Nepal: Ist das Land im Himalaya noch eine Reise wert?

09. August 2026

Mark Engeler

Der Berg und das Dorf: Das Dorf Manang in Nepal und der Annapurna III wie auch der Gangapurna

Das Dorf Manang in Nepal. Im Hintergrund sind der Annapurna III (links, 7555 m) und der Gangapurna (7455 m) zu sehen. Bild (2011): Solundir / CC BY-SA 3.0 Deed

Straßen, Baustellen und Menschenmassen verändern den Himalaya. Warum Nepal trotzdem noch immer eine besondere Reise wert ist.

Nicht dass der Eindruck entsteht, es folge nun ein Lamento im Stil von "Früher war alles besser und ich mit dabei": Während der legendären Jahre in Kathmandu zur Hochzeit des Hippie-Trails in den 1960ern war der Autor gerade ein paar Jahre auf der Welt. Es war zweifellos unglaublich, was aber vielen, wie so oft, erst lange später aufgegangen sein wird.

Die Stadt hatte nur einen Bruchteil ihrer heutigen Ausmaße, es gab kaum Autos und Industrie, der Himalaya erhob sich weiß in den klaren blauen Himmel und alles hatte diese märchenhaft anmutende orientalische Aura, welche die Reisenden aus dem Westen suchten.

Das Tal mit den Königsstädten, Dörfern, Feldern und Wäldern, der Lebens- und Kulturraum Kathmandu Valley war ein offenes Museum, mit eben dem Tempo; Hektik war unbekannt, die Zeit stand fast still.

Beispielhaft ist ein bekanntes Luftbild der Stupa von Bodnath von 1963: Das buddhistische Heiligtum liegt inmitten von saftig grünen Reisfeldern, umgeben von Hainen und traditionellen Bauernhäusern. Eine Stadt ist nicht zu sehen. Solche friedlichen, ländlichen Szenen wirkten auf die Außenstehenden paradiesisch. Die Harmonie von Architektur, Religion, Kunst, mildem Klima und üppiger Natur war einzig auf dem Subkontinent.

Kathmandu, Nepal, 1963. Die Stupa von Boudhanath lag Anfang der 1960er Jahre außerhalb von Kathmandu und war von Reisfeldern umgeben.

Kathmandu heute

Als der Autor dreißig Jahre später Bodnath zum ersten Mal sah, war davon wenig übrig. Das Grün war verschwunden, die Bauernhäuser aus Ziegel und Holz den üblichen Betonklötzen gewichen. Der Pilgerort liegt innerhalb der Ringautobahn, also im Zentrum der ausufernden Hauptstadt, nicht an der Peripherie, geschweige denn irgendwo abseits.

Direkt daran vorbeiführt eine Ausfallstraße, wie so oft immer im Bau, verstopft, staubig, laut und Abgas geschwängert. Die Berge am Horizont waren verschwunden.

Im Jahr 2026, noch einmal 33 Jahre später, fällt es wirklich schwer, Positives über das frühere Juwel zu schreiben. Immerhin verletzt das nicht mehr die Gefühle der Bewohner. Der Stolz, Bürger dieser Stadt zu sein, ist der Einsicht gewichen, in einem urban-ökologischen Albtraum zu leben.

Im Frühjahr bei Dürre, Staub und Rauch von Waldbränden wird Kathmandu manchmal die Stadt mit der schlechtesten Luft weltweit. Vermeiden lässt sie sich nicht. Es gibt zwar mittlerweile zwei weitere internationale Flughäfen, doch das ist nur der Name. Ein, zwei Tage müssen überstanden werden.

Mottorräder auf einer breiten Straße in Kathmandu

Kathmandu. Foto (Oktober, 2025): Saddam19 / CC BY-SA 4.0 Deed

Es geht, wenn auch die Mopeds in den engen Gassen nerven, Rundfahrten im Auto sinnlos sind und die Eintrittsgelder im Vergleich zu Locals und Indern ein Vielfaches kosten. Um den Durbar Square und in der verblichenen Freakstreet hat sich etwas vom alten Flair erhalten.

