Die Zuschauerplätze im Saal 2.002 im Landgericht Rostock waren an diesem 24. August bis auf den letzten Platz besetzt. Viele, die den 22. Verhandlungstag im Prozess um die Ermordung des achtjährigen Fabian aus Güstrow verfolgen wollten, hatten sich dafür sehr früh angestellt, doch nicht alle fanden Platz. Auch etwa 50 Medienvertreter waren diesmal anwesend.
Nach vier Monaten mit Matthias R. schwanger
Der Grund für dieses große Interesse war die Ankündigung, dass die des Mordes an Fabian Angeklagte Gina H. sich erstmals äußern wollte. Was sie dann auch tat - sie verlas über mehrere Stunden lang eine 95-seitige Erklärung. Die sie jedoch nicht selbst verfasst hatte, sondern ihr Anwalt Thomas Löcker „nach ihren Notizen“, wie er versicherte.
Die Anklage wirft Gina H. vor, den achtjährigen Fabian am 10. Oktober 2025 an einem Teich bei Klein Upahl, etwa 15 Kilometer südlich von Güstrow, erstochen und die Leiche anschließend in Brand gesetzt haben. Als Motiv sieht die Staatsanwaltschaft, dass Gina H. wieder eine Beziehung zu Matthias R. aufbauen wollte, Fabian soll dabei gestört haben. In dem seit dem 28. April laufenden Indizienprozess wurden bereits Dutzende Zeugen gehört und zahlreiche Gutachten vorgelegt. Gina H. ist wegen einer psychischen Störung Erwerbsrentnerin.
In der sogenannten „Einlassung“ ging die 30-Jährige zunächst sehr ausführlich auf ihre Beziehung zu Fabians Vater Matthias R. ein. Sie hätten sich seit der Schule gekannt und dann 2021 wieder getroffen. Schon nach zwei Monaten zog sie bei ihm in Groß Breese ein, nach vier Monaten war sie unerwartet schwanger. Es folgte eine Abtreibung, über die sich beide einig waren, doch Gina H. beschrieb, dass sie sich danach schlecht und allein gelassen gefühlt habe. Es folgte ein Kreislauf aus Streitereien - bei denen Matthias R. auch so gewalttätig wurde, dass sich Gina H. durch einen Schubser den Ellbogen brach - Trennungen und Versöhnungen.
Am Anfang sei Fabian wöchentlich abwechselnd bei seiner Mutter und bei seinem Vater gewesen - das heißt, damit auch bei Gina H. und ihrem Sohn J., der genauso alt wie Fabian ist. Das Verhältnis zwischen ihr und Fabian beschrieb Gina H. als gut. Als Fabian Zeuge der Gewalt gegen Gina H. wurde, wollte er keinen Kontakt mehr zu seinem Vater.
Am 12.8. mit Fabian am Badesee, am 13.8. trennt sich M.
Sie habe den Jungen dann lange nicht mehr gesehen. Just am 12. August 2025 hätten sie, ihr Sohn und Fabian einen gemeinsamen Tag zu dritt an einem Badesee verbracht, kurz nachdem sie ihm zufällig begegnet sei. Da habe sich Fabian leicht am Fuß verletzt, sie habe im Auto die kleine Wunde mit einem Küchentuch abgetupft, weshalb nach Fabians Tod in ihrem Pickup ein solches mit seinem Blut gefunden wurde. Zufall oder nicht: Am 13. August trennte sich Matthias R. von Gina H., also am nächsten Tag.
Nachdem die 30-Jährige auf ihr Verhältnis zu ihren Pferden, zu ihrer Familie, auf ihre finanzielle Situation und auf die Bedeutung ihres Sohnes für sie - in dieser Reihenfolge - eingegangen war, folgten Beschreibungen von Gina H.s Beziehungen zu drei Männern, die alle auch als Zeugen im Prozess eine Rolle spielen.
Belastung ihres „guten Freundes“ C.
J. sei schon seit Jahren ein väterlicher Freund. Mit C., mit dem sie bereits am 13. Oktober Fabians Leiche an dem Tümpel bei Klein Upahl gefunden hat, einen Tag vor dem von ihr offizielle gemeldeten Fund, habe sie sich nach der Trennung von Matthias R. über Monate mindestens alle zwei Tage getroffen. Die Treffen waren heimlich, seine Frau und seine Kinder sollten davon nichts erfahren, doch die Beziehung sei nicht sexuell gewesen, bestätigte sie die Aussage von C., sie hätten sich nur zwei Mal geküsst. Ansonsten hätten sie geredet, wenn sie sich mittags trafen oder von 22 bis 1 Uhr Nachts im Auto unterwegs waren.
Gina H. neben ihrem Anwalt Thomas Löcker bei der Eröffnung der Verhandlung im Landgericht Rostock am 24. August.
© Jens Büttner/dpa
An dieser Stelle beteuerte Gina H., wie wichtig ihr C. als Freund gewesen sei: „Die erste und letzte Nachricht am Tag war von ihm. Ich wollte C. unbedingt gefallen“, sagte sie. Und: „Ich kann nicht erkennen, ob ich mich dafür verstellt oder angestrengt habe.“ Sie sei in der Kindheit oft geärgert worden, sagte sie an anderer Stelle. „Vielleicht war das der Grund, dass ich süchtig nach Aufmerksamkeit und Komplimenten war.“
Doch später belastete Gina H. ihren „guten Freund“ C. schwer. Sie beschrieb, dass er am 13. Oktober, als sie beide nach Fabian suchten, sehr zielgerichtet den Tümpel angesteuert habe, wo sie dann tatsächlich auch die Leiche von Fabian fanden.
