu den fünf größten weltweit. Der Betrieb wurde 1927 gegründet. Die 110 Mitarbeiter stellen rund 60 Segelfugzeuge im Jahr her, die in alle Welt geliefert werden.

Edgar Kremer war nicht nur ein Tüftler und Geschäftsführer mit Weitblick, sondern auch ein begeisterter und guter Flieger. So war es für ihn selbstverständlich, die neu entwickelte AS 12, das erste Kunststoffflugzeug, selbst zu fliegen, was recht abenteuerlich war, denn es besaß nach nur einem Jahr Entwicklungszeit noch keine Bremsklappen. Gebremst wurde der Segler mit einem Fallschirm.

Auf insgesamt 15.000 Flugstunden kommt er, war Fluglehrer und Kunstflieger. Seinen letzten Flug absolvierte er mit 87 Jahren. Es waren knapp 1000 Kilometer am Stück. Danach sagte er dem Fliegen altersbedingt adieu, aber er ist bis heute immer noch daran interessiert, was in den Werkshallen passiert.