Stand: 03.10.2026, 07:26 Uhr
Pawlohrad wurde im Krieg zum Drehkreuz für Geflüchtete. Mehr als 67.000 Menschen passierten das Transitzentrum. Geleitet wird es von einer Frau, die selbst neu anfangen musste.
Pawlohrad, Ukraine – Früher war die 36-jährige Lilja Semlianaja aus Pawlohrad Regionalleiterin einer Bank. Als sich ihre Heimatstadt nach Beginn der russischen Vollinvasion im Ukraine-Krieg zum Drehkreuz für Geflüchtete – zunächst aus der Region Donezk, später aus ihrer eigenen Region Dnipropetrowsk – wandelte, wechselte sie den Beruf. Heute arbeitet sie beim Relief Coordination Centre und leitet das Transitzentrum in Pawlohrad. Mehr als 67.000 Menschen haben es innerhalb von zwei Jahren passiert. Im Gespräch mit Ippen Digital erzählt sie von den Menschen, die das Transitzentrum erreichen, von ihrer Arbeit und wie sich die Stadt verändert hat.
Frau Semlianaja, Sie sind Leiterin des Transitzentrums für Geflüchtete in Pawlohrad. Wie kam es dazu?
Ich bin in Pawlograd geboren, meiner Heimatstadt, wo ich meine gesamten 36 Lebensjahre verbracht habe. Seit zwei Jahren und zwei Monaten arbeite ich als Leiter eines Transitzentrums. Zuvor war ich Regionalleiterin einer Bank. Als die russische Vollinvasion begann, beschloss ich, mich beruflich neu zu orientieren, da ich den Wunsch verspürte, Menschen zu helfen.

Wie hat sich die Stadt nach Beginn der Vollinvasion verändert? Wie ist es, wenn so viele Menschen nach Pawlograd fliehen? Auch wenn die meisten ihre Reise fortsetzen?
Es hat etwas Schmerzhaftes: Die eigene Heimatstadt wird Teil der Fluchtgeschichte eines anderen. Man schaut auf bekannte Straßen – und plötzlich sieht man Menschen mit Koffern, Kinderwagen, Taschen, Rucksäcken. Menschen, die gestern noch in ihrer Stadt gelebt haben, aber heute nicht wissen, wo sie in einer Woche schlafen werden. Sie durchqueren Pawlohrad, manchmal buchstäblich nur einige Stunden. Aber gleichzeitig auch etwas sehr Menschliches. Pawlohrad wurde zu einem Ort, an dem die Menschen für kurze Zeit durchatmen, essen, sich aufwärmen, Hilfe holen und Transportmittel finden konnten. Die Stadt richtete humanitäre Zentren ein, eine Hotline funktionierte, Freiwillige und einfache Bewohner halfen mit.

Die Menschen fliehen hierher vor der anrückenden Front. Wie lange gibt es das Zentrum schon?
Das Zentrum in Pawlohrad existiert nun seit zwei Jahren. Im August 2024 musste es vom Ort Meschowa, der nun selbst im Frontgebiet liegt, hierher verlegt werden. Es ist auf 250 Menschen ausgelegt. Seit August 2024 haben 67.010 Menschen, darunter 4.202 Personen mit eingeschränkter Mobilität und 12.504 Kinder, das Zentrum passiert.
Wer kommt hier an? Woher kommen die Leute, die dieses Zentrum passieren?
Menschen jeden Alters – von Babys und Kindern bis hin zu älteren Menschen. Unter ihnen sind Familien mit Kindern und ältere Menschen – insbesondere solche, denen es schwerfällt, sich selbstständig zu bewegen, Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten, und einsame Menschen, die bis zuletzt in ihren Siedlungen blieben, weil sie niemanden haben, zu dem sie gehen können. Aber auch viele Menschen, die mit Haustieren erst im letzten Moment fliehen, weil sie nicht wissen wohin mit ihnen. Es sind Menschen, die ihr Zuhause verloren haben oder nicht wissen, ob sie nach Hause zurückkehren können, da es bereits unter Beschuss ist
Wie geht es den Menschen?
