Stand: 22.07.2026, 06:00 Uhr
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Michael Ziem aus Mainz hat einen Stuhl entwickelt, der nur 2,5 Kilogramm wiegt und leicht montiert werden kann. Der gelernte Musikalienhändler hat dafür vier Jahre lang getüftelt.
Offenbach – Michael Ziem braucht nur wenige Handgriffe, dann ist aus mehreren flachen Holzteilen ein stabiler Stuhl geworden. Genauso schnell verschwindet er wieder in einem Turnbeutel. Was auf den ersten Blick wie ein ausgefallenes Designobjekt wirkt, ist das Ergebnis von vier Jahren Entwicklungsarbeit – und Beweis dafür, dass eine Unternehmensgründung keine Frage des Alters ist.
Während viele Menschen in der Rente zur Ruhe kommen, hat der gelernte Musikalienhändler aus Mainz lieber ein eigenes Start-up gegründet: Meiz. Seit Anfang Juli präsentiert er seine minimalistischen Steckmöbel im Offenbacher Testraum an der Großen Marktstraße. Dort möchte er nicht nur seine Produkte verkaufen, sondern auch mit Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch kommen und herausfinden, wie seine Ideen im stationären Handel ankommen.
Die Idee für den „Mitnehmer“, wie Ziem seinen Steckstuhl nennt, entstand nicht am Reißbrett, sondern bei Konzerten. Musik begleitet Ziem schon sein ganzes Leben, bereits als Kind begeisterte er sich für Klang, später absolvierte er eine Ausbildung zum Musikalienhändler. Noch heute besucht er regelmäßig Open-Air-Veranstaltungen wie das Frankfurter Festival „Stoffel“ im Günthersburgpark.
„Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich bei solchen Veranstaltungen einfach gern einen bequemen Sitzplatz dabeihätte“, erzählt Ziem. Gerade bei längeren Konzerten oder Ausflügen wolle er nicht mehr auf dem Boden sitzen. Daraus entstand die Idee eines Stuhls, den man überallhin mitnehmen kann, ob zu Festivals, Wanderungen, Picknicks oder einfach in den Park.
Ebenso prägend: seine Begeisterung für das Bauhaus-Design. Schon mit Anfang 20 faszinierte ihn die Idee, Gegenstände auf das Wesentliche zu reduzieren. Schlicht, funktional und langlebig sollten sie sein. Genau diesem Prinzip folgt auch der „Mitnehmer“.
Der Stuhl besteht aus Birke-Multiplex, einem besonders stabilen Schichtholz. Trotz seines Gewichts von lediglich 2,5 Kilogramm trägt er bis zu 100 Kilogramm. Zusammengelegt misst er lediglich 60 mal 40 Zentimeter und passt damit problemlos in einen Turnbeutel.
Dass Ziem auf ein Stecksystem setzt, hat mehrere Gründe. Zum einen wollte er möglichst materialsparend arbeiten. Denn Nachhaltigkeit spielt für ihn eine wichtige Rolle. Zum anderen verzichtet er bewusst auf Scharniere oder andere Metallverbindungen. „Viele Klappstühle haben bewegliche Teile, die irgendwann ausleiern oder kaputtgehen können“, erklärt er. Bei seinem Konzept werden die einzelnen Holzelemente einfach zusammengesteckt. Sitzfläche und Rückenlehne halten über ein Verbindungselement an den beiden Seitenteilen und stabilisieren sich gegenseitig.
Leicht zu montieren, dauerhaft belastbar
Die größte Herausforderung beim Entwerfen bestand darin, eine Steckverbindung zu entwickeln, die leicht montierbar wie dauerhaft belastbar ist. Die Sitz- und Rückenfläche bestehen aus zwölf Millimeter starkem Holz, tragende Elemente aus 15 Millimetern. Rund 220 Exemplare hat Ziem inzwischen verkauft.
Dass er erst im Rentenalter gegründet hat, empfindet er nicht als ungewöhnlich. Zwar erlebe Ziem gelegentlich, dass jüngere Menschen ihn zunächst unterschätzten. Davon lasse er sich jedoch nicht beirren. „Ich weiß, was ich kann“, sagt er selbstbewusst. Für ihn zählt weniger das Alter, als die Leidenschaft für eine Idee.
Mit dem Einzug in den Offenbacher Testraum beginnt für Michael Ziem nun ein neues Kapitel. Das Ladenlokal ermöglicht Gründerinnen und Gründern, ihre Geschäftsideen für ein bis drei Monate unter realen Bedingungen zu testen. Das Projekt ist Teil der Testraum-Allee, einem Baustein des Zukunftskonzepts Innenstadt der Stadt Offenbach. Ziel ist es, Leerstände mit neuen, wirtschaftlich tragfähigen Konzepten zu beleben und den Einzelhandel vielfältiger zu gestalten.
Für Isabel Glavasevic, Projektmanagerin des Zukunftskonzepts Innenstadt, ist genau das der Gedanke hinter dem Testraum. „Wir wollen neue Einzelhandelskonzepte ermöglichen und Menschen die Chance geben, ihre Ideen auszuprobieren“, erklärt sie. Angesichts des Strukturwandels im Einzelhandel, der Konkurrenz durch den Online-Handel und den Folgen der Corona-Pandemie brauche es neue Angebote, die Menschen wieder in die Innenstadt locken. Michael Ziems Möbel passten deshalb hervorragend in dieses Konzept.
Und auch an neuen Ideen mangelt es nicht: Bereits jetzt arbeitet Michael Ziem an weiteren Modellen mit Textilbespannung sowie an zusätzlichen Steckmöbeln. Denn für ihn ist der „Mitnehmer“ erst der Anfang einer Produktfamilie, die Design, Funktionalität und Nachhaltigkeit miteinander verbindet. (von Joline Kochhafen)