Stand: 18.07.2026, 06:00 Uhr
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Beim Seniorennachmittag in Heusenstamm diskutieren die Teilnehmer über Einsamkeit. Pfarrerin Sandra Scholz spricht dabei aus eigener Erfahrung.
Heusenstamm – „Geh aus, mein Herz, und suche Freud.“ Mit dem bekannten Kirchenlied von Paul Gerhardt beginnt der Seniorennachmittag im Gemeindesaal der Gustav-Adolf-Kirche. Das gemeinsame Singen ist Auftakt zu einem Nachmittag, der ein Thema in den Mittelpunkt stellt, das viele Menschen betrifft, worüber aber oft geschwiegen wird: Einsamkeit.
Einsamkeit ist weit mehr als nur das Alleinsein, macht Pfarrerin Sandra Scholz den Anwesenden klar. Und sie sei auch keine Frage des Alters, sondern könne Menschen in jeder Lebensphase treffen. Laut Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundesfamilienministeriums fühlten sich inzwischen vor allem junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren besonders häufig einsam.
Viele Betroffene schämten sich, glaubten, sie seien selbst schuld an ihrer Einsamkeit, sagt die Pfarrerin. Scholz umschreibt Einsamkeit mit Hunger oder Durst nach Verbundenheit, nach dem Gefühl, dazuzugehören und einen Platz in der Gemeinschaft zu haben.
Pfarrerin spricht bei Seniorennachmittag in Heusenstamm aus eigener Erfahrung über Einsamkeit
Einsamkeit habe viele Gesichter, sagt die Pfarrerin. Sie kann auf emotionaler Ebene entstehen, etwa nach dem Verlust eines Partners oder enger Bezugspersonen. Aber auch im sozialen Bereich, wenn Freundschaften fehlen. Auch körperliche Einsamkeit nennt Scholz, die durch mangelnde Nähe und Berührung entstehe. Eine weitere Form: die kulturelle und kollektive Einsamkeit. Dabei erlebten sich Menschen nicht mehr als Teil einer Gemeinschaft.
Scholz nennt aber nicht nur abstrakte Beispiele, sondern gibt einen Einblick in ihre Seele. Obwohl sie als junge Pfarrerin täglich mit vielen Menschen Kontakt hatte, habe sie sich von der Studienzeit bis hin zu ihrer ersten Pfarrstelle besonders einsam gefühlt. Von außen sei ihr Innenleben kaum sichtbar gewesen. Zwar habe sie viel mit Menschen gesprochen, aber „eben nie über sich selbst“, sagt sie.
Im Anschluss an den Vortrag von Scholz entwickelt sich eine lebendige Debatte. Eine der Fragen: Welche Folgen hat die unerfüllte Sehnsucht nach Zugehörigkeit? Depressionen, psychische Erkrankungen und ein erhöhtes Suizidrisiko, antworten die Seniorinnen und Senioren.
Teilnehmer sehen das Thema als gesellschaftliche Aufgabe
Für Teilnehmerin Heike Meyer ist der Nachmittag Anlass, den eigenen Blick auf das Thema zu erweitern. Einsamkeit sei nicht nur eine persönliche Herausforderung, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Meyer wünsche sich mehr Orte, an denen Menschen unkompliziert miteinander ins Gespräch kommen können, unabhängig vom Einkommen. Gerade in Wohngebieten fehle es oft an Begegnungsmöglichkeiten, stattdessen nehme die Anonymität zu, beklagt sie.
Pfarrerin Sandra Scholz betont, dass Einsamkeit den sozialen Zusammenhalt schwäche und sich langfristig auch auf die Gesundheit der Betroffenen auswirke. Sie zu bekämpfen sei aber nicht allein individuell möglich, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Umso wichtiger seien niedrigschwellige Angebote, Nachbarschaft, Ehrenamt und Orte, an denen Begegnung selbstverständlich werde.
Positive Beispiele gebe es, sagt Scholz und nennt als Beispiel den Verein Silbernetz. Er bietet anonyme Telefongespräche für alle Menschen „die einfach mal reden wollen“, heißt es auf dessen Webseite.
Pfarrerin nennt Beispiele für Beratungsangebote für Betroffene
Die Gemeindeschwestern Plus besuchen ältere Menschen (meist ab 80 Jahre) zu Hause, beraten sie zu Unterstützungsangeboten und fördern soziale Teilhabe. Außerdem verweist Scholz auf das aus England und Irland stammende Konzept des Sozialen Rezepts. Dabei verschreiben Ärztinnen und Ärzte nicht nur Medikamente, sondern vermitteln Patientinnen und Patienten gezielt in Gemeinschaftsangebote wie Bewegungsgruppen, Kultur- oder Ehrenamtsprojekte.
Der Seniorennachmittag macht deutlich: Gegen Einsamkeit gibt es kein Patentrezept. Oft beginnt der erste Schritt jedoch ganz einfach, indem Menschen aufeinander zugehen und miteinander ins Gespräch kommen.