Zuvor hatte sie noch gesagt, sie hätten überhaupt nur in dieser Gegend gesucht, weil im Internet gesagt worden sei, dort könnte eine Suche sich lohnen. Ihre erste Begründung sei unwahr gewesen, dass sie dort gesucht hätten, weil sie dort schon einmal mit Fabian und J. Schlitten gefahren sei, gab sie zu. C. habe durch sein Nachtsichtgerät bis auf 200 Meter Entfernung alles trotz Dunkelheit sehr gut erkennen können. Außerdem hatte er auch eine Taschenlampe dabei. Sie dagegen sei nachtblind. Sie habe ihn nicht geführt, sondern sie seien mindestens nebeneinander gegangen.
Bei seiner Zeugenaussage hatte C. erklärt, Gina H. habe ihn quasi zum Tatort geführt und als er gegen etwas stieß, das er nicht richtig erkennen konnte, sofort erklärt, dass das Fabian sei.
Nachbar O. wird der Lüge bezichtigt
Sie habe sofort die Polizei rufen wollen, doch das habe C. auf keinen Fall gewollt - angeblich, weil er als Jäger in einem fremden Jagdrevier war. Daher ging sie danach zu ihrem Nachbarn O., mit dem sie lange Zeit eng befreundet war, der ihr oft half und häufig kleine Geschenke machte - auch finanzieller Art. Doch Matthias R. sei eifersüchtig auf ihn gewesen und verbot ihr den Kontakt. O. habe ihr nach der Trennung von Matthias R. gesagt, wenn sie wieder zu ihm zurückkehre, würde er ihr das Liebste, das sie habe, zerstören: ihre Liebe zu Matthias. Sie habe ihm deshalb nicht erzählt, dass sie und M. sich am Wochenende vor dem 10. Oktober - dem Tag von Fabians Verschwinden und seinem Tod - wieder angenähert hätten.
Mordfall
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Die Angeklagte fuhr am Abend des 13.10. also mit O. erneut zum Tatort - doch auch dieser wollte danach nicht die Polizei rufen, weil er meinte, dass sie gar nicht richtig erklären könnten, warum sie Fabian gefunden haben.
Sie bezichtigte O. der Lüge in Bezug auf die Turnschuhe, die er angeblich für sie verstecken sollte, und auch bei seinen Aussagen zu einem Messer und und einer Flasche mit Grillanzünder, die in dem Fall eine Rolle spielen. Fabian wurde, nachdem er mit sechs Messerstichen getötet wurde, angezündet.
Es könnte sein, dass sie zufällig am Tümpel vorbeifuhr
Gina H. beschrieb dann genau den 10. Oktober und weshalb sie in Güstrow in der Nähe von Fabians Wohnung in ihrem auffälligen orangen Pickup gesehen wurde: Sie habe für ihre Oma zur Volksbank gehen sollen, dort aber festgestellt, dass sie die Bankkarte vergessen habe, und dann nachgedacht was sie machen solle. Deshalb saß sie im Auto. Sie habe sich dann entschieden, mit den Hunden im Wald spazieren zu gehen. Das Foto davon habe sie kurz nach elf Uhr gemacht. Dieser Wald ist nicht weit vom Tatort entfernt. Das Handy habe sie in dieser Zeit ausgeschaltet, damit sie besser über sich und M. nachdenken könne.
Nachfragen des Gerichts wenn, erst später möglich
Gegen 13 Uhr habe sie sich mit C. am Krebssee getroffen. Die Forensiker vermuten eine Tatzeit zwischen 10 und 15 Uhr für Fabians Mord. Dass genau für diese Zeit auch die Bewegungsdaten ihres Pickups gelöscht seien, sei Zufall, so Gina H., sie habe noch nicht einmal gewusst, dass es diese gäbe.
„Welchen Weg ich genau nach dem Spaziergang auf die Hauptstraße gefahren bin, weiß ich nicht mehr. Dass ich dabei an dem Tümpel vorbei gekommen sein könnte, an dem später Fabian gefunden wurde, habe ich nicht registriert. Ich kannte mich in der Gegend nicht aus“, so Gina H.. Zeugen hatten sie auf einem Feldweg in der Nähe des Tümpels in ihrem orangen Pickup gesehen. Auch wenn ihr Psychiater noch nicht einmal eine durchschnittliche Intelligenz zusprechen würden, „wäre ich nicht so dumm gewesen und an Zeugen vorbeigefahren, wenn ich die Tat begangen hätte“, sagte sie.
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Ihre Googlesuche danach, ob Wildschweine Menschen fressen würden, begründete sie in ihrer Erklärung damit, dass C. sie darauf aufmerksam gemacht hätte. Der Polizei hatte sie in einer ersten Vernehmung dazu gesagt, ihr Handy müsse wohl gehackt worden sein.
Auch, dass sie anfangs Fabians Mutter beschuldigt habe, bereue sie jetzt. Sie habe Fabian nicht getötet, beteuerte Gina H. am Ende ihrer Erklärung. „Hätte ich ihn getötet, hätte ich das Gefühl gehabt, mein eigenes Kind zu töten.“
Der Vorsitzende Richter Holger Schütt bat darum, Nachfragen stellen zu dürfen, er könne nicht allem Glauben schenken aus der Einlassung der Angeklagten. Das lehnte die Verteidigung ab, schloss die Möglichkeit dafür zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus. Pflichtverteidiger Andreas Ohm stellte noch mehrere Anträge auf weitere Zeugenvernehmungen. Allerdings soll am 10. September das Urteil gesprochen werden.
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