Ende Juli und Anfang August geht die Lage am Abend auf Weltreise: SPIEGEL-Korrespondentinnen und -Reporter berichten aus den Metropolen und entlegenen Ecken Asiens, Afrikas, Amerikas und Europas. Und natürlich bekommen Sie hier auch weiterhin Ihr Nachrichten-Briefing: News, Meinung, Storys – alles, was am Tag wirklich wichtig ist.
1. Einmal Seele streicheln, bitte
Heimatminister Rainer
Foto:
Gordon Welters / DER SPIEGEL
Heimat verspricht Wärme und Vertrautheit. Sobald Politiker das Wort in den Mund nehmen, wird es allerdings schnell kompliziert: Dann geht es oft weniger um Gefühle als um Zugehörigkeit und Ausschluss – und die nicht ganz harmlose Frage: Wer gehört eigentlich dazu?
Als Alois Rainer neben seiner Rolle als Landwirtschafts- und Ernährungsminister auch noch zum Heimatminister ernannt wurde, ließ die Debatte nicht lange auf sich warten: Braucht Deutschland wirklich ein Ministerium für ein Wort, das nach Geborgenheit klingt, aber politisch so oft als Kampfbegriff endet?
»Alois Rainer ist der blasseste Minister im Kabinett von Friedrich Merz«, schreibt meine Kollegin Deike Diening, die ihn während seiner Sommertour durch den Osten begleitet hat (mehr dazu hier ).
Der Straubinger Metzgermeister besuchte ein brandenburgisches Dorf, dessen Gemeindehaus mit Bundesgeld vor dem Verkauf gerettet wurde. Heute gibt es dort Yoga, Tischtennis, Café und Hochzeiten.
Rainer sagt: Heimat gehöre denen, die sich um das Miteinander kümmerten, nicht denen, die das Gegeneinander organisierten. Dagegen lässt sich schwer etwas einwenden. Aber ist bei dem Thema mehr drin, als »vor Ort die Seele zu streicheln?«, fragt die Kollegin.
Die Menschen vor Ort hätten jedenfalls ein paar Vorschläge: Auch Heimat muss zuerst einfach funktionieren.
Lesen Sie hier die Reportage: Er ist der blasseste Minister unter Merz, jetzt will er punkten
2. Fünf Jahre nach Truppenabzug: Leben in Afghanistan
Afghanische Frau und ein Junge bei einer Hilfeausgabe in Kandahar (im April 2026): »Die Mütter konnten den Kindern nicht mehr helfen«
Foto: Sanaullah Seiam / AFP
Kürzlich wurde erstmals seit der Machtübernahme der Taliban ein Afghane aus Deutschland abgeschoben, der kein verurteilter Straftäter war.
Viel zu selten wird darüber gesprochen, was Menschen nach ihrer Rückkehr eigentlich erwartet. Meine Kollegin Susanne Koelbl, die seit Jahrzehnten nach Afghanistan reist, sagt: »Wer nach Afghanistan abgeschoben wird, gilt dort als Verbrecher – und als Versager.« 2018 nahm sich ein 23-jähriger Rückkehrer noch am Tag seiner Ankunft in Kabul das Leben.
Fünf Jahre nach dem Abzug westlicher Truppen kämpfen Millionen Afghan:innen ums Überleben. Fast 90 Prozent der Kinder unter zwei Jahren leiden unter Ernährungsunsicherheit, sagt Sajjad Mohammed Sajid, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Kabul. In ihrer Verzweiflung verkauften Eltern sogar ihre Kinder.
Die USA haben ihre Hilfe eingestellt, andere Geber schließen die Lücke nicht. »Es braucht Mitgefühl, einen Plan, wie dem Land geholfen werden kann – vor allem den Frauen – und eine Strategie im Umgang mit den Taliban«, findet meine Kollegin Susanne.
Die Bundesregierung lasse seit anderthalb Jahren kaum noch Menschen aus Afghanistan nach Deutschland einreisen, kritisiert Susanne. Gerade gut ausgebildeten Frauen müsse Deutschland die Chance geben, hier zu studieren und zu arbeiten.
Lesen Sie hier das Interview: »Aus den USA kommt keinerlei Unterstützung mehr«
3. Pass, Papa, Pech
Foto: Carlos Osorio / REUTERS
Und nun noch etwas Kurioses aus meiner derzeitigen Heimat Ägypten: Es gibt Liebesbriefe, die rühren zu Tränen. Und es gibt Liebesbriefe, die einen Flug nach Deutschland kosten. Ein Ägypter wollte aus Dubai zurück in seine Wahlheimat reisen, da entdeckten Flughafenbeamte in seinem Pass eine Botschaft seiner kleinen Tochter : »Ich liebe dich, Papa. Wir werden dich vermissen.«
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Leider sind Pässe keine Poesiealben. Die Beamten stuften das Dokument wegen der handschriftlichen Widmung als beschädigt ein, der Mann durfte nicht an Bord. Besonders fies: Seine deutsche Aufenthaltserlaubnis sollte am nächsten Tag ablaufen.
In diesem Sinne: Kommen Sie gut an Ihr Ziel!
Kinder, die Eltern am Reisen hindern, gibt es übrigens auch in Kanada: Flugzeug kann nicht starten, weil Kind sich nicht anschnallen will
Was heute sonst noch wichtig ist
In Westeuropa war es im Juni und Juli so heiß wie noch nie: Hitzewellen, Trockenheit, Waldbrände: Die ersten beiden Sommermonate waren in Westeuropa von Extremen geprägt. Laut dem EU-Klimadienst Copernicus heizten sich auch die Weltmeere auf Rekordniveau auf.