Man bekommt stattdessen – im Himalaya – ob man will oder nicht, einen Eindruck vom Leben in einer Metropole Südasiens.

Zum Trost: Es gibt Härteres als Kathmandu.

Trekking "damals"

Bei Nepal denkt man natürlich zuerst an den Himalaya. Und während der Autor in Kathmandu zu spät war, war er es aber nicht im Himalaya. Natürlich begann er 1993 die Wanderung Richtung Mount Everest nicht direkt in Kathmandu wie einstmals Edmund Hillary. Und Pokhara (damals noch ein Städtchen), berühmt für die Lage am Annapurna Massiv, war schon ans Straßennetz angeschlossen. Doch sonst gab es kaum Verkehrswege.

Nordwand der Annapurna-Kette, gesehen vom Kang-La-Pass (5322) – von links nach rechts: Annapurna II, IV, III und Gangapurna, Annapurna I

Nordwand der Annapurna-Kette, gesehen vom Kang-La-Pass (5322) – von links nach rechts: Annapurna II, IV, III und Gangapurna, Annapurna I. Bild (2004): Leridant / CC BY 3.0 Deed

Das war, zumindest für den Autor, das Faszinierendste: ein Land als Fußgängerzone, ohne Räder. Manche Dörfer hatten mehrere Tausend Einwohner, fast mittelalterlich, doch es gab sozusagen "alles" – nur keine Autos, Lärm und ihr Dreck. Alles wurde getragen, von Menschen, bis zu 100 kg, über Tage und Wochen.

Natürlich war das arm, doch vor der Zeit von Handy und Internet drang das kaum in das Bewusstsein ein. Alle waren Selbstversorger, Fachmänner und -frauen für Familie, Clan, Landwirtschaft und Urwald, starke, zähe Alleskönner. Es gab kaum Dicke, selbst in den Städten. Sie waren noch nicht das globale Proletariat. So etwa musste das Leben in Europa vor der Industriellen Revolution gewesen sein.

Die Regionen im ewigen Eis findet der Autor nicht so spannend, ab 4000 Metern gleichen sich Gebirge überall. Es waren die Streifzüge, manchmal monatelang, das ewige Hinauf zu den Pässen und Hinab zu den Brücken, durch Reisterrassen, dichten Dschungel und Dörfer aller Größen mit geradezu archaischer Lebensweise, die zu der Zeit für ihn Wandern in Nepal geradezu magisch machten.

Trekking jetzt

Seit Ende des Bürgerkriegs 2006 gibt bei Entwicklung und Bautätigkeit kein Halten mehr. Stellenweise könnte man glauben, Nepal sei das Land mit der höchsten Dichte an Baggern, Kippern und Bohrgeräten.

Mittlerweile schlängeln sich überall Pisten und Straßen durch Täler und über Bergrücken, über Terrain, dass man als Laie für unpassierbar gehalten hätte. Öfters ist der Nutzen fragwürdig, noch häufiger die Qualität miserabel, doch kein Dorf will zu kurz kommen. Wenige Branchen sind von der Erschließung so betroffen wie das Trekking-Business.

Das zeigt sich besonders auch in der beliebtesten Region um den 8000er Annapurna. Die Tour um das ganze Massiv dauerte früher 16 bis 18 Tage. Davon übrig geblieben ist eine Kurzwanderung mit vier Marschetappen und zwei Tagen im Jeep. Paradoxerweise bleiben die Besucherzahlen gleich oder steigen sogar leicht an.

Was die Wanderer daran finden, wenn sie auf den Staubpisten vom Verkehr überholt werden, ist schwer zu sagen. Explodiert sind die Zahlen besonders in der Everest-Region. Hier fühlt man sich an die Alpen erinnert, an Hotspots wie Zermatt oder die Drei Zinnen in Südtirol. Das Wandererlebnis "abseits ausgetretener Pfade", mit dem bis heute fast alle Veranstalter werben, ist verschwunden.

