Nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt sind Demos kleiner als bisher: Woran liegt das?

Zu frustriert, um zu demonstrieren?

Sind die Menschen, die zuletzt gegen AfD und Rechtsruck auf die Straße gingen, einfach müde oder mutlos geworden? Nein, glaubt Sebastian Walter, Leiter der Abteilung für Demokratiearbeit beim DGB Bundesverband. Er koordiniert auch das Bündnis "Zusammen für Demokratie", ein Zusammenschluss von 80 großen und kleinen Verbänden, die sich für den Schutz der Demokratie einsetzen.

Nach der Wahl vergangenen Sonntag, wo die AfD in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent der Stimmen holte, hätten sich viele erstmal aus der "Schockstarre" wieder vorarbeiten müssen, sagt Walter. Was er aber auch wahrnehme: Mittlerweile gebe es in fast jedem Ort in Deutschland kleinere Bündnisse oder Veranstaltungen, die sich für die Demokratie stark machen. Es habe eine starke Dezentralisierung des Engagements gegeben. "Wir sind jetzt anders aufgestellt", sagte er, "die Arbeit findet vermehrt nicht auf dem großen Platz statt, sondern im täglichen Leben."

"Großdemos bringen nicht die gewünschte Veränderung"

Ein Grund dafür sei vielleicht auch, dass viele gesehen hätten: "Großdemos bringen nicht die Veränderung, die man sich wünscht." Vielmehr setze man sich jetzt zusammen, um gemeinsam zu überlegen: "Wie können wir die vorhandenen Strukturen sichern, wie machen wir weiter, wie kann man die demokratischen Initiativen in Sachsen-Anhalt unterstützen?"

"Denn zur Wahrheit gehört auch: Ein demokratisch entstandenes Wahlergebnis kann man nicht wegdemonstrieren." Sebastian Walter, DGB

Für eine solche Dezentralisierung des Engagements spricht auch die Tatsache, dass es nach der Sachsen-Anhalt-Wahl zwar keine riesengroßen Demos gab, dafür aber viele kleine. Die Tageszeitung taz hat begonnen, die Teilnehmerzahlen der bundesweiten Demonstrationen für Demokratie zu dokumentieren. Seit der Wahl in Sachsen-Anhalt hätten mindestens 41.000 Menschen gegen die rechtsextreme AfD demonstriert, schreibt die taz. In der Liste finden sich seit der Wahl 44 Demos bundesweit - meist mit Teilnehmerzahlen von einigen hundert.

"Arbeit wird kleinteiliger"

Auch Christine Brinkmann beobachtet Veränderungen in der Protestszene. Sie gehört dem Bündnis "Prüf NRW" an, das sich für die Prüfung eines AfD-Verbots stark macht. "Die Menschen sind vielfältiger unterwegs", sagt die Düsseldorferin.

"Demos sind auch wichtig, aber nicht das alleinige Mittel, um die Zivilgesellschaft zu stärken." Christine Brinkmann, Initiative "Prüf NRW"

Brinkmann sagt aber auch, dass die relativ klein ausfallenden Proteste in NRW damit zusammenhängen könnten, dass Sachsen-Anhalt eben nicht NRW sei. Die Erkenntnis, dass eine erstarkende AfD auch hierzulande Fakt werden könnte, sei einigen vielleicht noch nicht bewusst. "Manches muss erstmal näher kommen, damit es greifbar wird." Dass in NRW im nächsten Jahr ebenfalls Landtagswahlen stattfinden, hätten viele nicht auf dem Schirm.