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Schluss mit erzwungener Harmonie im Job: "Man muss sich nicht vor Konflikten fürchten"
Reibereien und ungelöste Spannungen sorgen in vielen Unternehmen für Probleme. Eine Expertin verrät, wie man sie löst – und wie Teams durch Streiten sogar wachsen
Franziska Zoidl
"Konflikte? Die gibt es bei uns nicht!" Solche Aussagen hört die Psychologin Gabriele Lang, Expertin für Leadership und Kollaboration unter Druck, immer wieder von Führungskräften. "Und im nächsten Satz regt man sich über andere auf, jammert, macht Schuldzuweisungen oder stellt fest, dass Mitarbeitende kündigen oder fehlbesetzt sind.“
Was dabei oft nicht erkannt wird: Dem würden häufig ungelöste Konflikte zugrunde liegen. Meist würde diesen aber nicht auf den Grund gegangen, sondern Reibereien ignoriert und maximal deren Symptome behandelt.
Der Druck wächst
Dabei wäre eine gute Konfliktkultur im Unternehmen ausgerechnet jetzt wichtiger denn je. Die wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheiten setzen laut Lang derzeit viele Beschäftigte unter Druck. "Die Gelassenheit sinkt in der aktuellen Situation. Und damit steigen Konflikte und Friktionen." Unterschiedliche Meinungen seien zwar noch lange kein Konflikt. Unter Stress würden sie aber schneller eskalieren.
Konflikte zeigen sich laut Lang zunächst oft indirekt: Meetings drehen sich im Kreis. Wichtige Entscheidungen werden vertagt. Es wird immer mehr über- als miteinander gesprochen. Der Flurfunk brodelt. In der Firma bilden sich bestimmte Lager, die immer schlechter miteinander können.
Konflikte vermeiden
Lang findet es wegen der damit verbundenen Symbolwirkung wichtig, dass solche Konflikte von der Führungskraft adressiert werden. Sie betont gleichzeitig aber auch die Handlungsfähigkeit jedes Einzelnen, diese Themen anzugehen: "Oft ist in Betrieben die Meinung verbreitet, dass man eh nichts ändern kann. Das stimmt nicht", betont die Expertin.
Das Problem: Die meisten Menschen gehen Konflikten im Job lieber aus dem Weg – übrigens auch Führungskräfte. Ein Fehler, wie Lang betont: "Man muss sich nicht vor Konflikten fürchten", sagt sie, "denn sie sind ein Wachstumsmotor". Nicht nur das: Reibungen in Teams könnten sogar produktiv sein. Gerade gesunde Teams würden laut der Expertin streiten, "dabei aber natürlich konstruktiv bleiben".
Und wie man konstruktiv bleibt, wenn die Wogen hochgehen, lasse sich erlernen. Ein erster und möglicherweise überraschender Schritt: sich selbst besser kennenlernen. Es gilt, herauszufinden, wie man in bestimmten Situationen reagiert, zum Beispiel, wenn man in einem Meeting plötzlich mit Vorwürfen konfrontiert wird oder man einem Choleriker gegenübersitzt, der schnell durch die Decke geht. "Wenn man in solchen Situationen erstarrt, flüchten oder kämpfen will, dann ist das nicht das geeignete Verhalten", sagt Lang. Und daran müsse man zuallererst arbeiten.
Die Kollegin wird laut
Dann müsse man aber auch durch ehrliche Neugier sein Gegenüber kennenlernen, um sich auf hitzige Meetings vorzubereiten. Dazu gehört zum Beispiel, zu lernen, wie der Kollege oder die Kollegin üblicherweise reagiert. Wer weiß, dass die Kollegin bei Stress immer laut wird, kann das antizipieren – und sich davon nicht aus dem Konzept bringen lassen.
Wenn einem sein Gegenüber immer mit Vorwürfen kommt, könne man sich bestimmte Phrasen überlegen, mit denen man ihn einbremst und zum eigentlichen Thema zurückholt. "Man muss da psychologisch und taktisch klug hineingehen", sagt Lang. Und vor allem gut erholt und bloß nicht gereizt, um das Beste für alle aus einem klärenden Gespräch rauszuholen.
Gutes Ziel
Vorab rät die Expertin auch dazu, für sich selbst ein Ziel zu formulieren. Und dabei realistisch zu bleiben. "Man kann andere nicht zur Veränderung zwingen, aber wenn ich die Formel ändere, ändere ich das Ergebnis", sagt Lang. Wer also anders vorbereitet in eine Diskussion geht, wird möglicherweise auch ein anderes Outcome erzielen.
Angst vor Konfrontation sollte man also keine haben. Zugleich muss man aber auch nicht jeden Konflikt austragen. Lang empfiehlt, die Entscheidung für oder gegen das klärende Gespräch anhand zweier Fragen zu treffen: Ist das Thema wichtig oder nicht? Und ist mit der Person in Zukunft Kollaboration gewünscht oder nicht? Wenn man einander zum Beispiel ohnehin beruflich aus dem Weg gehen kann, müsse man in die Lösung des Konflikts auch nicht viele Ressourcen stecken.
Apropos Ressourcen: "Ich habe keine Zeit für Konflikte", auch das hört Gabriele Lang in ihrer Arbeit oft. Was sie dann entgegnet: "Dann ist der Leidensdruck noch nicht groß genug." Und fragt nach, wie viel Arbeitszeit und Produktivität durch Streitereien in dem Unternehmen eigentlich verloren gehen. Das bringe oft eine ganz neue Perspektive in Unternehmen: "Die Antwort darauf findet sich nämlich in keinem Unternehmens-Bericht wieder." (Franziska Zoidl, 22.7.2026)
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