Bild: Shutterstock.com
Fast 50 Jahre lang gehörte die Serie zum Freitagabend. Ihr Ende erzählt vom Abschied einer Fernsehkultur. Gegen Netflix & Co. haben Gewohnheiten keine Chance.
46 Jahre lang gehörte "Ein Fall für zwei" zu den Konstanten des deutschen Fernsehens. Über Jahrzehnte versammelte die Reihe am Freitagabend Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm.
"Nach reiflicher Überlegung" traf der öffentlich-rechtliche Sender nun die Entscheidung, sich von der Kultserie zu verabschieden.
Das ist Teil eines schleichenden Abschieds von einer Fernsehkultur, die für die Generation des linearen Fernsehens selbstverständlich war, und die weitgehend verschwunden ist: Man setzt sich am Freitagabend vor die Kiste und schaut Krimi.
Verlässlich wie Matula
Fast ein halbes Jahrhundert lang folgten Freitagabende im ZDF einer schlichten Dramaturgie. Ein Anwalt und ein Detektiv, der für die schmutzige Realität zwischen Gerichtssaal und Frankfurter Hinterhöfen und damit auch für gelegentlich notwendige Faustkämpfe zuständig war.
Die Serie erfand das Fernsehen nicht neu. Sie musste es auch nicht. Sie war so verlässlich wie Claus Theo Gärtner als Matula, der erst noch als Polizist und dann als Privatdetektiv dem Anwalt zur Seite steht – und gerade deshalb erfolgreich.
In Zeiten, in denen Streamingdienste mit immer neuen Formaten um Aufmerksamkeit kämpfen, wirkt eine solche Konstanz fast exotisch. Wer heute eine Serie startet, weiß oft nicht, ob sie eine zweite Staffel erlebt.
Ein Fall für zwei überlebte dagegen Generationen von Schauspielern und Zuschauern. Günter Strack als Anwalt Dieter Renz wurde später durch Rainer Hunold ersetzt; Claus Theo Gärtner als Matula zum eigentlichen Gesicht der Reihe. Als Gärtner 2013 nach mehr als 300 Folgen ausschied, schien die Geschichte eigentlich erzählt.
Dass das ZDF die Marke 2014 dennoch neu startete, war mutig – und erstaunlich erfolgreich. Antoine Monot und Wanja Mues machten aus der alten Idee eine neue Serie, die weitere 13 Jahre Bestand hatte.
ZDF: "Würdiger Abschluss"
Nun soll mit vier Folgen der 13. Staffel, die im kommenden Jahr ausgestrahlt werden sollen, Schluss sein. Den "endgültigen Schlusspunkt" soll anschließend ein 90-minütiger Spielfilm setzen, der erst 2027 gedreht wird und der die Geschichte "zu einem würdigen Abschluss" bringen soll (Hörzu).
Ganz ausschließen will man eine spätere Wiederbelebung offenbar nicht. Sonst würde man den Schlusspunkt kaum erst 2027 setzen. Im Fernsehen ist schließlich selbst ein endgültiger Abschied manchmal nur bis zur nächsten Programmreform endgültig.
Offiziell spricht das ZDF von einer stärkeren Konzentration auf wenige Freitagskrimis. Das klingt nach Programmstrategie. Tatsächlich markiert die Entscheidung einen tieferen Wandel.
Jahrzehntelang konnte das Fernsehen seinen Zuschauern Gewohnheiten anbieten. Heute jagt es ihrer Aufmerksamkeit hinterher. Aus der Treue zum festen Sendeplatz ist der permanente Wettbewerb um den nächsten Klick geworden.
Gewohnheiten abschaffen als Geschäftsmodell
Krimis gibt es mehr denn je. Was verschwindet, ist eine Fernsehkultur der Routinen. Früher entschied der Programmplatz, was Millionen Menschen am Freitagabend gemeinsam sahen. Heute entscheidet immer häufiger ein individualisiertes Empfehlungssystem, was jeder Einzelne als Nächstes anklickt.
Die eigentliche Konkurrenz von "Ein Fall für zwei" sind am Ende nicht andere Krimis. Es sind Plattformen, deren Geschäftsmodell darin besteht, den Zuschauer nie zur Ruhe kommen zu lassen.
Das klassische Fernsehen wollte Gewohnheiten schaffen. Die Streamingwelt will sie permanent unterbrechen. Zwischen beiden Logiken ist für einen Freitagabend als nationales Ritual irgendwann kein Platz mehr.