Mount Everest (Sagarmatha) von Westen (Kala Pattar)

Mount Everest (Sagarmatha) von Westen (Kala Pattar). Bild: Pavel Novak / CC BY-SA 2.5 Deed

Berühmt sind die Bilder der Warteschlange zum Gipfel des Mount Everest. Weiter unten kommen zu einem Vielfachen an Menschen noch Yaks und Mulis dazu, es ist eine Karawane nach oben und eine nach unten, nur nimmt man davon keine Notiz. Auch die vom Tourismus eher vernachässigten Regionen machen immer weniger Sinn, viele Pfade sind rücksichtslos heraus gesprengten Pisten gewichen.

Und selbst in den entlegensten Ecken kann man immer noch auf die Baustelle eines großen hydro projects (Wasserkraftwerks) stoßen. Kein Zweifel: Das Goldene Zeitalter im Himalaya ist vorbei.

Die Locals werden es auf gar keinen Fall missen, sie wollen mit ihrem Moped bis zur Haustür fahren so wie jeder Deutsche mit seinem SUV in die Garage. Für Menschen mit einem Faible für neue Kulturen und Spaß an körperlicher Ertüchtigung – wirklich nur eine kleine und im Prinzip bedeutungslose Minderheit – ist es ein schmerzlicher Verlust. Doch wie sonst steht die Zeit nicht still und es gilt, das Beste daraus zu machen.

Deswegen lohnt Nepal noch immer

Nach diesem Lamento stellt sich natürlich die Frage: Soll man dann noch nach Nepal fliegen?

In Zukunft wird die Antwort vermutlich häufiger negativ ausfallen, wobei CO2-Diskussion und hohe Flugkosten eher den Ausschlag geben.

Doch es gibt noch Gründe. Das wahre Highlight sind die Menschen, damals und jetzt. Die haben sich zwar auch stark verändert, doch nicht zum Negativen. "Früher" waren es Fröhlichkeit, manchmal Unbeholfenheit und das holprige Englisch der Sherpas, Bergführer und Träger, was viele Wanderer sympathisch fanden. Die Menschen in den Bergen waren gastfreundlich, aufgeschlossen und interessiert.

Alle waren so anders und trotzdem der Umgang mit ihnen so angenehm. Mittlerweile sind viele Nepali von einer Weltgewandtheit, von der sich mancher Tourist eine Scheibe abschneiden könnte. Deutsche Reiseleiter braucht man keine mehr, das erledigt einheimisches Personal deutlich besser und in allen Sprachen der Welt.

Die jungen Guides sind im Umgang mit Smartphones und Sozialen Medien versierter als die meist betagten zahlenden Kunden aus dem Westen. Irgendwie aus Prinzip sind sie einfach optimistischer als Deutsche, die good vibrations sind meistens am Schwingen. Und seit ein paar Jahren ist eine ganze neue Kategorie Nepalis auf den Pfaden unterwegs – die junge urbane Mittelklasse, nun entdecken auch die Einheimischen die Berge für sich.

Es ist immer spannend, mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen. Sie sind höflich, aber nicht mehr unterwürfig, meist gebildet und bestens informiert. Oft sind sie auf Heimaturlaub und arbeiten in den USA oder Europa in einem Weltkonzern oder an einer Universität. Meistens sind sie über unsere Länder weit besser informiert als wir über ihres.

Egal, welcher sozialer Hintergrund: Nepalis sind angenehme Menschen geblieben. Die Begegnung mit ihnen macht auch heute noch eine Reise zum Erlebnis. Natürlich hat auch der Himalaya einen Teil seiner Faszination bewahrt, man kann die staubigen Pisten zum Großteil vermeiden.

Und Kathmandu? – da muss man halt durch.