Pulse
Politisches Wohlwollen, lokaler Widerstand: Eine Rundschau zu Rechenzentren in der EU
Von Italien bis Irland wird der Ausbau von Hyperscalern vorangetrieben, Regulierungen gibt es wenig
Hannah Krause
Der anhaltende KI-Boom befeuert allersorts den Bau von Rechenzentren. Die Europäische Kommission wird voraussichtlich noch diesen Monat eine 20-Milliarden-Euro-Ausschreibung für den Aufbau sogenannter KI-Gigafabriken veröffentlichen, an der sich die Mitgliedsstaaten beteiligen können. Oft wohlwollende Regierung sehen sich zunehmend mit lokalem Widerstand gegen die enorm energiebedürftigen, umweltschädlichen Anlagen – sowie fehlenden Regulierungen – konfrontiert. So auch im oberösterreichischen Kronstorf, wo Google derzeit seine erste Anlage in Österreich baut. Eine Zusammenarbeit im Rahmen der transnationalen Journalismus-Initiative Pulse ermöglicht einen Lagebericht aus verschiedenen europäischen Ländern.
Fast-Track-Verfahren
Bei einer Durchsicht der Rechercheergebnisse zeigt sich schnell: Alle Länder haben gemein, dass ihre Regierungen den Ausbau von Rechenzentren grundsätzlich unterstützen. So positioniert sich etwa Frankreich aktiv als Standort für KI-Gigafabriken, berichtet Voxeurop. Der Staat habe laut dem nationalen Stromnetzbetreiber RTE bereits 65 geeignete Standorte und weitere fünf "Fast-Track"-Standorte für KI-bezogene Rechenzentren identifiziert.
Insbesondere ehemalige Industriestandorte werden hierfür vermarktet – teils direkt gepaart mit Anschlussmöglichkeiten an das Stromnetz sowie maßgeschneiderten Stromtarifen. So etwa auf dem Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerks Montereau, wo ein 4-Milliarden-Euro-Hyperscaler entstehen soll. In Châteauroux plant Google acht bis zehn Rechenzentrumseinheiten auf einer Fläche von etwa 195 Hektar, es befindet sich im letzten Schritt vor der Baugenehmigung.
Apropos Genehmigungsverfahren – im Rahmen der sogenannten "Green Industry"-Reformen wurden Zulassungsfristen verkürzt. Die NGO La Quadrature du Net bezeichnete die Reformen als "Verleugnung der Demokratie". Zudem hat die Regierung erwogen, den Fast-Track-Status für "Projekte von großem nationalem Interesse" auf große Rechenzentren auszuweiten. Gleichzeitig wurde kürzlich festgelegt, dass Genehmigungen verweigert werden können, wenn Rechenzentren "strukturelle Belastungen" hinsichtlich Wasserressourcen verschärfen.
Laut Voxeurope gibt es zwar Widerstand gegen derartige Projekte, dieser sei jedoch ungleichmäßig verteilt und oft lokal begrenzt. Ein Beispiel hierfür ist La Courneuve, wo Anwohnerinnen und Anwohner aufgrund von Lärm, Kraftstofflagerung, mangelnder Bürgerbeteiligung und kaum lokalen Arbeitsplätzen eines Projekts des Rechenzentrumsbetreibers Interxion protestierten. Auch das Google-Projekt ist aufgrund mangelnder Transparenz und Umweltbedenken umstritten. Landesweite Initiativen bleiben bislang jedoch aus.
Industriebrachen
Auch in Italien werden Rechenzentren gerne damit beworben, aufgelassene Industriestandorte zu sanieren wiederzubeleben. So sollen etwa in Pregnana Milanese gleich drei Rechenzentren auf den ehemaligen Werksgeländen von Citroën, Iveco und Olivetti entstehen, die 20 Prozent der bebauten Fläche der Gemeinde ausmachen. Kommunen begrüßen die Rechenzentren deshalb in der Regel, wie OBCT berichtet. Außerdem profitieren sie von durch die Bauträger entrichteten Erschließungsabgaben. Teilweise werden auch Ausgleichsmaßnahmen vereinbart, das heißt, der private Sektor finanziert öffentliche Infrastruktur als Ausgleich für die verursachten Auswirkungen.
