So schön klingen Albträume: Phoebe Bridgers' neues Album 'Lost Weekend'

Phoebe Bridgers: So schön klingen Albträume

Endlich: Nach langer Wartezeit ist das neue Album der kalifornischen Songwriterin erschienen.

16.08.2026, 05.30 Uhr

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Schreibt Songs von grosser Leuchtkraft: Phoebe Bridgers.

Schreibt Songs von grosser Leuchtkraft: Phoebe Bridgers.

Olof Grind

Auf die Frage, weshalb bei den Grammy-Awards Männer öfter nominiert würden als Frauen, erklärte der Academy-Chef Neil Portnow 2018: Frauen müssten sich halt mehr anstrengen, wenn sie erfolgreiche Musikerinnen, Tontechnikerinnen und Produzentinnen sein wollten. Fünf Jahre später diktierte eine junge Songwriterin folgenden Satz in die Mikrofone einiger Journalistinnen und Journalisten: «Neil Portnow sagte, Frauen im Musikgeschäft müssten sich mehr anstrengen, wenn sie einen Grammy bekommen wollten . . . Ich sage ihm: Ich weiss, dass du noch nicht tot bist, aber wenn du es dann bist, hoffe ich, dass du in deiner Pisse verrottest.»

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Die Musikerin war Phoebe Bridgers. Sie hatte mit ihrer Alternative-Rock-Band Boygenius gerade bei den Grammys abgeräumt, worauf der «Rolling Stone» das Frauentrio aufs Cover seiner Februar-Ausgabe setzte: in Anzügen und Krawatten. Auf den ersten Blick eine Nachstellung des berühmten Fotos der Grunge-Band Nirvana, die sich 1994, ebenfalls für den «Rolling Stone», in Business-Montur ablichten liess. Aber es war auch eine Kampfansage an die Musikindustrie: Männer, jetzt übernehmen wir! Kurz darauf wählte das «Time»-Magazin Bridgers zu den zwölf wichtigsten Frauen des Jahres.

Vergangenen Freitag erschien «Lost Weekend», das dritte Soloalbum der 31-jährigen Kalifornierin. Sechs Jahre hat sie seit ihrer letzten Platte verstreichen lassen, womit man heutzutage einen beträchtlichen Bedeutungsverlust riskiert, aber Bridgers schaffte es auf mehreren Nebenschauplätzen immer wieder, im Gespräch zu bleiben. Zum einen waren da die erwähnten Grammys, zum andern die neun Konzerte, die sie 2023 im Vorprogramm von Taylor Swifts «The Eras»-Tour spielte – mehr Promo ist schlicht unmöglich. Die Frage war höchstens, ob das Stadionscheinwerferlicht einen hörbaren Einfluss auf ihr neues Album haben würde.

Die Antwort: Nein. Phoebe Bridgers’ Songs sind noch immer von grosser Leuchtkraft; geheimnisvoll, einsam, melancholisch, wie man sie von den Farbfotos von William Eggleston kennt. Das hat mit den uramerikanischen Motiven zu tun, die ihre Texte bevölkern: Spukhäuser, Shopping-Malls, Tankstellen. Zigaretten, Motelzimmer, TV-Apparate. Neonlichter, Landstrassen, Autounfälle. Im Lyrical-Clip zu «Lost Boys» braust ein Motorradfahrer, Freundin auf dem Rücksitz, mit 90 statt 55 Sachen durch eine Videogame-Landschaft zwischen Vorgartenidylle und Autofriedhof-Apokalypse in sein «neues Leben». «Lost Boys», singt die Erzählerin zur Lagerfeuergitarre, «werden nie erwachsen.»

«Lost Weekend» ist nicht das bessere Album als sein Vorgänger «Punisher», aber atmosphärischer und mit stimmungsvollen Überblendungen zwischen Folk, Indie-Rock und Americana. Man kann es als logische Fortschreibung eines Erzählbogens hören, der inzwischen ein ganzes Jahrzehnt umspannt. Auf den Spuren von Springsteen, Joni Mitchell oder Elliott Smith fährt Phoebe Bridgers die Sehnsuchtskulissen des Grossen Amerikanischen Songbooks auf und schiebt sie, gespielt mit der rebellischen Geste der Neunziger, vor die flimmernde Oberfläche des Netflix-Zeitalters.

Phoebe Bridgers: Lost Weekend (Dead Oceans)

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