Israel lehnt Trumps 15-Punkte-Friedensplan für Gaza ab: Der vom US-Präsidenten initiierte Gaza-Friedensrat schlägt eine Entwaffnung der Hamas und einen Abzug des israelischen Militärs aus Gaza vor. Doch Benjamin Netanyahu erteilt dem Plan eine Absage.
Scotland Yard beschlagnahmt 90 Wagen im Wert von mehr als neun Millionen Euro: Immer wieder habe es in Londons wohlhabenden Vierteln Beschwerden gegeben, heißt es von der Metropolitan Police. Nun hat die britische Polizei mit einer Großrazzia ein Zeichen gegen rücksichtsloses Fahren gesetzt.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Pauschalurlaub in Nordkorea
Foto: [M] DER SPIEGEL; Fotos: Kim Won Jin / AFP, IMAGO / Sputnik
Es gibt Reiseziele, die man eher nicht auf der Bucketlist hat, aber unbedingt auf der Leseliste: Pauschalurlaub in Nordkorea zum Beispiel. Und dann auch noch russische Touristen, die dort zwischen Strand, Buffet und Staatspropaganda entspannen sollen.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow jedenfalls schwärmte Anfang des Jahres vom neuen Resort Wonsan-Kalma: Das Meer sei herrlich, die Bedingungen ebenfalls. Ein Reiseziel, das man nicht unbedingt über Tripadvisor entdeckt, sondern über den Außenminister.
Deshalb möchte ich Ihnen den Text meiner Kolleginnen Friederike Röhreke und Anna-Lena Schou empfehlen. Wie haben die beiden aus der Ferne eigentlich recherchiert?
»Mithilfe öffentlich zugänglicher Tourismus- und Flugdaten, Satellitenbilder sowie Beiträge in sozialen Medien haben wir rekonstruiert, wie Strandurlaub in einem der abgeschottetsten Länder der Welt aussieht – und welche Zwecke das Resort jenseits des Tourismus erfüllt.«
Hier geht’s zum Text: So machen Russen Pauschalurlaub im nordkoreanischen Wonsan
Was heute weniger wichtig ist
US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez
Foto: Angelina Katsanis / AP / dpa
Eizellen, Eiszeit: Die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, 36, lässt ihre Eizellen einfrieren und dokumentiert die Behandlung auf Instagram. Traurig eigentlich, dass etwas, das 2026 selbstverständlich sein sollte, noch immer als politischer Akt inszeniert werden muss. Aber in Trumps Amerika wird Persönliches schnell politisch, die reproduktive Gesundheitsversorgung gehört längst zum Kulturkampf. Ihre Entscheidung sei auch eine Reaktion auf die Politik der Trump-Regierung, sagte sie in einem Video: »Ich will mehr Kontrolle über mein Leben haben.«
Mini-Hohlspiegel
Aus einer ärztlichen Bescheinigung für eine Knieoperation
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
Es fühlte sich an wie eine Zeitreise: Ich war gerade länger bei meiner Familie in Bayern – und was liegt dort noch immer auf dem Wohnzimmertisch? Eine Fernsehzeitung. Gedruckt. Mit erstaunlich vielen Sommersalat-Rezepten, die ich leider nicht nachmachen werde, aber wirklich gern probieren würde.
Heute blicke ich für Sie zurück in eine Epoche, in der 20.15 Uhr noch ein feststehender Termin war – und nicht nur ein Zeitpunkt, zu dem man auf Netflix wieder nichts findet.
Hier meine drei Vorschläge für Sie:
In der ARD läuft heute die Leichtathletik-EM , für alle, die sehr fitten Menschen gern dabei zusehen, wie sie im Kreis rennen, sehr weit springen oder Gegenstände möglichst elegant werfen. Am besten vom Sofa aus, mit Knabberzeug in Griffweite.
3sat geht mit einer Liebeserklärung ans Wildbaden in der Schweiz ins Rennen. Zu sehen sind türkisgrüne Bergseen, eisige Gletscherflüsse und Menschen, die freiwillig in Wasser steigen, das andere nur zum Kühlen von Getränken nutzen würden.
Und wer weder Sport noch Unterkühlung möchte: Bei Vox feiert »Goodbye Deutschland« 20 Jahre Auswandern . Zwei Jahrzehnte Menschen, die ihre Heimat verlassen, um irgendwo unter Palmen festzustellen, dass auch dort die Bürokratie überraschend anstrengend sein kann und man mit deutschem Schulenglisch doch nicht überall durchkommt.
Handgemaltes Kinoplakat zum Film »Die Odyssee«
Foto: Petros Giannakouris / AP
Wem meine 20.15-Uhr-Empfehlungen zu oldschool sind und wer lieber ins Kino geht: Christopher Nolans »Die Odyssee« verwandelt offenbar gerade halb Deutschland in Altphilolog:innen. Wer beim anschließenden Gespräch über Homer, Heldentum und antike Seefahrt nicht nur bedeutungsvoll nicken will, findet hier die wichtigsten Fakten.
Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Sommerabend. Herzlich
Ihre Dunja Ramadan, Kairo
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die ARD übertrage die Leichtathletik-WM – tatsächlich handelt es sich um die EM. Wir haben die Stelle geändert.