Ein abgedeckter Fischerkahn steht auf einem Kiesstrand, der nach und nach in abtrocknenden Matsch übergeht. An der Stelle, an der eigentlich Tretboote im Wasser liegen sollten, sprießt Unkraut zwischen runden Kieselsteinen hervor. Die Boote hat der Schiffsbetrieb Baumann in Allensbach am Bodensee vor einigen Tagen ins Winterlager gebracht.
Am Fähranleger daneben liegt der „Gnadensee“. Eigentlich wäre in diesen Tagen Hauptsaison am Bodensee, eigentlich würde das kleine Fährschiff täglich mehrere Male zwischen Allensbach und der Insel Reichenau hin- und herpendeln, um Urlauber rüberzubringen. Aber dem Schwäbischen Meer, wie die Menschen im Südwesten den bekannten Binnensee nennen, fehlt das Wasser. „Es ist der Worst Case. Die Tretboote haben wir schon eingemottet“, sagt der Fährmann, der am Anleger sitzt und Spaziergängern Bier und Limo verkauft. „So einen niedrigen Pegel habe ich um diese Zeit noch nie erlebt.“
Die offiziellen Daten bestätigen den Schiffsführer. Der Pegel des Bodensees lag am Mittwoch bei 278 Zentimetern. Der Normalwert für einen 26. August beträgt 362 Zentimeter, der See steht also 84 Zentimeter tiefer als üblich. Der bislang tiefste für diesen Tag im Kalenderjahr gemessene Wert lag bei 281 Zentimetern im Jahr 2003. Gemessen wird der Pegel des Bodensees im Hafen von Konstanz. Ein paar Schritte neben der Statue Imperia an der Hafeneinfahrt steht ein kleines Pegelhaus, in dem die baden-württembergische Landesanstalt für Umwelt (LUBW) die Messstelle betreibt.
In der Regel ist der Pegel im Februar und März am niedrigsten
Der Meersburger Maximilian Thum wertet die LUBW-Daten aus, kombiniert sie mit den Messwerten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes und erstellt Langzeitanalysen. Seine Schlussfolgerung ist klar: Die Pegelstände des Bodensees im Sommer 2026 sind die niedrigsten seit 210 Jahren. Der Pegel liegt seit dem 6. Juli an jedem einzelnen Tag tiefer, als für den jeweiligen Kalendertag seit Beginn der Messungen im Jahr 1817 jemals gemessen wurde. „Ein einzelner Tiefstwert ist Zufall“, sagt Thum der F.A.Z. „Bemerkenswert ist, dass das seit 52 Tagen an jedem einzelnen Tag der Fall ist.“
Dass sich der Pegel des Bodensees im Jahresverlauf verändert, ist normal. Den niedrigsten Wasserstand hat der See in der Regel im Februar und März. Danach füllt der tauende Schnee in den Alpen das Gewässer auf, bis es Mitte Juni seinen Jahreshöchststand erreicht. Rund 40 Prozent seines Einzugsgebiets liegen oberhalb von 1800 Metern, etwa 62 Prozent des Zuflusses kommen über den Alpenrhein. Was im Winter als Schnee vor allem auf den Bergen im österreichischen Vorarlberg und im schweizerischen Graubünden liegt, erreicht den See mit der Schmelze im Frühsommer.
Auswirkungen sind rund um den See zu spüren
In diesem Jahr lag der höchste Pegelstand des Bodensees bis zum 26. August nach den Daten von Maximilian Thum bei 335 Zentimetern – und zwar am 12. Juni. „In keinem Jahr seit 1817 war der Höchststand bis zum 26. August so niedrig“, erläutert Thum. „Der bisherige niedrigste Jahreshöchststand stammt von 1976 und lag mit 362 Zentimetern 27 Zentimeter höher.“
Die Gründe für das Niedrigwasser liegen für LUBW-Präsident Ulrich Maurer in einer Kombination aus schneearmen Wintern in den Alpen, wodurch im Frühjahr das Schmelzwasser fehlt, sowie ausbleibendem Regen und hoher Verdunstung bei andauernd hohen Temperaturen im Hochsommer. „Schon seit Ende November 2025 ist es in Baden-Württemberg zu trocken, und auch im alpinen Einzugsgebiet des Bodensees waren die Niederschläge unterdurchschnittlich“, erläutert Maurer. „Hierdurch führen die Seezuflüsse, insbesondere der Alpenrhein, teils extremes Niedrigwasser, und das sehen wir jetzt auch am Bodensee deutlich.“
Die Auswirkungen sind rund um den See zu spüren. In Strandbädern müssen Badende durch Matsch zum Wasser waten, in mehreren Marinas kommen Segelboote und Motoryachten nicht mehr durch die Hafenausfahrten oder liegen ganz auf dem Trockenen. Die Ausflugsschiffe können Langenargen am Nordufer nicht mehr anfahren, zwischen Stein am Rhein und Diessenhofen Richtung Rheinfall fahren gar keine Schiffe mehr. Die Stimmung an der Hafenmole in Allensbach ist gedrückt. „Bis das Wasser kommt, sind die Urlauber wieder zu Hause“, sagt der Fährmann – und verkauft ein weiteres Bier.