Sie sind oft verwirrt, verstehen nicht, was sie als Nächstes tun sollen, weil sie denken, dass sie niemand braucht. Es fällt ihnen schwer, ihre Heimat zu verlassen.
Was sagen die Leute über ihre Evakuierung? Reden sie überhaupt darüber? Oder worüber wollen sie zuerst reden?
Die ersten Gespräche nach der Evakuierung drehen sich nicht immer um den Krieg selbst. Sie beginnen mit banalen Fragen: „Wo kann ich hier mein Handy aufladen?“ „Wann können wir weiterfahren?“ „Wo soll ich die Nacht verbringen?“ „Was passiert mit den Dokumenten?“ „Und wo bekomme ich Medikamente?“ „Gibt es Platz für ein Baby?“ Hinter diesen alltäglichen Problemen stehen oft viel tiefere Gefühle – Unsicherheit, Angst und das Bedürfnis, die Situation wieder zumindest minimal unter Kontrolle zu haben. Über Evakuierung an sich wird auf unterschiedliche Weise gesprochen. Jemand erzählt sofort, woher er kam, was er verlassen hat und was während der Reise passiert ist. Manche reden ausführlich, als ob sie versuchen, das Ganze zu verarbeiten, indem sie über die Erfahrungen sprechen. Andere hingegen schweigen, antworten kurz oder vermeiden es, über das Geschehene zu sprechen. Für viele bedeutet die physische Evakuierung nicht das Ende des Ereignisses – körperlich sind sie bereits an einem sichereren Ort, geistig bleiben sie jedoch zu Hause.

Wie ist ihr Zustand bei der Ankunft – körperlich, psychisch?
Die körperliche Verfassung ist sehr unterschiedlich. Nach einer langen Reise können Menschen erschöpft sein, unter Schlafmangel leiden, hungrig oder dehydriert sein. Manche haben chronische Krankheiten, die sich verschlimmern, andere benötigen ständig Medikamente. Kinder können müde sein, weinen, wählerisch sein oder sich im Gegenteil ungewöhnlich ruhig verhalten. Wenn Menschen lange Zeit in Kellern gelebt haben, können sie krank werden. Es kommt zu Lungenproblemen und Geschwüren. Natürlich haben sie zu Hause nicht mehr die Möglichkeit zum Arzt zu gehen. Und hier gehen sie dann nach langer Zeit zum Arzt und es stellt sich heraus, dass sie an Krankheiten leiden. Auch der psychische Zustand variiert. Es können Ängste, Verwirrung, Furcht, emotionale Erschöpfung, Reizbarkeit oder Gleichgültigkeit auftreten. Manche Menschen scheinen völlig ruhig zu sein – und das bedeutet nicht unbedingt, dass sie nicht viel Stress erlebt haben. Für manche Evakuierte kann bereits der Moment der Ankunft eine Art Pause sein: Sie befinden sich endlich an einem relativ sicheren Ort, wissen aber noch nicht, was sie als Nächstes tun sollen und wo dieses „als Nächstes“ sein wird. Daher ist das Transitzentrum nicht nur ein Ort, an dem eine Person registriert, verpflegt oder zum nächsten Punkt geleitet wird. Dies ist ein Übergangsraum zwischen „Wir waren zu Hause“, „Wir wissen nicht was kommt und wie es weitergeht”, und „Wir wissen wieder, wo wir leben werden“. Und diese Unsicherheit ist oft eine der stärksten Erfahrungen von Evakuierten.
Woher kommen die Menschen?
Bei uns kommen vor allem Menschen aus der Oblast/ Region Dnipropetrovsk an – was an sich traurig ist. Warum ist das so? Zum einen fliehen die Menschen mittlerweile vermehrt aus unserer Region – das sind vor allem Dörfer wie Mykolajiwka, Bogynivka, Kochanivka. Aus Petropawliwka und Schachtarske fliehen die Menschen ebenfalls. Aus der Gemeinde Meschiwska sind es weniger, weil viele schon geflohen sind. Es zeigt, dass die Front auch in unserer Oblast voranschreitet und damit auch an immer näher an Pawlohrad heranrückt. Zudem ist es sicherer und günstiger, Menschen aus frontnahen Gebieten der Region Donezk ins Transitzentrum nach Losova in der Region Charkiw zu bringen. Zu uns können aber auch Leute aus der Region Donezk kommen, insbesondere, wenn sie weiter nach Dnipro reisen, dann ist es natürlich bequemer, hierher zu kommen. Aktuell haben wir einige Menschen aus Kramatorsk hier.
