Stand: 09.08.2026, 17:54 Uhr
Kommentare

Thorsten Frei sieht keinen Bedarf, sexuelle Identität ausdrücklich im Grundgesetz zu schützen. Das würde die Verfassung „überfrachten", sagt der Unionsfraktionschef nach dem Anschlag auf den Berliner CSD.
Die Jugend hat Angst vor alten Männern im Amt.“ Spontan sang dies kürzlich der Sänger Jas im ZDF-„Morgenmagazin“. Im Netz wurde er dafür gefeiert: für seine Gedanken über eine Generation, die erlebt, wie sich ihre Gegenwart verengt, während andere über ihre Zukunft entscheiden.

Es ist ein Beispiel für viele Widersprüche dieser Zeit. Junge Menschen sollen offen und demokratisch sein und erleben, wie politische Forderungen durchgesetzt werden, die früher als Tabubruch galten. Deshalb klingt der Begriff Backlash fast harmlos.
Der Rückschritt findet allerorten statt, und eine Haltung gegen unsere gesellschaftliche Vielfalt normalisiert sich. Erwartbar ist das in den Debatten über Migration – überraschend in der Neuausrichtung der Bundeszentrale für politische Bildung. Sie soll Linksextremismus und Islamismus stärker ins Zentrum rücken, als wären das unsere einzigen Probleme.
Ebenso taugen Muslim:innen bestens für jeglichen Generalverdacht. Tragisch ist das gerade mit Blick auf den Anschlag auf den CSD in Berlin. Bei den politischen Konsequenzen geht es viel um Grenzverschärfungen und Gefährder, aber auffällig wenig um die Opfer.
Unionsfraktionschef Thorsten Frei sagte, er sehe keinen Bedarf, sexuelle Identität ausdrücklich im Grundgesetz zu schützen, weil das die Verfassung „überfrachten“ würde. Nach einem Anschlag auf queere Menschen erscheint ihr ausdrücklicher Schutz als zu viel. Es ist ein ähnlicher Widerspruch, den auch Familienministerin Karin Prien vermittelt, die Programme gegen Radikalisierung stärken will, aber die Förderung für queere Bildungseinrichtungen wie das Jugendnetzwerk Lambda beendet.
Viele erkennen, wie Lebensrealitäten diskriminierter Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Sie verstehen, dass Rassismus und religiös motivierter Fundamentalismus bekämpft und dabei unterschieden werden müssen. Denn allein die Existenz queerer Muslim:innen zeigt, wie wenig einfache Feindbilder taugen.
Demokratisch wäre es, Verbindungen zu suchen und sich insbesondere den Gefahren von rechts zu stellen. Die Warnungen werden lauter, während die Zustände widersprüchlicher werden. So hat auch der Historiker Götz Aly seine Einschätzung zur AfD verändert. Was er 2025 noch als unzulässige Nähe zur NSDAP bezeichnete, sieht er jetzt anders. Hinweise darauf, wie schnell sich politische Deutungsgrenzen verschieben können.
Die Angst der Jugend ist nicht unbegründet – vor einer politischen Mitte, die Grenzen verschiebt und noch immer darüber diskutiert, ob sie verschoben wurden. Zumal es nicht nur Junge sind, die Angst haben, sondern alle, die den Backlash am eigenen Leib erleben.
Wohin geht es mit uns? Die Antwort findet sich wie oft bei den Verletzlichen einer Gesellschaft. Bei den Kindern, aber auch bei Geflüchteten, die unter Lebensgefahr versucht haben, über die Grenze nach Ceuta zu gelangen, und zu Spielbällen einer Politik wurden, mit der die Staaten versuchen, einander auszutricksen.
„Wir stolpern sehenden Auges in eine andere Republik“, mahnen Meron Mendel und Deborah Schnabel von der Bildungsstätte Anne Frank. Entscheidend ist, wachsam zu sein. Und daran zu erinnern: Das Grundgesetz kennt keine Menschen, die weniger Rechte verdienen.