Nicht weil sie faul sind: Warum sich Kinder in der Schule in die letzte Reihe setzen
Stand: 11.09.2026, 21:59 Uhr
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Keine Lust auf Schule und schlechte Noten: Das Klischee der letzten Reihe gibt es schon lange. Doch nicht alle Schüler sitzen deshalb ganz hinten.
Frankfurt – Jeder kennt sie aus der eigenen Schulzeit: die letzte Reihe. Der Platz an der Wand, weit weg von der Tafel, mit dem besten Überblick über den Raum. Wer dort sitzt, gilt schnell als jemand, der keine Lust auf Unterricht hat, lieber quatscht oder abschaltet. Das Klischee hält sich hartnäckig, in Filmen ebenso wie im Lehrerzimmer. Doch stimmt das Bild vom unmotivierten Hinterbänkler überhaupt?

Daniela Kurz sieht das differenzierter. Für die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media hat die Didaktische Leitung an der Stadtteilschule Blankenese in Hamburg in ihrer sechsten Klasse nachgefragt, warum Kinder sich bestimmte Plätze aussuchen. „Ein Klischee bietet vielleicht eine erste Orientierung, aber es hilft nicht weiter, wenn man das Verhalten von Kindern wirklich verstehen will. Je mehr ich mit den Schülerinnen und Schülern spreche und differenziere, desto schneller löst sich das Stereotyp der ‚letzten Reihe‘ auf“, sagt Kurz.
Sicherheit statt Faulheit: Warum sich Kinder in die letzte Reihe setzen
Was die Lehrerin bei ihrer Befragung herausfand, zeichnet ein anderes Bild, als es viele auf den ersten Blick erwarten. „Für manche Kinder bietet die letzte Reihe einen bewussten Schutzraum. Sie haben die Sorge, zu sichtbar zu sein oder unvorbereitet aufgerufen zu werden. Ganz hinten haben sie das Gefühl, dass der Blick der Lehrkraft sie nicht so schnell erreicht und sie eher unter dem Radar bleiben können“, sagt Kurz. Manche Schülerinnen und Schüler setzen sich gerne in die Ecke: „Die Wände im Rücken und der gute Überblick über die Klasse geben ihnen ein Gefühl von Sicherheit.“
Für viele Kinder scheint nicht Faulheit, sondern das Bedürfnis nach Sicherheit der eigentliche Grund für die Platzwahl ganz hinten zu sein. Das deckt sich mit einer Studie der Nias University in Indonesien, die 2025 in der Fachzeitschrift Pedagogika veröffentlicht wurde. Interviews in einer Schulklasse zeigten, dass ein Großteil der Schülerinnen und Schüler die letzte Reihe aus Gründen wie Schüchternheit, Komfort oder Gewohnheit bevorzugte. Manche Befragten gaben an, sich in der hinteren Reihe sogar besser konzentrieren zu können. Die Forschenden stellten die Hypothese auf, dass die Position im Klassenzimmer nur wenig über die Lernmotivation aussagt.
Das sei ein zutiefst menschliches Verhalten, das auch Erwachsene kennen: „Wir Menschen sind auch Gewohnheitstiere, das kenne ich von mir selbst: Als Schülerin habe ich immer gerne weit vorne gesessen, um nah am Geschehen zu sein und mich aktiv einzubringen. Ob im Klassenzimmer oder später in Konferenzen: Oft suchen wir uns instinktiv den Platz, an dem wir uns am wohlsten fühlen.“
Kurz kennt auch die andere Seite: „Natürlich gibt es auch Schülerinnen und Schüler, die auf Distanz bleiben möchten, weil sie sich mehr Freiraum wünschen, mitunter auch, um Dingen nachzugehen, die im Unterricht eigentlich nicht vorgesehen sind.“ Doch das sei eben nur ein Teil der Wahrheit.
Gruppendynamik in der Schule: Wo Kinder sich im Klassenzimmer wohlfühlen
Mindestens ebenso wichtig wie die Persönlichkeit eines Schülers oder einer Schülerin ist laut Kurz die Dynamik innerhalb der Klasse. Die Platzwahl habe oft weniger damit zu tun, welchen Abstand man zur Lehrkraft an der Tafel haben möchte, sondern vielmehr mit der Gruppendynamik. „Die Schülerinnen und Schüler setzen sich dorthin, wo sie sich im Gefüge der Klasse am wohlsten fühlen und wo sie die Nähe zu bestimmten Mitschülern suchen.“
Das kann sich positiv auf die Schulleistung auswirken. Forschende der Universität Groningen in den Niederlanden haben in Grundschulklassen beobachtet, dass befreundete Sitznachbarn einander fördern: Ihre schulischen Leistungen verbesserten sich, während bei Kindern, die keine Freunde waren, eher das Gegenteil passierte. Die Forschenden erklärten den Effekt im Journal of Applied Developmental Psychology so, dass Freundschaft einen geschützten Rahmen schafft. Kinder vergleichen sich weniger und unterstützen einander eher. Sitzen dagegen Nicht-Freunde nebeneinander, führt das eher zu sozialen Vergleichen mit Abgrenzung oder Demotivation als Folge.
Mehrere Untersuchungen zeigen, dass sich die Nähe zur Lehrkraft in einem Klassenzimmer positiv auf den Lernerfolg auswirken kann. Bei konsequentem Frontalunterricht könnte die letzte Reihe dann zum Nachteil werden. In der Stadtteilschule Blankenese arbeitet Kurz bereits an Konzepten, die dieses Problem von selbst lösen: „In flexibel gestalteten Räumen verliert die klassische Sitzordnung an Bedeutung. Das Konzept von ‚vorne‘ und ‚hinten‘ ist in erster Linie für frontale Unterrichtssituationen relevant. Sobald wir differenziertere Lernumgebungen schaffen und die Raumordnung flexibler wird, löst sich diese starre Struktur auf.“ Bis es so weit ist, bleibt Kurz‘ Rat an Lehrkräfte und Eltern: genauer hinschauen, statt vorschnell zu urteilen. (Quelle: Pedagogika, Applied Developmental Psychology, eigene Recherche)