Stand: 16.08.2026, 06:00 Uhr
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Es ist aus dem Bieberer Ortskern nicht wegzudenken und die erste Adresse für Bekleidung: das Textilhaus Zwicklbauer. Dennoch haben die Inhaberinnen beschlossen, den in dritter Generation geführten Laden zum Jahresende zu schließen.
Offenbach – Und wieder wird Offenbach um ein Traditionsgeschäft ärmer. Das Bieberer Mode- und Textilhaus Zwicklbauer, die erste Adresse im Ort für Bekleidung, schließt zum Jahresende – nach 93 Jahren.
„Es hat verschiedene Gründe. Und es war keine leichte Entscheidung, aber für uns ist sie richtig“, sagt Gabriele Erfiliz, die mit ihrer Schwester Christine Vollmöller gemeinsam in dritter Generation den Laden betreibt. Zum einen, so die 64-Jährige, will sie mit ihrem Mann, der bereits seit drei Jahren in Rente ist, die Zeit genießen nach so vielen Jahrzehnten im Verkauf. Zum anderen hätten Bekleidungsgeschäfte einen immer schwereren Stand. „Wir haben beide zwei Kinder, keins davon will den Laden übernehmen. Sie haben ihre eigenen Berufe oder studieren.“ Jüngere Leute würden ohnehin meist im Internet einkaufen.
Die Schwestern sprechen von einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn für ihre beiden sehr engagierten, stets zuverlässigen und bereits älteren Kolleginnen tue ihnen der Entschluss leid. „Und auch für unsere Stammkunden.“ Diese hielten ihnen lange die Treue. „Sie bedauern die Schließung, manche kamen schon als Kind mit ihren Müttern her, äußern aber auch Verständnis.“ Dank ihnen habe sich der Laden wirtschaftlich getragen, sei die Online-Konkurrenz nie eine ernsthafte Bedrohung gewesen. „Besonders Wäsche und BHs will man doch anfassen, anprobieren und sich ordentlich beraten lassen“, betont Vollmöller.
Eröffnet 1933 von Alois Zwicklbauer
Und gerade die Beratung ist es, die Zwicklbauer auszeichnet. Die Verkäuferinnen nehmen sich Zeit, bringen die Stücke zum Anprobieren, nette Gespräche inklusive. Hinterher kommt man mit passenden Teilen raus – und wenn man sich nicht gleich entscheiden kann, gibt es eine Auswahl an Kleidungsstücken zum Überlegen mit nach Hause. „Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht, die Kunden haben unser Vertrauen, bis auf eine Ausnahme, nie missbraucht“, sagen die Schwestern.
Der Großvater von Erfiliz und Vollmöller eröffnete das Geschäft im Jahr 1933. Sein Name war Alois Zwicklbauer, er stammte aus Niederbayern – daher Zwickl ohne ,e‘. Zunächst befanden sich die Verkaufsräume etwas weiter oberhalb des heutigen Standorts. Der Bieberer Heimatbote schrieb zum 25. Geschäftsjubiläum 1958: „Klein war der Anfang und doch verstanden es die Eheleute Zwicklbauer mit ihrer freundlich-uneigennützigen Art, bald einen guten Kundenstamm zu gewinnen. Ihre Mühe und ihr Fleiß, vor allem die reelle Bedienung, ließen ihren Laden schnell zu klein werden.“
Als Anfang der 60er-Jahre die S-Kurve an der Bieberer Hauptstraße umgebaut wurde, folgte der Umzug in das neu errichtete Haus an der Aschaffenburger Straße. Zuvor befand sich an der Stelle das Café Mariandl. Die neuen Ladenflächen nahmen das ganze Erdgeschoss ein, bevor sie 1989 auf die heutige Größe verkleinert wurden.
Von der Kittelschürze zum Marken-Bikini
Das ursprüngliche Sortiment umfasste vorwiegend Kurzwaren, Wolle, Kinder- und Herrenbekleidung sowie Strümpfe. Heute unvorstellbar: ein Laufmaschenservice. Kunden konnten ihre löchrigen Strumpfhosen in ein Kästchen legen und flicken lassen. „Kittelschürzen verkauften sich früher auch gut. Die hat unsere Oma noch selbst genäht“, erinnern sich die Schwestern, die das Geschäft 1999 von ihrer Mutter übernahmen. Die studierten Betriebswirtinnen haben von ihr alles „nebenbei“ gelernt, verbrachten schon als Kind viel Zeit im Laden, wohnten sogar in den Räumen darüber.
Kittelschürzen sind längst nicht mehr zu finden, auch sonst hat sich das Sortiment der Zeit angepasst. Für Herren gibt es noch Strümpfe und Nachtwäsche. Damen finden, auch in Übergrößen, Marken-Oberbekleidung, Bikinis und Bademode sowie Unterwäsche, insbesondere BHs in allen Größen und Formen. Eine Auswahl an Kurzwaren gibt es nach wie vor, ebenso Hosenträger und Stofftaschentücher. Wichtig ist den Inhaberinnen, hochwertige Ware aus europäischer Produktion anzubieten. Wenn sie an die mit dem Onlinehandel verbundenen massenhaften Retouren denken, schüttelt es sie. „Diese Berge an weggeworfenen Textilien. Und die Transportwege. Und zugleich reden die Leute von Nachhaltigkeit.“
Es folgt „jemand, der zu Bieber passt“
Einen festen Platz im Veranstaltungskalender haben die hauseigenen Modenschauen im Frühjahr und Herbst. Für den 30. September ist wieder eine geplant – die letzte. „Wir haben lange überlegt, ob wir noch die neue Kollektion bestellen, und uns dann dafür entschieden“, berichten Erfiliz und Vollmöller. Die Kunden sollen bis zur Schließung möglichst das gesamte Sortiment vorfinden. Es gibt auf alles 20 bis 50 Prozent Rabatt.
Ein neuer Mieter für die Ladenräume ist bereits gefunden. Genaueres wollen die Schwestern aber noch nicht verraten. Nur so viel: „Es ist jemand, der zu Bieber passt.“