Was können Sie über die aktuellen Geflüchtetenzahlen und die Dynamik sagen?
Aktuell kommen täglich 120–130 Menschen an. Das ist bei uns schon zurückgegangen. Vor drei Monaten hatten wir täglich über 300, manchmal sogar 400 Personen. Jetzt sehen wir also einen rückläufigen Trend.
Woran liegt das?
Viele sind bereits geflohen, und es bleiben jene, die ihre Häuser trotz der Risiken noch nicht verlassen wollen. Wir haben viele Informationsmitarbeiter, die in die Siedlungen gehen, um die Menschen über die Möglichkeiten der Flucht und der Umsiedlung aufzuklären.
Analysten schreiben, die Front stehe still. Was beobachten Sie?
Wir hören und sehen deutlich: Die Front bewegt sich weiter. Ich verstehe nicht, warum die Leute nicht gehen. Es ist wohl für viele zu bedrohlich – die Angst vor der Obdachlosigkeit hält viele zurück.
Wie viele Menschen haben hier heute das Transitzentrum passiert?
Am heutigen Tag hatten wir 80 Menschen, die bei uns angekommen sind, hier zu Mittag gegessen, sich registriert, und dann weiter gefahren sind. Weitere 20 Menschen sind heute eingetroffen, die bei uns übernachten werden.
Die Menschen schlafen hier?
Wir haben Übernachtungsräume mit Betten. Hier im Haus haben wir Räume für ältere Menschen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Draußen stehen außerdem Container mit Räumen für Familien mit Kindern. Aktuell können hier 38 Personen im Haus und 16 Personen in unseren Containerräumen draußen schlafen. So lange, bis sie ihre Dokumente erhalten haben und geklärt ist, wo sie unterkommen können.
Wie wird den Menschen hier geholfen?
Im Transitzentrum bieten wir rechtliche, psychologische Hilfe, medizinische Hilfe und Beratung, Handarbeitshilfe, Lebensmittelpakete und Hygienepakete. Es gibt natürlich eine medizinische Evakuierungen. Es gibt Fälle, in denen Menschen verwundet aus dem Beschuss gebracht werden. Wir weisen sie in ein Krankenhaus ein und bringen sie nach der Behandlung an einem vorübergehenden Wohnort unter. Aktuell bereiten uns die andauernden Luftalarme Probleme - die Behörden stellen dann ihre Arbeit ein, nichts funktioniert mehr. Das verzögert natürlich die Wartezeit für die Menschen hier enorm.
Gibt es ausreichend Schutzräume?
Wir haben Schutzräume aufgestellt für circa 80 Personen.
Wie wird denn für die vielen älteren Menschen hier gesorgt? Können sie sich duschen und wer versorgt sie?
Wir haben im Haus Toiletten und Waschbecken. Vor dem Haus sind weitere mobile Toiletten- und Duschstationen aufgestellt. Es ist in der Tat ein Problem für die Menschen mit eingeschränkter Mobilität – nicht alle können oder wollen hinausgehen zum Duschen. Besonders im Winter ist es ein Problem.
Pawlohrad ist circa 70 Kilometer von der Front entfernt. Vor einem Jahr waren es noch circa 100. In Kramatorsk wurde jüngst ein Evakuierungspunkt direkt angegriffen. Wie schätzen Sie die Sicherheitslage hier ein?
Nun, bis Ende dieses Jahres müssen wir aufgrund der Sicherheitslage den Ort wechseln. Der Beschuss wird immer intensiver. Wir suchen aktuell nach einem sichereren Ort. Ob es bei Dnipro sein wird oder woanders, das wissen wir noch nicht. Es geht auch darum, von Anfang an sicherzustellen, dass wir für bessere Bedingungen vor Ort sorgen und Inklusion mitgedacht wird. Die Front steht also nicht still – sie rückt stetig näher an Pawlohrad heran.