Nach Angaben des Data Centre Observatory am Politecnico di Milano sind für den Zeitraum 2026–2028 Investitionen in Höhe von insgesamt 25,4 Milliarden Euro in den Rechenzentrums-Sektor geplant. Ein Gesetz, das den Bau neuer Rechenzentren regelt, gibt es derzeit nicht. Die Abgeordnetenkammer hat einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der der Regierung die Aufgabe übertragen würde, den Sektor zu regulieren – der Senat berät derzeit darüber. Lediglich in der Lombardei, wo rund um Mailand etwa die Hälfte aller italienischen Anlagen konzentriert ist, trat im Mai ein regionales Gesetz in Kraft.
Ebendort haben sich verschiedene Bürgerinitiativen gebildet, die sich gegen den Bau neuer Rechenzentren wehren. Sie befürchten primär einen weiteren Flächenverbrauch – der bereits jetzt sehr intensiv ist. Derzeit sind diese Gruppen jedoch noch relativ klein.
Vermehrter Widerstand
Deutlich größere Kampagnen gibt es in Irland. Dies ist mitunter dem Umstand geschuldet, dass das Land nach wie vor an der Spitze des Rechenzentrums-Sektors in der EU steht. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 ergab, dass insgesamt 89 Rechenzentren vermutlich in Betrieb waren, wobei sich zu diesem Zeitpunkt 11 im Bau befanden und für über 30 weitere eine Baugenehmigung erteilt worden war oder ein Berufungsverfahren lief. Ein aktueller Bericht der EU-Kommission schätzt die Gesamtzahl der Standorte in Irland ebenfalls auf 123.
Wie The Journal Investigates berichtet, haben Betreiber in den meisten Fällen keine Schwierigkeiten, eine Baugenehmigung zu erhalten. Vielmehr hat die irische Regierung Maßnahmen ergriffen, um ihren Wunsch nach der Ansiedlung und dem Betrieb weiterer Rechenzentren in Irland deutlich zu machen. Bis zum vergangenen Dezember galt in Dublin zwar ein De-facto-Moratorium für den Bau neuer Anlagen, da es an Netzkapazitäten fehlte. Das bedeutete jedoch nicht, dass der Ausbau eingestellt wurde, vielmehr wurde auf Erdgas umgesattelt. Das Moratorium wurde mit der Bedingung aufgehoben, dass neue Anschlüsse an das Stromnetz mindestens 80 Prozent ihres jährlichen Energiebedarfs durch zusätzliche Projekte im Bereich erneuerbarer Energien decken müssen.
In der Regel sind neue Rechenzentren Gegenstand von Beschwerdeverfahren seitens Anwohnern und Umweltaktivisten. Lange Verfahrensdauern bei der Beschwerdekammer bringen Projekte durchaus ins Stocken. Immer wieder kommt es auch zu Klagen vor dem High Court, dem obersten Zivil- und Strafgericht der Republik. Und auch in der parlamentarischen Politik gibt es Widerstand: Irlands wichtigste Oppositionsparteien haben kürzlich einen Antrag auf Wiedereinführung des Moratoriums eingebracht. Dieser wurde jedoch von der Regierung abgeschmettert.
Anfang des Jahres wurde bekannt, dass Irland eines der Gastländer für eine der von der EU ausgeschriebenen KI-Gigafabriken sein soll. Wobei es bislang nur sehr wenig Informationen zu dem Projekt gibt, wirft dieser Umstand Fragen auf, wurde Irland doch in einem UN-Bericht über die Umweltauswirkungen des ungebremsten KI-Wachstums als "abschreckendes Beispiel" angeführt. (Hannah Krause, DER STANDARD; Conor O’Carroll, The Journal Investigates, Lola García-Ajofrín, El Confidencial; Lorenzo Ferrari, OBCT; Gian-Paolo Accardo, Voxeurop, 18.7.2026)
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